BC Historical Books

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Ein Ausflug nach Britisch-Columbien im Jahre 1858 Friesach, Carl, 1821-1891 1875

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THE LIBRARY
THE UNIVERSITY OF
BRITISH COLUMBIA   1 N^
|     Ipi einausflug|   f'  Bfl
britisch-columbienB
1      P^B ' £  IM JAHRE 1858« BJHBiM   : ^
VON
DR CARL FRIESACH.
SEPARATABDRUCK  AUS   DEN   MITTHEILUNGEN   DES   NATUR-
WISSENSCHAFTLICHEN VEREINES.
J -A. XX IX <3- -A. JXT GV     1G7 5.
"-waa^tswm—
GRAZ 1875.
DBUCKEEEI:   LeYKAM-JoSEFSTHAL,   CRAZ.  Em Ausflug nach Britisch - Columbien im
Jahre 1858.
Yoa Dr. Carl Friesach.
Am 26. August 1858 traf ich, in Begleitung eines Reise-
gefahrten Herra Vaudrey, eines englischen Touristeri, von einem
Ausfluge nach den Dalles des Columbia zuruckkehrend, zum
dritten Male zu Portland ein, in der Absicht, sobald als moglich
die Ruckreise nach Californien anzutreten. In Portland fanden
wir die ganze Bevolkerung in grSsster Aufregung ob der so eben
aus den neuentdeckten Goldfeldern am Fraserflusse eingelaufenen
Nachrichten, welche den alleinigen Gesprachsstoff bildeten. Es war
daher kein Wunder, dass auch in uns der Wunsch rege wurde, einen
Blick in das von Portland aus in wenigen Tagen zu erreichende, bisher
fast unbekannte Wunderland zu werfen, und uns das Treiben der
Goldwascher in der Nahe anzusehen. Hierzu boten sich uns zwei
Wege dar: der Wasserweg durch die Columbia-Mundung, oder
der Landweg quer durch das Washington - Gebiet an den Puget-
Sund und dann zu Schiff nach der Bellingham-Bai oder Fraser-
Mundung. Ersterer ware allerdiugs der bequemere und kiirzere
gewesenj aber da wir an dem Grundsatze festhielten, nie ohne
Nothigung den namlichen Weg zweimal zu machen, und iiberdies
keine Lust hatten, die gefahrliche Barre an der Mundung des
Columbia noch einmal zu passiren, entschieden wir uns nach kurzem
Schwanken, fur den Landweg.
Den kurzen Aufenthalt in Portland benutzte ich zur Vor-
nahme einer genauen Ortsbestimmung und zu magnetisehen Be-
obachtungen. Ausserdem trieb ich mich viel im nahen Walde
umher, und brachte von diesen Ausfliigen gewohnlich einige
wilde Tauben  und graue   Eichhornchen als Beute heim.    Das
1 oregonische -Eichhorn hat fast die Grosse eines Kaniucben:=, und
ist wegen seines zarten Fleiscbes ein sebr beliebtes Wildpret. An
Baumstammen bemerkte ich haufig das kleine, vierstreifige Erd-
eichhSrnchen (Tamias quadrivittatus), das noch flinker als das
Eichhorn klettert. Im Gestriipp jagte ich einige Male grosse
Ketten von Waldhiihnern auf. Dieselben sind weiss und brauu
gesprenkelt, unserem Scjmeehuhne ahnlich, aber grosser, und
heissen hier Grouse.
Die Jagd ist in Oregon noch ergiebiger als in Kalifornien.
Bei der geringen Schonung, welche der Amerikaner dem Wilde
angedeihen lasst, durfte aber dieser Zustand nicht lange dauern,
und zwar urn so weniger, als der in Europa Wald und Felder
bevolkernde, schwer auszurottende Feldhase, in Amerika nicht
vorkommt. Es ist eine bekannte Sache, dass in Amerika das Wild
rasch aus der Nahe der Ansiedlungen verschwindet und sich iu
die weit ausgedehnten Wiilder und Steppen Mchtet. Wer eine
ergiebige Jagd mitmachen will, schliesst sich daher meistens
eiuer Jagergesellschaft an, und streift mit derselben wocbenlaug
im Walde umher. Mancher leidenschaftliche Jager zimraert sich
wohl auch mitten im Walde eine Hiitte und verbringt daselbst
allein die ganze warmere Jabreszeit, nur gelegentlich das nacbste
Stadtchen besuchend, urn seine Jagdausbeute zu verkaufen. Dem
Reisenden wird seitens des Jagers jederzeit die gastfreundlichste
Aufnabme zu Theil. Die Hutte bleibt immer offen stehen, und
es ist landesiiblich, auch in Abwesenheit des Besitzers darin zu
nachtigen und sich der Lebensmittelvorrathe zu bedienen. Beim
Weggehen pflegt man in einem solchen Falle ein Aequivalent in
Geld zuriickzulassen.
Einmal begegnete mir im Walde ein Jager, der mich auf-
forderte, ihm zu einem sumpfigen todten Arme des Willamette
zu folgen, um Enten zu schiessen. Als wir von einer Anhobe
aus des Sumpfes ansichtig wurden, war derselbe in seiner ganzen
Ausdehnung dieht mit Wasservogeln bedeckt. Wir drangen nun
vorsichtig durch das Gebiisch vorwarts und waren bereits den
Enten ungefabr auf 100 Schritte unbemerkt nahe gekommen, als
mein Begleiter den Unfall hatte, tiber einen gefallten Baumstamm
zu fallen, wobei sein Gewehr sich entlud. Auf den Knall floe-
der ganze Schwann davon.   Die zwiscben dem Sumpf'e und der _B	
Stadt sich ausdehnende feuchte Wiese beherbergt eine grosse
Menge schwarzer, auf dem Riicken mit zwei rothen Streifen ge-
zeichneter Nattern, welche sich im Grase so schnell fortbewegen,
dass man ihnen nur schwer zu folgen vermag. Werden sie ein-,
geholt, so halten sie an und machen Miene, sich zur Wehre zu
setzen.
Wenn ich von meinen Waldspaziergangen in der Mittags-
hitze heimkehrte, war ich meistens geneigt, ein Schwimmbad zu
nehmen, ein Vergniigen, dass ich in San Francisco wegeD des
den ganzen Sommer hindurch dort wehenden eisigen Nordwindes,
und der selten 12° R. erreichenden Temperatur des Wassers
menials haben konnte, das ich aber in dem grunen, durchsich-
tigen Wasser des Willamette im vollsten Masse genass.
Am 30. urn 8 Uhr Frtih traten wir am Bord der „Senorita"
die Weiterreise an. Nach kurzem Aufenthalte zu Fort Vancouver
ging es den Columbia hinab. Unterwegs gerieth ein kleines Boot,
das wir am Schlepptau hatten, durch die aus dem Schornsteine
herabfallenden gliihenden Koblenstiickchen in Brand, was aber
erst bemerkt wurde, als das Boot sammt den darin befindlichen
Rudern zum grossten Tbeile verkohlt war. In der Station Rainier
wurde Breimholz eingenommen, was einen anderthalbstiindigen
Aufenthalt verursachte, worauf wir in den Cowlitz einliefen,
welcber Rainier gegeniiber, sich in den Columbia ergiesst. Wenige
Minuten spater stiegen wir am rechten Ufer zu Monticello,
m geogr. Meile oberbalb der Miindung, an's Land. Ich hatte
niemals eine billigere Fahrt gemacht. Fur die siebenstiindige
Reise, Friihstuck und ein sehr gutes Mittagessen mit eingerechnet,
betrug der Preis nur 1 Dollar. Diese beispiellose Wohlfeilheit
erkiarte sich aus dem Dmstande, dass die „Senorita" zu einer
Opposition-line gehorte. So nennt man in Amerika eine Dampfer-
linie, welche ihre Nebenbuhlerinnen dadurch, dass sie die Passa-
giere um unmassig billige Fahrpreise befordert, zu ruiniren
trachtet. Das reisende Publikum gewinnt bei diesem Man5ver
nur momentan, denn wenn es gelingt, die anderen Dampfschiff-
Gesellschaften zur Einstellung ihrer Fahrten zu zwingen, so gehen
die Preise sogleich wieder in die Hohe. Von Monticello aus wird
die Reise nach Olympia gewobnlicb auf fiach gebauten Rader-
booten bis zur Station-Upper-Landing fortgesetzt.   Da aber kein Boot in Bereitschaft war und das Gasthaus zu Monticello nicht
sehr einladend aussah, unser Gepack aber nicht anders als zu
Wasser fortzuschaffen war, liessen wir uns von einem unserer
Reisegefahrten, dessen Ziel gleichfalls Olympia war, bereden, das
Gepack dem Wirthe zur Weiterbeforderung zu uberlassen, und
die ganze Strecke bis Olympia zu Pferde, zuruckzulegen. Nach
kurzem Aufenthalte machten wir uns auf den Weg und trabten
auf sehr gutem, ebenem Wege fiber eine Stunde lang langs dem
Flusse fort, worauf wir links in den Wald einbogen, aus welchem
wir erst nach Sonnenuntergang auf einen freien Platz gelangten,
wo ein einzelnes Farmerhaus, einem Herrn Chapman gehorig,
stand. Da kurz vorher einige vom Fraserflusse heimkehrende
Goldwascher eingetroffen waren, verdankten wir es nur unserem
Reisegefahrten Herrn M'Fadden, der als Oberrichter (Chief
justice) des Washington-Gebietes im ganzen Lande bekannt war,
dass wir noch Aufnahme fanden. Beira Abendessen herrschte eine
sehr lebbafte Conversation. Der Chief justice, ein redseliger Irlander
eroffnete dieselbe, indem er manche interessanten Falle aus seiner
Gerichtspraxis zum Besten gab. Darauf fiel das Gesprach auf das
unvermeidliche Thema vom Goldwaschen, wobei es auch bis zum
Auseinandergehen der Gesellschaft blieb. Einer der anwesenden
Gaste zeigte einige Unzen von ihm gewaschenen Goldes vor, das
aus lauter schuppenartigen, diinnen Blattchen von einigen Linien
Durchmesser bestand.
Am 31. August waren wir schon fruhzeitig reisefertig und
machten uns urn 6 Uhr auf den Weg.' Derselbe fiihfte fast
ununterbrochen durch hochstammigen Wald. Die Waldvegetation
erinnert in mancher Beziehung an diejenige unserer Alpen, mit
dem Unterscbiede jedoch, dass hier im fernen Westen, wo die
Axt erst seit wenigen Jahren thatig ist, die Baume wahrhaft
riesige Dimensionen zeigen. Es ist keineswegs eine Uebertreibung,
wenn ich sage, dass 5 bis 8 Fuss Durchmesser und 200 Fuss
Hohe im oregon'schen Walde nur einen Baum von mitfclerer
Grosse ausmachen. Der Wald besteht zum grSssten Theile aus
Nadelholz vom Gesehlechte der Tannen; namentlich Prinus Dou-
glasii und Canadensis.. Ausserdem finden sich mehrere Arten der
Familien Taxodium\ Juniperus, Thuja und Sequoia und riesige
Cypressen, darunter Cupressus tbyoides,   einer   der   stattlichsten
. Waldbaume, von den Amerikanern „weisse Ceder" genannt. Die
californische Riesenkiefer (Sequaia gigantea) habe ich im Fluss-
gebiete des Columbia nirgends gesehen. Wie es scheint, ist die-
selbe nur auf den westlichen Abhang der Sierra nevada beschriinkt.
Laubbolz, als Birken, Weiden, Ahorne, Eichen ist gleichfalls nicht
selten; doch bildet es nirgends grossere Waldbestande, sondern
kommt eutweder zerstreut im Nadelwalde vor, oder unterbricht,
indem es in kleineu Gruppen auftritt, die Einformigkeit der
grossen, hier Prairien genaunten Waldblossen. Letzterps gilt
namentlich von den Eichen, wovon mehrere Arten, saramtlich
Baume von ungeheuerer Grosse, im Lande elnheimiseh sind. In
der Nahe des Columbia sind oft Stamm und Aeste von einer
Art Waldrebe umwickelt, welche zur Erzeusninsr von Schnuren
und Korben benutzt wird. Das Unterholz ist im ebenen Lande
nicht sehr dicht, und besteht zum grossen Theile aus essbare
Beeren tragenden Sfrauchern. Unter diesen fiel mir besonders
die Oregon-Traube (oregon grape) auf, welche, obgleich nur einige
Zoll hocb, doch hinsicbtlich der Gestalt des Blattes und der
Frucht, mit dem Weinstocke viel Aehnlichkeit hat. Auch der
Geschmack der Frucht ist demjenigen der Weinbeere ahnlich.
Stellenweise ist der Waldboden dicht mit hohen Farnkrautern
bedeckt.
Ungefahr um Mittag gelangteu wir wieder an den Cowlitz,
den wir mittels einer Seilfahre ubersetzten, worauf wir in der
Hutte des Fahrmannes kurze Rast hielten. Da der Weg durch
den Wald leicht zu verfehlen ist, gab uns der Fahrmann einen
Indianer als Wegweiser mit, der aber zu diesem Amte so wenig
geeignet war, dass er uns, ich weiss nicht ob aus Dummheit oder
Bosheit, irre fiihrte. Glueklicherweise besp,ss der Oberrichter, der
den Weg schou einmal gemacht hatte, ein bessere3 Ortsgedacht-
niss und fand sich bald zurecht, worauf wir den Fuhrer fortjagten,
und ohne weitere Schwierigkeiten nach zwei Stunden, Upper
Landing gegeniiber, wieder den Fluss erreichten. Das Wasser
schien tief und war iiberdies so reissend, dass wir es nicht wagten,
den Fluss zu Pferde zu uberschreiten, und darum hinuber riefen,
man moge uns einen Kahn schicken. Anstatt dessen kam ein
Mann zu Pferde heruber und zeigte uns eine nicht leicht zu
entdeckende Furt.    Wahrend    des Mittagsmahles  trafen  wir  <Jiq 6
nSthigen Anstalten zur Weiterbeforderung unseres noch nicht
augelangten Gepacks, und setzten dann auf frischen Pferden die
Reise fort. Wir hatten nun einen guten, ebenen Fabr weg vor
uns, auf welchem wir zwei Stunden im Trabe reitend, nach
7 Uhr eine wohl 'A Quadratmeile umfassende Prairie erreichten.
Am Ausgange des Waldes tiberraschte uns der imposante Anblick
des Cascadengebirges mit den weit herab mit Eis bedeckten
Vulkauen Mt. St. Helens und Mt. Rainier. In der Dammerung
stiegen wir auf der Farm eines Englanders, Namens Jackson ab,
der schon 1833 nach Amerika auswanderte und seit 1844 im
Washington-Gebiete ansassig ist, wo er jetzt zu den bedeutendsten
Grundbesitzern gehort und das Amt eines Sheriff bekleidet. Nach
?einer Ansicht sind die grossen vollig ebenen Waldblossen zwischeu
dem Columbia und dem Puget-Sunde in hohem Grade fur den
Ackerbau geeignet; doch fehlt es bis jetzt an Handen zur Besiel-
lung der Felder. Wie mir Jackson erzahlte, hatte der Mt. St.
Helens im Jahre 1854 9,11s einem von der Farm aus mit unbe-
Avaffnetem Auge deutlich wahrnehmharen Seitenkrater, einen
mehrere Wochen dauernden Ausbrueh mit reiehlichem Lavaergusse.
Den 1. September ging unser Weg grosstentheils fiber
ebenes, fruchtbares Prairieland, in welchem stellenweise kleine
Waldinseln vorkommen. Das Land ist hier noch sehr sparlich
bewohnt. Auf der 15 geogr. Meilen langen Strecke von Monticello
bis Olympia befindet sich nicht eine Ortschaft, sondern nur ver-
einzelt stehende Farms, in Abstande'n von 1 bis 2 Meilen,
Obgleich dieser Zustand den wilden Indianerhorden eine gfiustige
Gelegenheit zu Ueberfallen bietet, sind gerade hier die weissen
Ansiedler seit Jahren vollig unbelastigt geblieben. Im Laufe des
Tages tiberschritten wir einige kleine Flfisse, wie den Chehalis
und nahe der Einmfindung in diesen den Skookemchook, Auf
diesem Ritte fiel mir der unvermittelte Gegensatz von Wald und
Prairie als eine schwer zu erklarende Eigenthumlichkeit dieses
Landes auf. Der den grQssten Theil der Ebene bedeckende Wald
wird nach verschiedenen Richtungen von 'A bis 'A Meile breiten,
den fippigsten Graswuchs zeigenden, aber v511ig baumlosen Steppen-
streifen durchzogen, so dass man den Eindruck erhalt,' der Wald
sei stellenweise von Menschenhanden gelichtet worden, was doch
sicher nicht der Fall gewesen ist.   Warum sind solche Streifen vom Waldwuchse verschont geblieben, nachdem doch ihr Boden,
wie Anpfianzungsversuche gezeigt haben, den Gedeihen der Baume
keineswegs ungfinstig ist? Spat Abends machten wir bei einem
einzeln stehenden Posthause am Scatter-creek Halt, und ver-
brachten daselbst die Nacht.
Der folgende Tag sollte uns endlich an das Ziel unserer
Reise, das nur 3'A geogr. Meilen von unserer Nachtstation ent-
fernte Olympia, bringen. Wir waren ungefahr eine Stunde unter-.
wegs, als uns die Postkutsche, eine Art Leiterwagen, einholte,
auf welcher wir, zu unserer grossten Befriedigung, das in Cowlitz
Landing zurfickgelassene Gepack erblickten. Der Postdienst wird
hier in sehr primitiver Art ausgetibt. Wenn der Wagen an der
Einmfindung eines nach einer benachbarten Farm fuhrenden
Weges vorbeiffihrt, werden die dahiu bestimmten Packete in einer
wasserdichten Umhullung aus dem Wagen geworfen und bleiben
auf dem Wege liegen, bis sie von dem Adressaten abgeholt
werden. Auf halbem Wege erreichten wir die Robinson's Prairie,
die wegen ihres welleniormigen Bodens fur eine grosse Natur-
merkwiirdigkeit gilt. Der Boden,bildet hier Tausende ganz symme-
trische und in gleichen Abstanden von einander befindliche kleine
Erhohungen von der Gestalt von Maulwurfshfigeln, aber 4 bis 5
Fuss hoch und 2 bis 3 Klafter im Durchmesser haltend. Diese
sonderbare Wellenform dehnt sich fiber einen Flachenraum von
einigen englischen Quadratmeilen aus, und verliert sich allmalig
im angrenzenden Walde. Mittags erreichten wir den ziemlich
wasserreichen Shute-River, fiber welchen eine holzerne Brficke
fuhrt. Nachst derselben bildet der Fluss zwei kleine Falle und
ist eine Sagemfihle angelegt. An dieser Stelle endet die Prairie
und ffihrt der Weg durch einen dunklen Nadelwald, den wir
nicht eher verliessen, als bis wir uns bereits in der Hauptstrasse
von Olympia befanden.
Dieses kleine, kurzlich zur Hauptstadt des Washington-
Gebietes erhobene, kaum 800 Einwohner zahlende Stadtchen liegt
in 46" 22' n5rdl. Breite und 122" 50' westl. Lange von Greenwich
auf einer in den Puget-Sund vorspringenden Landzunge, unweit
der Mfindung des Shute-River. Die gunstige Lage am Sunde und
die bequeme Verbindung mit dem Columbia, der Vancouver-Insel
und der neuen Goldregion  wird Olympia woM zu einem  rasehen _8	
Aufschwunge! verhelfen. In diesem Augenbiicke sieht es allerdings
noch etwas wild aus; denn das Lichten des Waldes geht bei der
riesigen Grosse der Baume nur langsam von Statten. Uebrigens
ist, in dpm kurzen Zeitraume eines Jahres, schon mehr ffir den
Fortscbritt gethan worden, als bei einer minder energischen Be-
volkerung vielleicht in hundert Jahren geschehen ware. Der Ameri-
kaner bringt fiberall hin seine zahlreichen Bedurfnisse und seinen
Unternehmungsgeist mit. Dadurch fallen sich die kaum entstandenen
Ortschaften in unglaublich kurzer Zeit mit Handwerkern aller Art;
es werden Gasthauser, Kirchen, Schiflen erbaut, Waarenlager,
Druckereien, Mfihlen u. s. w. angelegt, und nach 3—4 Jahren
fallt es einem schwer, zu glauben, dass, an der Stelle einer mit
alien Gegenstanden der Bequemlichkeit und des Luxus versehenen
Stadt, noch vor Kurzem der Urwald gestanden babe. Hievon gibt
Olympia schon jetzt ein auffallendes Zeugniss. Der Boden senkt
sich gegen das Meer hin so unmerklich, dass die zu beiden Seiten
der bereits erwahnten Landzunge in das Land eindringenden
Buchten, sowie. das Bett des Shute-River, zur Zeit der Ebbe, sich
in einen blossen Sumpf verwandeln, worin sich Tausende von kleinen
Krabben aufhalten. Aus diesem Grunde mussten die Schiffe
noch vor Kurzem in betrachtlicher Entfernung vom Lande vor
Anker gehen. Diesem Uebelstande ward aber schon, durch Erbauung
eines fiber 40 Klafter langen Werftes, an welchem die grossten
Dampfer anlegen konnen, abgeholfen. In den Strassen Olympias
sab ich eine Menge im Gesichte roth und gelb bemalter hassliche
Indianerweiber , an denen mir besonders ihre plattgedruckten
Schadel auffieleiu Wie ich mich hier fiberzeugte, ist diese Kopf-
form keineswegs ein natfirliches Racenmerkmal, sondern wird
ktinstlich hervorgebracht, indem die Mutter den neugebornen
Kindern den Kopf zwischen zwei dfinnen Brettchen y wovon das
eine auf der Stirne, das andere am Hinterkopfe angebracht ist,
zusammenschnfiren. In Folge dieser Behandlung wird die Ausbil-
dung der Stirne und des Hinterkopfes gehindert und kann der
Schadel nur nach oben und in die Breite wachsen. Auf die areistisren
Fahigkeiten scheint der Zwang, der hiedurch auf das Gehirn aus-
gefibt wird, sonderbar genug, keinen Einfluss zu baben; denn die
Indianer mit platt gedrfickten Kopfen unterscheiden sich in
dieser Beziehung nicht von den iibrigen.  Diese Verunstaltung ist von den darnach benannten Flachkopfen (Flatheads) in der Absicht
eingefuhrt worden, ihrem Stamme, zur Unterscheidung von alien
anderen, ein bleibendes Kennzeichen aufzudrficken, fand aber bald
bei sammtlichen um den Golf von Georgien wohnenden Indianer-
stammen Eingang. Die FlachkSpfe haben seitdem die abscheuliche
Sitte wieder aufgeerehen.
Nach einem Abend-Spaziergange durch das fast ringsum
vom Walde eingeschlossene Stadtchen besuchten wir unseren
Chief-Justice, bei welchem sich auch bald der Vice-Gouverneur
des Washington-Gebietes nebst einigen anderen Honoratioren ein-
fand. Der Gouverneur, der uns als General M. vorgestellt wurde,
machte mir den Eindruck eines beschrankten und gemeinen Menschen.
Er warf sich ohne Umstande mit seinen kothigen Stiefeln auf das
Bett des Oberrichters, das er mit der Asche seiner Cigarre be-
schmutzte, spukte wohl auch zuweilen fiber den ihm zunachst
Sitzenden hinfiber und mischte sich nur wenig in das Gesprach,
Die fihrigen Anwesenden waren theils Farmer, theils Kaufleute,
redeten einander aber immer mit den Titeln General und Oberst
an. Das Titelwesen, wie es in Oregon und dem Washington-
Gebiete existirt, wurde selbst unseren deutschen Kleinstadtern
zur Ehre gereichen. Selbst Stiefelputzer und Aufwarter horte ich
nicht selten mit den Titeln Major oder Colonel anreden. Den
militarischen Titulaturen liegt allerdings meistens der Rang zu
Grunde, den der so Angeredete in der Miliz einnimmt. Man be-
gnfigt sich aber nicht bios mit diesen, sondern gebraucht auch die
Benennungen von Civilamtern, wie Doctor, Judge etc. als blosse
Hofiichkeitsformeln. Trotz meiner Bemfihung zu erfahren, was
den Anspruch auf solche Titel begrfinde, konnte ich darfiber keine
befriedigeude Auskunft erhalten. Der Oberrichter lud uns ein, der
auf den 4. angesetzten Eroffnung der Assisen beizuwohnen, was-
wir jedoch bei dem Umstande, dass so eben ein Dampfer zur Ab-
fahrt nach Victoria bereit im Hafen lag, und unsere Reise in
das britische Gebiet, in Anbetracht der vorgeruckten Jahreszeit,
keinen Aufschub litt, nicht annehmen konnten.
Am 3. September, 5 Uhr Nachmittags, verliessen wir bei
herrlichem Wetter und spiegelglatter See, den Hafen von Olympia,
und befanden uns bald darauf in einem engen, gewundenen Canale
zwischen" der zerrissenen Kuste und den  dieselben begleitenden
2 10
Inseln des Puget-Sundes. Diese Iiiseln ragen nur wenig fiber die
Wasserflache empor und sind durchaus dicht bewaldet. Sobald
wir aus der engen Strasse in ein weiteres Becken gelangten, wurde
zur Rechten ein Stuck der Cascadenkette mit dem M. Rainier
sichtbar, wahrend links der beschneite, fiber 8000 F. hohe Olymp,
eine massenhafte vulkanische Erhebnng zwischen dem Ocean und
dem Puget-Sunde fiber den Baumspitzen erschien. Landschaftlicher
Charakter und Vegetation erinnerten mich hier lebhaft an den Chiloe-
Archipel im sfidlichen Chile. Um 7 Uhr hielten wir vor Steilacoom,
einer kleinen, von einem Fort beschutzten Niederlassung nachst
einer indianischen Begrabnissstatle. Obgleich es nun dunkel wurde,
hob sich das Wasser von dem tief schwarz erscheinenden Ufer so
deutlich ab, dass die Fahrt durch den eDgen Canal gefahrlos
fortgesetzt werden konnte. Es war eine herrliche, sternhelle Nacht,
ausgezeichnet durch zahlreiche in der Richtung von Nord nach
Sfid ziehende Sternschnuppen. Auch das Meerleuchten zeigte sich
in seltener Intensitat, aber ganz anders, als ich es in den tropi-
schen Meeren allnachtlich zu sehen gewohnt war. Bei dem ge-
wohnlichen Meeresleuchten zeigen sich im Wasser zahlreiche leuch-
tende Punkte, deren Glanz meistens schnell verlischt. Diese Er-
scheinung ruhrt von Quallen und anderen See^hieren, welche die
Eigenthumlichheit haben, wenn sie beunruhigt oder verletzt werden, zu leuchten, und zeigt sich meistens am auffallendsten im
Kielwasser schnell segelnder Schiffe. Hier schien aber die ganze
Wassermasse in gleichem Masse das Leuchivermogen zu be-
sitzen und bedurfte es nur der Bewegung, um des Lichtphauomen
hervorzurufen. Am auffallentlsten war die Erscheinung am Vorder-
theile des Schiffes, wo tausende von Lachsen, die um diese Jah-
reszeit von ihren Laichplatzen in die See zuruckkehren, in feurigen
Zackenlinien, wie Racketen, nach alien Richtungen umherschossen.
Am 4. September 7 Uhr Frfih geriethen wir bei Port Gamble
auf den Grund und wurden erst zwei Stunden spater mit eintre-
tender Fluth wieder flott. Im Laufe des Tages beruhrten wir, der
Reihe nach, Port Townsend, Whidby's Island, Smith Island, lauter
junge, der Nahe der Frasermundung ihre Entstehung verdankende
Ansiedlungen. Im Meere bemerkte ich grosse Mengen von Tang
und durchsichtigen Quallen. Bis in die Nahe von Widby's Island
ist die Kfiste fiach und stark zerrissen.  Von  da an nord warts 11
andert sich ihr Charakter, und steigt das Ufer, mit sehr steiler
Boschung, einige hundert Fuss hoch aus dem Meere auf. Die auf
der ganzen Fahrt sichtbare, hier kaum 6 Meilen von der Kiiste
entfernte Cascadenkette ist, auf der fast 30 Meilen langen Strecke,
vom St. Rainier bis zum Mt. Baker, mit Schnee bedeckt. In Folge
des feuchten Seeklimas reicht die Grenze des ewigeh"Schnees viel
weiter herab, als auf den in derselben geogr. Breite betindlichen
Gebirgen Europas; denn sie beginnt auf dem Kamme, schon
zwischen 5 und 6000 Fuss Seehohe, und steigt auf den wieder-
holt geuannten hohen Vulkanen, wohl noch um 1000 Fuss tiefer
herab. Auf meinen Wanderungen im westlicben Amerika, die sich
vom 41. Grade sfidlicher bis zum 50. Grade nordlicher Breite
erstreckten, ■ hatte ich wiederholt Gelegenheit warzunehmen, dass
die Hohe der Grenze des ewigen Schnees weit mehr von den
Feuchtigkeits-, als von den Temperaturverhaltnissen abhangt, und
dass das in die meisten geographischen Lehrbficher und Atlasse
aufgenommene, die Abhangigkeit der Schneegrenze von der geogr.
Breite versinnlichende Schema eben so wenig zulassig ist, wie
die von Dove verworfenen Regenkarten. Im Hochlande von Quito,
wo es taglich regnet, unter dem Aequator, liegt die Schneegrenze
in einer Hohe zwischen 14 und 15,000 Fuss. Mit dem Wachsen
der sfidlichen Breite nimmt die Hohe der Schneegrenze zu, so
dass, auf der fast regenlosen Strecke vom 5. bis zum 25. Grade
sfidl. Breite, maucher 18,000 Fuss hohe Berg die Schneelinie
nicht erreicht. Im sfidlichen Chile hingegen, wo die klimatischen
Verhaltnisse, denen der oregoniscben Kfiste ahnlich sind, liegt die
Schneegrenze ungewohnlich tief. Ich habe den 7000 Fuss hohen
Vulkan Osorno, unweit des Busens von Reloncavi (41° sfidl. Br.)
im Spatsommer bis zur halben Hohe herab beschneit gesehen.
Die Nacht des 4. war wieder, wie die vorige, durch pracht-
volles Seeleuchten ausgezeichnet. Um Mitteruacht gingen wir bei
Sehome in der Bellingham-Bai vor Anker.
5. September. Als ich erwachte, war mein Freund Vaudrey
schon ans Land gegangen, um das ungefahr 3 engl. M. entfernte
Whatcom zu besuchen. Ich machte mich gegen.8 Uhr gleichfalls
auf den Weg, und erreichte, indem ich einen Fusspfad langs dem
Strande, etwa 20 Klafter fiber dem Wasser, einschlug, iu einer
Stunde das ersut zwei Monate alte Stadtchen.   Der grossere Theil
a* 12
der Einwohner, lauter Manner, lebt bis jetzt nur in Zelten oder
unter Bretterdachern.   Ich sah  viele  derselben  um  abgebauene
Baume umhersitzen, und darauf, in Ermanglung von Tischen, ihr
Frfihstuck verzehren.   Der Ort besteht  fibrigens nicht. allein aus
Zelten, sondern hat bereits zwei ziemlich lauge Reihen von Hah-
sern, wovon eines sogar aus Backsteinen erbaut ist, aufzuweisen.
Whatcom verdankt <seine Entstehung dem Umstande, dass von da
ein Fusspfad durch den Wald nach dem Fraserflusse fuhrt. Uebri-
gens ist der Platz zur Anlage einer Hufenstadt sehr ungeschickt
gewahlt,   da das Meer  in der ganzen Bucht so seicht ist,   dass
man, um das Landen grosserer Schiffe zu ermSglichen, Landungs-
briicken von mehr als 1 engl. Meile Lange zu erbauen genothigt
ist, eine muhsame und kostspielige Arbeit, die bereits in Angriff
genommen wurde. Seitdem aber von dem weiter nordlich gelegenen
Semiamoo, einer Ansiedlung noch jiingeren Orsprungs, ein kurzeror
Weg nach dem unteren Fraser eroffnet ist, hat Whatcom wenig'Aus-
sicht emporzukommen, und diirfte eben so schnell, wie es entstanden,
wieder veroden,  wofern es nicht  durch das kfirzlich in der Nahe
entdeckte reiche Kohlenlager vor dem drohenden  Untergange be-
wahrt wird. In einen Restaurant-Salon eintretend, traf ich daselbst
Vaudrey beim  Friihstucke.    Indem  ich ihm hierin   Gesellschaft
leistete, konnte  ich nicht umhin,  den amerikanischen   Sinn   fur
Comfort, der in meiner Heimat leider ganzlich fehlt, zu preisen.
Ein so gut zubereitetes und so nett servirtes Friihstfick hatte ich
hier in der Wildniss iiicht erwartet.    Nach der Mablzeit machten
wir uns auf den Rfickweg nach Sehome,  und schlugen, zur Ab-
wechslung, einen anderen, durch den Wald fiihrenden Weg ein, auf
.welchem  wir vou  den  herumfliegenden Saraen einer 2—3 Fuss
hohen, gelb bliihenden, zwischen den Baumen wachsenden Pflanze,
die in den Augen ein heftiges Brennen verursachen, stark belastigt
wurden.y^Um Mittag fuhren wir weiter  und befanden uns um 5
Uhr   vor   Semiamoo.   Hier  kam  ein  neuer  Passagier an Bord
dessen fortwahrendes Fluchen und sonstiges rohes Benehmen mi
Dv
ir
einen   unbescbreiblicben Abscheu   einflSssten.    Obgleich er kaum
mehr stehen konnte, lud er Jeden der ihm in die Nahe kam, ein
mit ihm ein Glas Schnaps zu  trinken.   Einmal, als der farbige
Aufwarter erst auf sein wiederholtes Rufen  erschien,   sprang er
wfithend. auf, packte den erschrocken'en Aufwarter an der Kehle, 13
und drohte ihn zu erwfirgen.   In der Trunkenheit ware er wohl
im Stande gewesen,  seine Drohung auszuffihren,  hatte ihn nicht
einer   seiner  Freunde   durch  die Aufforderung  zu  einem neue i
Drink beschwichtigt.    Ich wunderte micb  nur,  dass,  weder der
Capitan, noch  sonst Jemand,  sich gegen  ein   solches Benehmen
aufhielt,  und hatte wieder einmal Gelegenheit, die amerikanische
Geduld anzustaunen. Die Begegnung mit derlei Rowdies ist aller-
dings immer sehr unangenehm.  Glficklicherweise raumt aber das
amerikanische Gesetz der Nothwehr einen weiten Spielraum ein.
Bei m einer Abreise von   San Francisco sagte  mir   ein   dor tiger
Banquier zum Abschiede Folgendes:  „In der Region der Gold-
waschereien am Fraser werden sie es kaum vermeiden k(5nnen,
zuweilen in schlechte  Gesellschaft zu gerathen.   Sollten sie sich
einmal einem Menschen gegenfiber befinden, dessen brutales Wesen
Sie eine Gewaltthat befurchten lasst, so scbiessen Sie ihn, auf die
erste Drohung hin, ohne Umstande nieder.   Wegen der Folgen
eines solchen' Schrittes brauchen  Sie nicht besorgt zu sein; denn
Jeder der Anwesenden wird hezeugen, dass Sie sich im Falle der
Nothwehr befunden haben."    Erst in Gegenwart der besoffenen
Rowdy wurde mir die Zweckmassigkeit dieses Rathes einleuchtend.
Der Wfitherich  hatte  fibrigens   das   Stadium der  Gefahrlichkeit
schon  fiberschritten,  und sank bald  bewustlos vom Stuhle.    Wie
ich spater erfuhr, hatte dieser Mann unlangst einen Mord begangen,
befand  sich  aber,  nach amerikanischer Sitte,  gegen Erlag einer
Geldsumme, bis zum Beginne der Gerichtsverhandlung auf freiem
Fusse, und war eben auf dem Wege nach-Olympia, um sich dort
vor dem  Geschwornengerichte zu verantworten.    Bezeichnend fiir
die  Zustande  des  Landes ist es, dass er inzwischen ffir einen
Richterposten in Vorschlag gebracht wurde.
Vor Kurzem bezog sich der Name Semiamoo bios auf ein
kleines Dorf. Seit der Entdeckung der Goldfelder am Fraser ist
aber an dieser Stelle eine bedeutende Ansiedlung entstanden,
welche gegenwartig den wichtigsten Sammelplatz, der nach dem
Fraser abgehenden amerikanischen Goldwascher bildet. Der Ort
bestebt aus zwei durch eine schmale Bucht getrennten Hauser-
gruppen. Die Seeschiffe konnen nur an der ostlichen, auf dem
Rucken des einige Klafter senkrecht aufsteigenden Ufers erbauten
Gruppe. ankern.   Um zu der anderen zu gelangen, welche sicb 14
auf einer fiachen weit ins Meer vorspringenden Halbinsel befindet,
muss man sich entweder eines fiachen Kahnes bedienen oder den
viel langeren Landweg einschlagen.   Auf dem unlangst durch den
Wald gebahnten Wege, gelangt man zu Pferde in 3 Stunden nach
Ft. Langley.    Wegen der Schwierigkeit, im Dunkel zwischen den
zahlreichen Inseln den Weg zu finden, erforderte die nur 34 See-
meilen betragende Ueberfahrt nach der Vancouver-Insel fast zehn
Stunden,  so dass wir erst am Morgen  des 6. mit Tagesanbruch
vor Victoria anlangten.   Da erst vor wenigen Wochen,  ein Schiff
in  dem  seichten  Hafeneingange  auf den  Grund  gerathen  war,
wurde ausserhalb geankert, und mussten die Passagiere in Booten
fiber 'A Stunde weit zum Landungsplatze fahren.   Wir stiegen im
H6tel de France, einem noch unvollendeten' Gasthause, ab, wo so
wenig Raum vorhanden war, dass wir uns gezwungen sahen, den
grossereh Theil unseres Gepacks in einem benachbarten Kaufiaden
unterzubringen.   Nach einem vortrefflichen Fruhstiicke,  das mich
mit der mangelhaften Unterkunft einigermassen aussohnte, machte
ich einen  Spaziergang durch die Stadt, um mich zu orientiren.
Victoria,  das sich, gleich den zuvor genannten  Orten,  im Laufe
des Jahres 1858 aus einem Handelsposten der, Hudsonsbai-Com-
pagnie zu einem Stadtchen von einigen 1000 Einwohnern empor-
geschwungen hat, liegt an der sfidostlichen Spitze der Vancouver-
Insel, auf einer von drei Seiten vom Meere bespiilten, hoch ,aus
dem Wasser emporragenden felsigen   Halbinsel.    Die   von  Suden
her in das Land eindringende Bucht ist so schmal, dass man sie,
bei der Einfahrt, fur die Mundung eines Flusses anzusehen ge-
neigt ist.    Diese Bucht gibt einen sehr sicheren und geraumigen
Hafen ab.   Es ist nur schade, dass die vorliegende  Barre nur
Fahrzeugen von geringem Tiefgange das Einlaufen gestattet.  Der
belebteste Theil der Stadt liegt in der Nahe des Hafens,  wo be- '
reits drei breite Gassen bestehen.   Mit Ausnahme eines einzieren.
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sind sammtliche Hauaer aus Holz erbaut, und zwar so zart, dass
ein Orcan sicher die ganze Stadt umblasen wurde. Noch sind
die Gassen ungepflastert, was - bei Regenwetter einen bodenlosen
Koth zur Folge hat. Am Siidende der Stadt, dem H6tel de
France gegenfiber, steht das von einer Pallisadenumzaunung um-
gebene, mit einem Waarenlager verbundene Fort der Hudsonsbai-
Compagnie.  Nach der Landseite hin, geht die Stadt in ein Zeit- 15 »
lager fiber. Im Hafen sind schon drei holzerne Landungsbrucken
vollendet. Dieselben sind von Kaufieuten erbaut, welche von den
anlangenden Schiffen einen Zoll erheben. Die nachste Umgebung
der Stadt ist ebener Steppengrund mit vereinzelt stehenden Baumen.
In geringer Entfernung aber beginnt der Wald, welcher den grSssten
Theil der Insel bedeckt.
Als ich eben fiberlegte, was ich zunachst anfangen soller
begegnete mir de St. Ours, ein 'seit Kurzem in Victoria etablirter
franzSsischer Kaufmann, mit welchem ich auf der Fahrt von
Panama nach St. Francisco bekannt geworden, und theilte mir
mit, dass er ein Schiff befrachtet hatte, mit welchem er am
nachsten Morgen nach Fort Tale am Fraser abgehen wollte, um
dort ein Waarenmagazin zu errichten. Sein Vorschlag, ich moge
mich ihm auf diesem Ausfluge anschliessen, kam mir sehr er-
wfinscht, und wurde auch von Vaudrey gern angenommen. Da
der „Seabird" schon mit Tagesaiibruch das Werft verlassen sollte,
machten wir uns schnell reisefertig und begaben uns Abends, nur
mit dem Unentbehrlichsten versehen, an Bord, wo sich bald ein
italienischer Chemiker Namens Craveri zu uns gesellte.
Der mir unVergessliche 7. September begann mit einem
prachtvollen Morgen. Die ganze Reisegesellschaft, grosstentheils
Goldgraber, stand auf dem Verdecke und bewunderte den reizenden
Anblick des mit grfinen Inseln besaten, ringsum von Schneege-
birgen eingerahmten Golfs Von Georgien. Gerade als zum Frfih-
stficke geklingelt wurde, fiillte sich die Cajfite plotzlieh mit
erstickendem Rauche. Alles eilte hinaus, die Ursache dieser
bedenklichen Erscheinung kennen zu lernen. Der Rauch schien
aus dem unfceren Schiffsraume zu kommen. Als man, in der
Absicht, den Sitz des Feuers zu erforschen, eine Deckplatte am
Vordertheile des Hauptdeckes abhob, drangen aus der Oeffnung
,klafterhohe Flammen und eine dicke schwarze Rauchwolke hervor.
Die schnell eingeleiteten Loschversuche erwiesen sich als vollig
ungeeignet, dem rascb um sich greifenden Feuer Einhalt zu thun,
und es zeigte sich bald, dass an eine Rettung des Schiffes nicht
zu denken sei. In den ersten Augenblicken der Bestiirzung drangte
sich ein Theil der Passagiere gegen die zwei an den Seiten des
Schiffes   aufgehangten Rettungsboote,  wovon   fibrigens   nur   das 16
eine brauchbar war, iudem das andere einen Leek von der Gr6sse
eines Kinderkopfes hatte.
Dem Steuermanne gelang es jedoch bald, theils durch gfit-
liches Zureden, theils durch die Drohung, nothigenfalls von seinem
Revolver Gebrauch zu machen, die momentan gefahrdete Ordnung
herzustellen. Uebrigens trug auch der Anblick des nur wenige
Meilen entfernten Landes nicht wenig dazu bei, den gesunkenen
Muth der Furchtsamen zu beleben. Sobald ich die Gefahr erkannte.
eilte ich in meine Schlafcabine, um meine Habseligkeiten vorder-
hand in Sicherheit zu bringen. Es war eben die hSchste Zeit diess
zu thun, denn der Ranch war schon beinahe unertraglich und das
von den Flammen ergriffene Holzwerk knisterte so unheimlich,
dass man jeden Augenblick den Einsturz der Cabine und des Decks
beftirchten musste. Ich hatte gerade noch Zeit, meine Waffen,
Revolver und Jagdmesser, zu umgurten und meine Umhangtasche,
welche, nebst etwas Wasche und meinem Tagebuche, zwei kostbare
Gegenstande, einen Creditbrief und ein Taschen-Chronometer enthielt,
auf die Schulter zu nehmen; dann musste ich trachten, ins Freie
zu kommen, um in dem Rauche nicht zu ersticken. Ich fluchtete
mich sodann, wie die meisten Passagiere, auf einen an der Aussen-
seite der Schiffsrand befindlichen Vorsprung, an der dem Winde
zugekehrten Backbordseite, wo man von Hitze und Rauch am
wenigsten belastigt war, um jeden Augenblick bereit .zu sein,
in's Wasser zu springen. Dort fand ich auch Vaudrey und Craveri,
die sich an den Wanten (Taiie, welche die Masten festhalten)
anklammerten und mich aufmerksam machten, ihrem Beispiele zu
folgen, um nicht durch die bei dem Anpralle an das Land zu
erwartende heftige Erschfitterung in's Meer geschleudert zu werden.
Das Fahrzeug bewegte sich indessen mit grosster Geschwindigkeit
vorwarts. Der Maschinist war schon Tangst gezwungen gewesen,
seinen Platz aufzugeben, und die sich selbst fiberlassene Maschine
arbeitete mit einer Hast, als ware ihr selbst um unsere Rettung
zu thun. Sehr glficklich war es, dass der Mann am Steuer seine
Stelle behaupten konnte, was er hauptsachlich dem schfitzenden
Schirme verdankte, dessen Glastafeln in Folge der grossen Hitze
zwar Sprfinge bekamen, aber doch nicht aus den Rahmen heraus-
fielen. Warum diese hochst z weckmassige Vorrichtung auf europaischen
Schiffen keinen Eingang findet, ist mir unverstandlich. Um 6V2 Uhr 17
endlich, nicht ganz eine Viertelstunde nach der Entdeckung des
Brandes, rannte das in Flammen stehende Schiff, ohne, wie wir
meinten, sogleich in Trfimmer zu gehen, yudem seine Geschwindig-
keit unmittelbar vor dem Auffahren durch das Dahingleiten fiber
eine sandige Barre gemildert wurde, gegen die felsige Kfiste einer
kleinen, unbewohnteu Insel, und kam mit der Leeseite gegen einen
weit vorspringenden natfirlichen Steindamm, wie an eine Landungs-
brficke, zu liegen. Die zwei an Bord befindlichen Frauen nebst
einem Kiude wurden nun schnell in das taugliche Rettungsboot
gebracht, und an's Land gefuhrt. Die fibrigen Passagiere hatten
selbst ffir ihre Rettung zu sorgen. Diess hatte seine Schwierig-
keiten. Da sammtliche Passagiere, im Augenblicke des Auffahrens,
sich auf der Backbordseite befanden, war es, bei dem Umstande,
dass der grosste Theil des Schiffes in Flammen stand, keineswegs
leicht, die Steuerbordseite, mit welch er das Schiff am Lande lag,
zu erreichen, und Mancher sturzte sich in's Wasser, um schwimmend
an's Land zu gelangen. Nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen,
sah ich Vaudrey und Craveri, an einer noch nicht vom Feuer
ergriffenen Stelle, des Orcandeck erklettern. Indem ich ihnen folgte,
gelangte ich ohne Schwierigkeit nach der Leeseite, liess mich
dann an den Armen auf den Bordrand herab, und erreichte endlich,
durch einen klafterhohen Sprung unversebrt, das Land. Es war
schon hochste Zeit zu landen; denn es ware nicht moglich gewesen,
fernere drei Minuten an Bord zu bleiben. Kaum waren wir in
Sicherheit, als das gauze Schiff in Flammen aufloderte. Als die
Seitenwande einstfirzten, zeigte sich zwischen den Flammen die
noch immer fortarbeitende Maschine und der roth glfihende Dampf-
kessel. Einige besorgten ein Zerspringen des Kessels und rannten
davon. Eine Explosion fand jedoch nicht statt. Als das Feuer die
Schlafcabinen ergriff, ertonte aus den in grosser Anzahl darin
zuruckgelassenen Feuerwaffen ein formliches Lauffeuer. Um 7 Uhr
war das ganze Schiff bis an den Wasserspiegel abgebrannt.
Es war wirklich wunderbar, dass bei dieser Katastrophe nur zwei
Menschenleben verloren gingen. Ob die zwei Vermissten in den
Flammen oder in den Wellen ihren Tod fanden, blieb vdrderhaud
unaufgeklart. Zu den Opfern gehorte auch ein armes Karrenpferd,
welches am Vordertheile des Verdecks angebunden, mit dem ein-
sturzenden Bretterboden in den Flammen versank. Von den Speise-
3 18
vorrathen und Einrichtungsgegenstanden wurde Manches gerettet,
darunter ein Wandspiegel, welcher schon aus zwei Schiffbriichen
unversehrt hervorgegangen war. Die Waarenvorrathe im unteren
Schiffsraume aber wurden insgesammt ein Raub. der Flammen.
Wie das Feuer entstanden war, konnte nicht ermittelt werden.
Fur den Augenblick waren wir wohl geborgen; aber die Aussicht,
mSglicherweise einige Tage ohne Obdach auf unserer Insel verbringen
zu mfissen, war nicht verlockend. Das taugliche Rettungsboot wurde
sogleich nach bewerkstelligter Landung, mit dem Steuermanne und
einigen Matrosen bemaunt, nach Victoria beordert, um dort Anstalten
fur die Befreiung der Schiffbriichigen zu treffen. Auf diesem Boote
beruhte zunachst unsere ganze Hoffnung. Das Wetter war gliicklicher-
weise gfinstig und man durfte darum erwarten, dass die Ueber-
fahrt nicht mehr als sechs Stunden erfordern wfirde.
Als die freudige Aufregung ob der glueklichen Rettung sich
allmalig legte, drangte sich mir der Gedanke auf, dass es nicht
behaglich sein wurde, die kommende, wahrscheinlich empfindiich
kalte Nacht in meinem dfinnen Sommeranzuge im Freien zu verbringen. Erst jetzt erinnerte ich mich, dass ich, in der Eile, die
mit Rauch erffillte Cajiite zu verlassen, ein in einen warmen Kotzen
gewickeltes Bundel Kleider, das beim Ausbruche des Feuers im
Speisesaal anf einer Bank lag, vergessen hatte. Ich trostete mich
zwar mit dem Gedanken, dass dieser Verlust, selbst am Fraser,
leicht zu ersetzen sein durfte, und dass sich wohl unter den
Kleidungsstficken meiner Unglficksgefahrten etwas fur mich zum
Schutze gegen die Kalte wfirde finden lassen, war aber doch
freudig tiberrascht, als ich das Vermisste, unter den anderen, am
Ufer umherliegenden Gegenstanden, entdeckte. Wie es sich nun
herausstellte, war ich von der ganzen Gesellschaft der einzige,
der gar keinen Verlust zu beklagen hatte.
Da wir durch den Brand um das Frfihstfick gekommen waren,
regte sich bald der Hunger, und wir schtckten uns an, die geret-
teten Vorrathe zu verzehren. Wir fiberlegten gerade, woher wir
uns Trinkwasser verschaffen konnten, als aus dem Busch ein
hasslicher, ganzlich nackter Indianer trat, nicht wenig fiberrascht,
eine so zahlreiche weisse Gesellschaft anzutreffen. Unsere Geberden
richtig deutend, fuhrte er uns durch das Gestrupp zu einem Tiimpel 10.
brackischen Wassers,   das  aber  nur,  mit Spirituosen  gemischt,
zu trinken war. >«.
Ermfidet legte ich mich, nach genossenem Fruhstficke im
Schatten eines Baumes, auf das Gras und verfiel bald in tiefen
Schlaf. Nach drei Stunden weckte mich Vaudrey mit der erfreu-
lichen Nachricht, ein Dampfschiff ware so eben angelangt. Es w,ar
der „Hunt", dessen Commandant, auf der Ueberfahrt nach der
Bellingham-Bai, aus der Feme die von dem unglucklichen „Seabird"
aufsteigenden Rauchsaulen wahrnehmend, sogleich einen Schiffsbrand
vermuthete, und herbeieilte, seine Dienste anzubieten. Der^grossere
Theil der Reisegesellschaft bescbloss, die Fahrt nach dem Fraser
an Bord des „Hunt" fortzusetzen. Nur die Mannschaft des „Seabird"
und einige Kaufleute, die bei dem Brande ihre fur die Goldregion
bestimmten Waaren eingebfisst hatten, ferner ein Passagier, der
von dem Sprunge vom Schiffe auf den felsigen Boden fibel zugerichtet
war, zogeu es vor, auf der Insel zu verbleiben, bis sich eine Gelegen-
heit zur Ruckfahrt nach Victoria ergeben wfirde. Gegen Mittag nah-
men wir von unseren Unglucksgefahrten Abschied, und steuerten so-
fort rasch dem Festlande zu. Um 3 Uhr kamen wir an der Landspitze
St. Roberts vorbei, worauf wir bald der Fraser-Mundung ansichtig
wurden. Die Kfiste ist hier ziemlich flach. Erst in einer Entfernung
von ungefahr 1 Seeineile vom Meere steigt der Boden zu einer
800 Fuss fiber der Wasserflache erhabenen Ebene an. Der gegen
das Meer abfallende bewaldete Abhaug macht, aus der Feme
gesehen, den Eindruck einer senkrechten Wand. Ueber jener Ebene
erhebt sich das Cascadengebirge, in welchem hier der aus einer
Lficke in demselben aufsteigende, mit ungeheuren Schneemassen
bedeckte Vulkan Mt. Baker das auffallendste Object ist. Dem Festlande gegenfiber, schweift der Blick fiber ein Meer von Inseln,
welche im Hintergrunde von dem Olymp und dem Gebirge der
Vancouver-Insel fiberragt werden. An der Mfindung ist der Eraser
an 300 Klafter breit und hinlauglich tief, um das Einlaufen
grosserer Seeschiffe zu gestatten. Die Ufer sind beiderseits mit
Pappeln und Nadelbaumen bewachsen. Drei Stunden nach der
Einfahrt in die Flussmfindung, erreichten wir Fort Langley, ein
erst vor zwei Monaten am linken Ufer entstandenes Zeltlager, wo
die Schiffe, an dem senkreckt abfallenden sandigen Ufer, wie an
einer Landungsbrficke anlegen konnen. Nur weuige hundert Schritte &
20
davou entfernt, befindet sich, auf einer Anhohe, ein geraumiges
Fort der Hudsonsbai-Compagnie. Dasselbe ist an den vier Ecken
seiner Pallisaden-Umzaunung durch thurmartige Blockhauser be-
festigt, stark genug, um einem ganzen Heere von Indianern Trotz
bieten zu konnen. Im Inneren befinden sich die Wohnungen der
Compagnie-Beamten und ein ffir die gegenwartigen Bediirfnisse
gut ausgeriistetes' Waarenlager.
Dergleichen Forts finden sich im westlichen Nordamerika -
in grosser Anzahl. Sie werden in der Absicht erbaut, den ersteu
Ansiedlem Schutz gegen rauberische Ueberfalle der Indianer zu
gewahren, verlieren aber oft nach kurzer Zeit diese ursprungliche
Bedeutung, indem die rasche Zunahme der weissen Bevolkernng
solche Vertheidigungsanstalten fiberflfissig macht, und dienen
dann nur mehr als sichere Magazine. Haufig bilden solche Forts
die Keime spater sich entwickelnder Stadte.
In der Absicht, nach den Anstrengungen des Tages, uns
einer langeren Nachtruhe zu erfreuen, tibersiedelten wir, bei der
Ankunft zu St. Langley, sogleich an Bord der Umatilla, Xwelche
in den ersten Morgenstunden nach Ft. Hope abgehen sollte. Das
Schiff gehorte aber keineswegs zu den bequeni ausgestatteten. Es
waren darin nicht nur keine Schlafkammern vorhanden, sondern
es fehlte auch an Matratzen und Decken, und der Cajutenboden
war derart mit Kohlenstaub bedeckt, dass man sich nicht nieder-
legen konnte, ohne sich zu beschmutzen. Ueberdiess waren die
Passagiere — fast lauter Goldgraber, so zahlreich, dass es nicht
leicht war eine Schlafstelle zu finden. In dieser Verlegenbeit
lefHen uns de St. Ours und ich auf den Speisetisch, Craveri unter
denselben; Vaudrey aber, der fur einen Weltreisenden, im Punkte .
der Reinlichkeit allzu strenge Grundsatze hat, zog es vor, die
ganze Nacht auf einer Bank sitzend zuzubringen. Zwischen 9 und
11 Uhr war ein heller Nordlichtschimmer wahrzunehmen.
Am folgenden Morgen wurden wir schon fruhzeitig durch
das Getose des Dampfkessels geweckt; die Abfahrt verzogerte
sich aber, wegen des dicken Nebels bis 8 Uhr, worauf wir bei
empfindlicher Kalte, ziemlich rasch vorwarts kamen. Spater ver-
schwand der Nebel auch von den Bergen, und gestattete uns den
grossartigen Anblick der kaum *A geogr. Meile vor uns befindlichen Cascadenkette mit  ihren   seltsam  gezackten Hornern und
J 21
dem eisgepanzerten Mt. Baker. Um 10 Uhr erreichten wir das
Gebirge, und nun folgten in raschem Wechsel die wundervollsten
Gebirgslandschaften. Der Fluss ist meistens zwischen mehr als
1000 Fuss hohen, steilen Wanden eingeengt und drangt sich in
vielfachen Windungen zwischen den Felsen hindurch. Die mit
hochstammigem Walde bedeckten Berge ragen haufig fiber die
Schneelinie hinaus, und sind die hSheren Kuppen mit Gletschern
bedeckt, deren einige in Schluchten, bis in die Nahe des Flusses
herabsteigen. Im Laufe des Nachmittags legten wir, in Folge der
heftigen Str5mung, nur eine geringe Strecke zurfick, ein Uebel-
stand, der um so grSsser wurde, je mehr wir uns unserem Ziele
naherten. Gegen Abend liefen wir an einer Stelle, wo der Fluss
einen balbkreisfSrmigen Bogen macht, im Angesichte eines impo-
santen Gletscherberges, an's Land, um daselbst fiber Nacht zu
bleiben. Einige der Mitreisenden, die es kaum erwarten konnten,
Gold zu sehen, begannen sogleich den Ufersand zu untersuchen,
und waren nicht wenig enttauscht, als sich auch nicht ein K8rn-
lein in der Pfanne vorfand. Wahrend sie noch mit dieser Arbeit
beschaftigt waren, kamen einige Indianer in Kahnen den Strom
herab, deren durftige Kleidung bei dem windigen kalten Wetter
— sie waren bios in wollene Decken gehfillt, die ihnen beim
Rudern von den Schultern fielen — in hohem Grade unser Mitleid
erregte.
Am 9. September setzten wir uns mit Tagesanbruch in
Bewegung. Es war ein kalter, heiterer Morgen; aber ein glfick-
licherweise in der Richtung unserer Fahrt blasender, heftiger
Sturm, verbunden mit einem dichten Funkenregen aus dem
Schornsteine, wodurch unsere Hfite und Kleider in kurzer Zeit
durchlochert wurden, liess uns die herrlichen Landschaften an
beiden Ufern nur wenig geniessen. Allmalig belebte sich der
Fluss. Am Ufer wechselten Indianer-Wigwams mit den Zelten
der Goldgraber, welche letztere wir vornehmlich auf manchen
Sandbanken in grosser Anzahl antrafen. Um 8 Uhr befanden wir
uns nur 200 Schritte vom Landungsplatze zu Ft. Hope entfernt;
aber die starke StrSmung des zwischen Felsen eingeengten Flusses
war so bedeutend, dass unsere Umatilla, trotz Anwendung de3
Maximums der Dampfkraft, eine voile halbe Stunde benothigte,
um diese kurze Strecke zurfickzulegen. Ft. Hope ist ein Zeltlag-1 22
von einigen hundert Einwohnern, am linken des Fraser, zwischen
hohen, theilweise mit Schnee bedeckten Bergen,   wild romantisch
gelegen.   Der ganze Thalgrund ist dicht bewaldet  und wird von
zwei wasserreichen Bachen,  welche  in  der Nahe  des Ortes sich
in den Fraser ergiessen,  durchschnitten    An das Zeltlager st5sst
ein Fort, das  gerade  dem   auf einer Inspectionsreise  nach dem
oberen Fraser  begriffenen Gouverneur  der Vancouver-Insel,   Sir
Douglas zum Aufenthalte diente.   Nahe dabei befindet sich eine
bedeutende Indianer-Niederlassung. Obgleich weder der Hunt noch
die Umatilla  der Gesellschaft  des  verunglfickten  Seabird  ange-
horte,   wurden   die Schiffbrfichigen  ffir  ihre  in Victoria gelosten
Fahrkarten, bis Ft. Hope  befordert.    In  solchen Dingen  ist man
in Amerika   dem Reisepublikum  gegenfiber   sehr   rficksichtsvoll.
Ans  Land  gestiegeu,   machten   wir   zunachst  dem  Gouverneur
unsere Aufwartuug. Als derselbe horte, dass wir unserem Besuche
des   Fraserflusses  hochstens .3 bis 4  Tage  zu  opfern  gesonnen
waren, empfahl er uns, jedenfalls Ft. Vale zu besuchen,. und wo
moglich bis zum „grand Canon"   (richtiger Canon)   vorzudringen,
worauf er uns einige Zeilen an den Commandanten von Ft. Yale
fibergab. Wir trafen sogleich Anstalten zur Fortsetzung der Reise.
Man  hatte  uns   gerathen,   uns   zur Fahrt   stromaufwarts   eines
Indianerkahns zu  bedienen,   weil  die Eingeborenen  wegen  ihrer
Gewandtheit im Rudern und wegen ihrer genauen Bekanntschaft
mit  dem  gefahrlichen  Strome,   bei   weitem   die   verlasslichsten
Fiihrer waren.   Da es uns aber leider nicht gelang,  zu dem ge-
nannten Zwecke Indianer aufzutreiben, mussten wir uns  endlich
amerikanischen Bootsleuten anvertrauen.   Auf der nun folgenden
Stromfahrt   hatten  wir  mancherlei  Mfihseligkeiten  auszustehen.
Erstlich sassen wir sehr unbequem.   Das Boot konnte allerdings
8—10 Personen bequem fassen,  und wir waren, mit Einfluss der
beiden Bootsleute, nur unser sechs; aber ein nach Ft. Tale zu schaffender
Schmiedeblasebalg nahm einen grossen Theil des Schiffes ein. Zudem
erforderte es die grosste Anstrengung, gegen den reissenden Strom
zu fahren    Besonders hinderlich war uns hier, dass Vaudrey und
Craveri die Ruder nicht zu ffihren wussten, und sonach zu unserem Vorwartskommen nichts beitragen  konnten.   Wir  hielten
uns anfangs nahe ans linke Ufer, wo der Zug des Wassers nicht
sehr fuhlbar war, und legten in der ersten Stunde eine ziemlich 23
ausehnliche Strecke zuriick, obgleich wir den fibrigen besser be-
mannten und keine unthatigen Passagiere enthaltenden Booten nicht
folgen konnten. Bald aber erreichten wir eine Krummung des Flusses,
wo die Stromung so heftig war, dass unser Rudern nicht mehr
genfigte. Nun musste ein Theil der Gesellschaft ans Land steigen,
um den Kahn mittels eines Seiles fortzuziehen, wahrend die
Uebrigen nur dafur zu sorgen hatten, dass das Schiff an den
bis an die Oberflache emporragenden Felsblocken nicht be-
schadigt werde. Die an sich beschwerliche Arbeit des Schiff-
ziehens wurde dadurch noch lastiger, dass das Aus- und Einsteigen
meistens mit einem kalten Bade verbunden war, indem wir nur
selten den Kahn ganz nahe an das Ufer bringen konnten, und
daher gezwungen waren, oft eine Strecke durch das mehrere Fuss
tiefe, eiskalte Wasser zu waten. Dies wiederholte sich in 2 Stunden
wohl ein dutzendmal, und meine Gefahrten Vaudrey und Craveri,
welche, als des Ruderns unkundig, vorzugsweise mit diesem Amte
betraut wurden, waren bald einer solchen Reisemethode so fiber-
drussig, dass sie, trotz des Mangels an Raum, noch zwei Ruderer
anzuwerben beschlossen, und alle am Ufer befindlichen Goldwascher
anriefen und, ihnen Geld anboten, falls sie sich dazu hergeben
wollten, uns beizustehen. Es dauerte ziemlich lange, bis sie zwei
Manner antrafen, welche gerade Geschaftehalber nach Ft. Vale
zu gehen beabsichtigten; und darum fur einige Dollars gern bereit
waren, ihnen zu willfahren.v
Wir konnten nun von unseren Anstrengungen ausruhen und
die wilde SchOnheit der gebirgigen Ufer, worm der Fraser alle
mir bekannten Flfisse fibertrifft, mit Musse geniessen. Um 3 'A Uhr
stiegen Vaudrey, Craveri und ich ans Land, und gingen auf sehr
beschwerlichem Wege langs dem Ufer, in drei Stunden nach Ft.
Vale, wo, in dem Augenblicke unseres Eintreffens, auch das Boot
mit de St. Ours anlangte. Nachdem wir unser geringes Hand-
gepack in de St. Ours leerem Waarenzelte — die Vorrathe, zu
deren Aufnahme es bestimmt war, waren auf dem Seabird ver-
brannt — abgelegt hatten, gingen wir in das Dorf, um den
Commandanten aufzusuchen. Wir fan den in seiner Wohnung eine
Menge indianischer Weiber und Kinder, mit denen wir uns nur durch
Zeichen verstaridigen konnten. Es verging fast eine Viertelstunde,
ehe der Commandant kam, welcher uns in sehr," schlechtem, mit 24
  s
franzSsischen Ausdrucken gemiscbtem Euglisch willkommen hiess,
und nach Durchlesung des vom Gouverneur erhaltenen Empfeh-
lungsschreibens, uns sobald als moglich einige ludianer zu ver-
schaffen versprach, um uns stromaufwarts bis zum Cailon einer
merkwfirdigen Flussenge, geleiten zu lassen. Der Commandant
von Ft. Yale ist ein durch den langen Aufenthalt im fernen Westen
halb verwildeter franzfisischer Canadier, der seine Muttersprache
fast vergessen, das Englische nie recht erlernt hat, und sich in der
Chinook-Sprache noch am gelaufigsten ausdruckt. Er ist mit einer
Vollblut-Indianerin verheiratet, und hat von derselben viele Kinder,
welche in ihrem Aeusseren weit mehr die mfitterliche als die
vaterliche Abstammung verrathen. Es ist sine bekannte Er-
fahrung, dass Franzosen und Irlander unter den Indianern haufig
vollig verwildern. Bei Mannern germanischen Stammes stosst
dieser Process auf einen weit grosseren Widerstand. Am hart-
nackigsten widerstrebt der Vermischung mit den Ureinwohnern
der Yankee und der Schotte.
Das dringende Verlangen nach einem Imbisse veranlasste
uns, den Besuch schnell zu beenden. Indem wir darauf
zwischen den Zelten umherwandelten, fiel uns eine grosse
Schindelhfitte in die Augen, deren Aufschrift „American
Restaurant" uns zum Eintritte einlud. Leider sassen an dem
einzigen Tische, wo noch einige Platze leer waren, drei wild aus-
sehende Manner, unter welchen de St. Ours einen unter dem
Namen „Capitan Pocahontas" bekannten Raufbold erkannte. Nur
mit Widerstreben liessenwir uns an diesem Tische nieder. Wahrend
wir mit Ungeduld das Auftragen der bestellten Speisen erwarteten,
versuchten unsere Tischnachbarn ein Gesprach mit uns anzuknfipfen
und forderten uns auf, mit ihnen zu trinken, was wir aber mit
der Bemerkung, dass wir nur Wasser zu trinken gewohnt w&ren,
ablehnten. Sie nahmen unsere Weigerung sehr fibel auf, und es
hatte den Anschein, als wollten sie desshalb mit uns Handel an-
fangen. Da wir uns aber ruhig verhielten und wie zufallig unsere
Revolver und Jagdmesser sehen liessen, wohl auch, weil sie unter
den Anwesenden weit mehr Gegner als Freunde zahlen mochten,
hielten sie es doch fur gerathener uns in Ruhe zu lassen, und
raumten bald fluchend die Hfitte. Das Gerucht von dem Gold-
reichthume des Landes .hatte eine Menge Abenteurer dersehlechtesten 25
Sorte herbeigezogen, und manches im Jahre 1856 von dem Vigilance Commitee aus San Francisco ausgewiesene Individuum hatte
damals zu Ft. Yale seinen Aufenthalt.
Obgleich   uns  nichts   als   altes Seefieisch und getrockneter
Lachs nebst fast ungeniessbarem Kaffee vorgesetzt wurde,   wofur
wir einige Dollars zu bezahlen hatten, waren wir, nach den An-
strengungen des Tages, mit dem Essen sehr zufrjeden. Nach der
Mahlzeit  machten   wir  einen Spaziergang durch das Lager,  bei
welcher Gelegenheit wir eine ausserordentlich reiche Ausbeute an
Insecten,  die  in grosser Anzahl  an  den Zeltwanden sassen, zu
Stande brachten. Der Ort war damals sehr belebt, und zahlte wohl
fiber 3000 Einwohner.   Die meisten derselben wohnten in Zelten,
nur wenige in Schindelhfitten.. Man konnte nicht leicht ein bun-
teres Gemisch der verschiedensten Nationalitaten sehen. Am zahl-
reichsten waren zweifellos die Amerikaner anwesend;  namentlich
hatte Californien  ein ansehnliches Contingent gestellt. Demnachst
folgten die Deutschen, Franzosen und Chinesen, dann die Italiener,
Spanier,  Polen u. s. w.   Die weibliche Bevolkerung  beschrankte
sich nur auf 6 Individuen. Ausserdem gab es in der Gegend viele
Indianer, die im Allgemeinen mit den Weissen auf freundschaft-
lichem Fusse lebten. Trotz der rauhen Lebensweise und der mit
dem Aufenthalte in einem neuen Lande nothwendig verbundenen.
mancherlei Entbehrungen, hatten fast alle Einwohner ein gesundes
und zufriedenes Aussehen.   Die Zelte  standen  in  ungeordneten
Gruppen, theils am Uferrande,   theils zwischen  den Baumen im
Walde.   Der beiderseits   von   sehr hohen, steilen Bergen   einge-
schlossene Strom hat an dieser Stelle einen vielfach gewundenen
Lauf, ist sehr reissend und bildet einige gefahrliche Stromschwellen
und Wirbel. Es vergeht kaum ein Tag, ohne dass ein Menschen-
leben  in diesem tiickischen Strome zu Grunde geht   Eine halbe
engl. Meile  unterhalb Ft. Yale, am gegenfiber liegenden, linken
Ufer,   liegt Hill's Bar,   ein   anderes Zeltlager,   in   dessen Nahe
damals das meiste Gold gewaschen wurde. In -Ermanglung eines
besseren Nachtquartiers, verhjachten wir die Nacht in de St. Ours'
Zelte, wo wir  auf dem feuchten,  sandigen Boden liegend,   vor
Kalte lange nicht einschlafen konnten.
Da wir am folgenden Morgen umsonst auf die versprochenen
Indianer warteten, beschlossen wir, um den Tag nicht ganzlich zu
4 26
verlieren, Hill's Bar zu besuchen. Nacb dem Mittagessen setzten
wir in einem Kahne nach dem linken Ufer fiber, und gingen darauf,
langs dem Strande, in 3/, Stunden nach dem Lager. Dort herrschte
ein sehr   reges Leben.  Der Uferrand war, in  einer Ausdehnung
von 1 engl.  Meile, mit Goldwaschern bedeckt,   wovon die einen
den Sand aufgruben,  wahrend  die anderen die Wiegen (rocker)
handhabten oder an den Wasserrinnen (sluice) beschaftigt waren.
Der Sluice ist eine aus dfinnen Brettern hergestellte Rinue, min-
. destens einige Klafter lang,   die etwas geneigt  aufgestellt wird.
Der goldhaltige Koth wird im oberen Tbeile der Rinne aufgehauft
und durch Aufgiessen von Wasser langsam hinabgeschwemmt, wobei
sich die in dem Kothe enthaltenen Goldpartikelchen auf dem mit
verschiedenen, zum Aufhalten des Goldes dienenden Vorrichtungen
versehenen Boden der Rinne absetzen.   Diese Vorrichtungen be-
stehen in  zahlreichen Grubchen und Rauhigkeiten, amalgamirten
Kupferplatten und kleinen, mit Quecksilber gefullten Vertiefungen.
Nachdem eine gewisse Kothmenge durch die Rinne geschwemmt
ist, wird der Rinnenboden sorgfaltig von  alien daran haftenden
Goldstfickchen gereinigt, das Quecksilber aber in eisernen Kolben
destillirt, wobei das Gold in Gestalt einer unformlicben Masse,
Granulation genannt, in dem Kolben zurfickbleibt.   Wie die Er-
fahrung gezeigt hat, wird auf diesem Wege weit mehr Gold gewonnen
als mittels der Wiege.   Die Anlage des Sluice erfordert jedoch
einige kostspielige Vorarbeiten, wesshalb sich hierzu gewohulich
kleine Gesellschaften von 6 — 8 Theilnehmern bilden.   Ich war
erstaunt  fiber- die  ungeheure   Menge   des Goldes,  welches  ich
in   Hills   Bar   sab.     Fast   Alle,    die   wir   um   den   Fortgang
ihrer   Geschafte   befragten,   gaben   eine   befriedigende   Antwort
Manche betrachteten 30 Dollars im Tage als eine mittelmassige
Ausbeute, und versicherten uns,  an besonders glficklichen Tagen,
schon 80 — 100 Doll, gewonnen zu haben.   Allerdings arbeiten,
nur wenige Schritte von solchen Glficklichen entfernt, Andere die
kaum  4 — 5 Doll, zu Stande bringen.   Es gibt fiberhaupt kaum
ein mehr vom Zufalle abhangiges Geschaft, als die Goldwascherei;
dann oft gibt die Pfannenprobe ein glanzendes Resultat, und doch
zeigt sich in der Folge der Bpden kaum der Bearbeitung werth.
.Hinsichtlich der Vertheilung des Grundes war die Verfueruno- ee-
troffen, dass jeder Goldwascher einen noch nicht occupirten Wasch- 27
grund-Antheil (Claim) beanspruchen durfte. 'Dieses Wort hat nicht
fiberall dieselbe Bedeutung. Am Flusse bestehen'die Antheile aus
klafterbreiten Streifen, die vom Wasser aus beliebig weit aufwarts
verfolgt werden konnen. Auf den trockenen Goldfeldern sind die
Antheile quadratformig /
Nachdem wir eine Stunde lang dem Treiben der Goldwascher
zugesehen, und zum Andenken jeder eine kleine Quantitat Gold-
staub gekauft hatten, kehrten wir nach Ft Yale zurfick, sehr
befriedigt, uns an Ort und Stelle von dem massenbaften Vorkommen
des Goldes, was in San Francisco von Manchen als eine Fabel
angesehen ward, fiberzeugt zu haben
Den 11. September 6 Uhr Fruh liess uns der Commandant
melden, dass zwei Indianer nebst einem Dolmetsch unser warten.
Wir waren schnell reisefertig und bestiegen um 7 Uhr den fur
uns bereit gehaltenen Kahn. Derselbe war 15' lang 2 breit, nur
lVa' tief, und hatte so wenig Stabilitat, dass wir, um das Umschlagen zu verhfiten, unbequem genug, auf dem nassen Boden
sitzen mussten. Die auf dem Fraser- und dessen Nebenflfissen
fiblichen Indianerkahne sind sammtlich nach demselben Muster
geforint und nur in den' Dimensionen verschieden. Sie laufen.
vorn und hinten sehr scharf zu, sind unten cylindrisch und be-
stehen nur aus einem Stficke, was wohl den Vortheil hat, dass
sie wasserdicht sind. Zur Fortbewegung dienen kurze, etwa 3JA
Fuss lange, massig breite Ruder, welche nicht aufgelegt werden.
Obgleich sehr zum Umschlagen geneigt, sind diese Kahne, zumal
von Indianern hedient, auf dem von Stromschnellen wimmelnden
Flusse, alien andern Fahrzeugen vorzuziehen, weil sie bei ihrer
geringen Tiefe und in Folge ihres soliden Bauches, von den
unter dem Wasser befindlichen Steinen wenig zu besorgen haben,
und ausserdem, wegen ihres scharfen Baues, sehr schnell fiber die
gefahrlichen Wirbel dahingleiten. Wahrend der ^zweistfindigen
Fabrt hatten wir zur Genfige Gelegenheit, uns von der grossen
Vorsicht unserer Bootsleute zu fiberzeugen. Wo nur die geringste
Gefahr vorhanden war, an Klippen zu stossen, spraugen sie in's
Wasser, um den Kahn zu stutzen und sein Umschlagen zu verhfiten. 5 engl. Meilen unterhalb des Canon stiegen wir mit dem
Dolmetsch a.n's Land. Eine halbe Stunde darauf begegnete uns
einer der Hauptlinge der um Ft. Yale wohnenden Indianer\ 28
Er reichte jedem von uns sehr cermoni6s die Hand, und
hielt uns dann, in seinem krachzenden Idiome, eine lange Anrede,
wovon wir natfirlich nichts verstanden. Nach der Erklarung
des Dolmetsches, waren es wiederholte Betheuerungen seiner Achtung
und Freundschaft fur die weissen Manner. Obgleich schon ziemlich
bejahrt, war er der schonste Indianer, den ich bisher gesehen
hatte. Er war von hohem, schlankem Wuchse, hatte ernste aber
einnehniende Gesichtszuge, und zeichnete sich durch eine edle
Haltung und ein wfirdevolles Benehmen aus. Wie bei alien
alteren Indianern, war sein Gesicht von unzahligen Runzeln durch-
furcht. Seine Kleidung bestand aus Rock und Weste von schwar-
"zem Sammet, eugen Hosen aus demselben Stoffe und hohen Kaut-
schukstiefeln. Auf dem Kopfe trug er — in dieser Gegend eine
grosse Seltenheit — einen schwarzen Cylindefhut. Er war von
zweien seiner Weiber begleitet, deren jede auf dem Rficken ein
Kind und in den Handen einen grossen Lachs trug Die Weiber
waren klein und hasslich und sehr armlich gekleidet. Etwa eine
halbe Stunde, nachdem wir von dem Hauptlinge Abschied geuom-
men hatten, gelangten wir zu einer Anhohe, von welcher sich uns
ein fiberraschendes Schauspiel darbot. Auf einem geraumigen,
freien Platze zwischen dem Flusse und dem steilen Gebirgsabhange,
etwa 2000 Schritte vor uns, erblickten wir eine buntfarbige Men-
schenmasse, welche sich bald auf einen dichten Knauel zusammen-
zog, bald auseinander stob. Die raschen Bewegungen, das dieselben
begleitende Geschrei und die -zuweilen rasch aufeinander folgenden
Schfisse liessen uns Anfangs glauben, Zeugen eines Gefechtes zu
sein; der Dolmetsch aber erklarte uns, dass vor unseren Augen
ein Todtenfest gefeiert werde. Wir beschleunigten nun unsere
Schritte, um noch etwas von der sonderbaren Ceremonie zu sehen,
und befanden uns bald mitten unter den Wilden. Unser Dolmetsch,
der durch seine Frau fast mit alien angesehenen Indianerfamilien
verschwagert ist, stellte uns den drei' anwesenden Hauptlingen
vor, welche nach den Begrfissungs-Formalitaten, uns einluden,
neben ihnen auf den umherliegenden Felsblocken Platz zu nehmen.
Die Versammlung zahlte 6 bis 800 Indianer beiderlei Geschlechtes,
. alle in ihrem schonsten Schmucke und in den mannigfaltigsten
Trachten. Die Wohlhabenderen trugen meist europaische Kleidung,
die sie aus den Magazinen  der Hudsonsbai  kaufen,  aber oft mit 29
hochst grotesker Zusammenstellung der verschiedenen Stficke.
Einen unbeschreiblich komischen Eindruck machte ein achtjahriger
Knabe, der weiter nichts als eine ungeheure gelbe Weste, die fur
einen dicken Mann bestimmt war, und ihm bis an die Knochel
reichte, am Leibe hatte. Die armeren waren bloss in Wolldecken
gehullt, wovon manche aus einer grossen Anzahl verschieden
gefarbter Fetzen zusammengeflickt war. Die Manner waren ohne
Ausnahme bewaffnet. Die meisten besassen Jagdmesser und Flinten
von europaischer oder amerikanischer Arbeit, worunter manches
kostbare Exemplar. Nur wenige fuhrten ihre alten Nationalwaffen
— Bogen und Pfeile. So wohl Manner als Weiber waren im
Gesichte abscheulich bemalt. Bei letzteren beschrankte sich diese
scheussliche Malerei nur auf rothe Flecken auf den Wangen und
fiber den Augenbrauen und auf eine rothe Scheitellinie. Nur bei
wenigen war die ganze untere Gesichtshalfte bis zur Nase roth
augestrichen. Ausserdem trugen sie verschiedene Schmuckgegen-
stande, als: Halsketten aus Fischzahnen, goldene und silberne
Armbander, goldene Ohrringe von 3 bis 4 Zoll im Durchmesser,
einige auch kleine Ringe im Nasenknorpel. Das Haar trugen
sie ohne Ausnahme gescheitelt und ohne irgend einen Kopfputz.
Die Gesichter der Manner zeigten eine weit kfinstlichere Bema-
lung, worin roth mit- schwarz abwechselte. Bei ihrem ganzlichen
Mangel an Schonheitssinn scheinen sie hauptsachlich darauf aus-
zugeben, sich ein abschreckendes Aussehen zu geben, indem sie
sich rothe Ringe um die Augen malen, und Wangen und Stirn
mit schwarzen Zackenlinien bedecken. Einige, um den Weissen
ahnlich zu sehen, hatten sich schwarze Backenbarte gemalt, eine
Zierde, die ihnen die Natur nur sparlich zugemessen hat, die sie
aber durch sorgfaltiges Ausrupfen jedes Bartha.ares auch selbst
zerstoren. Mit Ausnahme eines wahrhaft schonen jungen Mannes,
dessen auffallend helle Hautfarbe aber die Abstammung von einem
weissen Vater vermuthen liess, und der durch ein intelljgenteres
Aussehen ausgezeichueten drei Hauptlinge, waren sammtliche
Anwesende hasslich, von stupidem Gesichtsausdrucke und minder
entwickeltem Gliederbau. Die Weiber, obgleich noch hasslicher
und von sehr kleiner Statur, sind vergleichsweise kraftiger, was
wohl ihrer grosseren Thatigkeit zuzuschreiben ist. Das Fest fand
zu Ehren  einer  vor  einem Jahre  verstorbenen Frau   statt, und 30
war,   da  die Verwandten  der Todten  wohlhabende Leute   sind,
besonders glanzend.^DJe Todtengebrauche der Indianer am Fraser
sind hochst eigenthtimlicher Art. Sogleich nach erfolgtem Ableben
wird die Leiche, in eine Decke gewickelt, mit Gewalt in eine roh
gearbeitete, schwarz angestrichene Kfiste gepresst.    Derlei Kisten
werden an abgelegenen Orten fibereinander geschichtet, aufgestellt.
• Ein Jahr nach dem Tode  wird  der Leichnam  mit  einer  neuen
Decke versehen.    Diess wiederholt sich in Zeitabschnitteii von je
fiinf Jahren noch dreimal,   worauf von  der Leiche   meistens nur
ein Knochenhaufen tibrig bleibt.    Diese  werden  dann gesammelt
und  mit   den  Knochen   alterer  Leichen  vermischt,   in  anderen
Kisten aufbewahrt.   Die  erste Leichenenthfillung  ist immer mit
einer Festlichkeit verbunden,  wobei  von  den Versammelien des
Verstorbenen an die Anwesenden Geschenke ausgetheilt werden.
Als wir bei der Leichenstatte anlangten, war der erste Theil der
Feier,   die Enthfillung  der Leiche bereits voruber,   und eben die
Vertheilung der Geschenke im Gange,  welche, mit halbstundigen
Pausen, 4 Stunden lang fortdauerte. In einiger Entfernung von den
Todtenkisten war ein grosses, an 50 Schritte langes Gerfist errich-
tet, auf welchem  sich eine grosse Menge Waaren  der verschie-
densten Art,  als:   Wolldecken,   Hemden,  Kleidungsstficke  aller
Art, ferner Jagdmesser, Dolche, Flinten, Pistolen u. s. w. aufge-
stapelt befanden.   Ehe zur Austheilung der Geschenke geschritten
wurde, hielten die Leidtragenden, auf dem Gerfiste stehend, lange
Reden, deren Inhalt theils Anpreisungen der Verdienste der Verstorbenen, theils Freundschaftsversicherungen ftir die Anwesenden
ausmachten. Diess geschah unter einer hfipfenden Bewegung und
grasslichem Schreien.  Sie wiederholten dabei den namlichen Satz
wohl zwanzig Mai.   Die werthvolleren  Gegenstande,   als Waffen
und fertige Kleidungsstficke wurden mit Namensaufruf an einzelne
PersoDen verabfolgt, die wollenen Decken aber dem ganzen Haufen
zugeworfen.   In einem solchen Falle sturzten Alle darfiber her,
und Jeder, der die Decke anfassen konnte, schnitt sich, mit seinem
Messer ein Stuck davon ab.   Es spricht entweder fur den fried-
lichen Siun oder fur die strenge Disciplin der Anwesenden, dass
bei dieser Balgerei gar keine Streitigkeiten vorfielen.    Allerdings
hatten die H&uptlinge die Vorsicht beobachtet, das Trinken von
Branntwein w&hrend des Festes zu untersagen.   Sonst   ware  es ■H
31
wohl nicht ohne blutige Excesse abgelaufen. Nach l'A stundigem
Aufenthalte unter den Indianern, machten wir uns auf den Weg
zum Call on, dessen unteres Ende wir in einer Stunde erreichten.
Der Canon ist eine Fiussenge, ahnlich. den Dalles, wo der Fraser,
auf einer einige engl. Meilen betragenden Strecke, zwischen mauer-
ahnlichen, senkrecbten Felswauden auf 20 — 15 Klafter eingeengt
ist, und zahlreiche Strudel bildet. Diese Strecke ist ffir,Schiffe
sehr gefahrlich. Wir selbst sahen hier ein umgestfirztes Boot,
dessen Insassen wahrscheinlich weiter oben verungluckt waren,
den Strom hinab treiben. Einige Goldwascher, die wir am Ufer
antrafen, versicherten uns, es sei dieses seit Sonnenaufgang schon
das dritte. Wir traten bald den Ruckweg an und befanden uns
bald wieder auf dem Schauplatze der Leichenfeier. Die Indianer
hatten'sich, nach Beendigung der Austheilung der Geschenke, in
eine nahe am Ufer befindliche Barracke zurfickgezogen, woraus
uns schon von Feme das den Schluss der ganzen Feierlichkeit
bildende Klaggeheul der Weiber entgegenschallte. Wir besichtigten
nun in der Nahe die Todtenkisten, welche eine freistehende Wand
von 2 Klafter Hohe und 15 Klafter Lange bildeten. Obgleich
deren Wande durch den Einfiuss der Witterung stark beschadigt
waren und zahlreiche Sprfinge zeigten, war doch nichts von einem
Verwesungsgeruche zu bemerken. Die meisten Kisten waren mit
rob geschnitzten und bemalten Figuren geziert, grosstentheils
Thiere des Waldes, als Baren, Ottern, Ffichse u. dgl. darstellend.
Diese Figuren gereichen der indianischen Bildhauerkunst wenig
zur Ehre; denn bei manchen dieser Kunstwerke war es uns
unmoglich, zu errathen, was sie vorstellen sollten. Einige Kisten
zeigten auch menschliche Figuren, welcben die Bedeutung von
Gedachtnisstatuen zukommt. Unter diesen Darstellungen er-
regten namentlich zwei Statuen unsere Aufinerksamkeit, in-
dianische Stutzer in weissen Hosen und Weste, blauem
Fracke, hohen Vatermordern und Cylinderhute vorstellend,
die wir nicht ohne Lachen ansehen konnten. Nebst solchen
Menschen - und Tbierfiguren j bemerkten wir mehrmals eine
hassliche, menschenahnliche Fratze in bockender Stellung, mit
weit hervorstehenden Augen, den Ffihlhornern einer Schnecke
ahnlich und heraushangender Zunge, den Kopf mit einer hohen
Federkrone geschmuckt.    Trotz wiederholter Bemuhungen waren 32
wir nicht im Stande, von unserem schweigsamen Dolmetsch fiber
die symbolische Bedeutung aller jener Figuren eine befriedigende
Erklarung zu erhaltenYEbenso ergieng'es uns mit den Erkundi-
gungen fiber die religiosen Gebrauche, welche bei den Indianern,
vor Einffihrung des Christenthums, herrschten. Nur so viel konnten
wir aus unserem Begleiter herausbringen, dass ihre religiosen
Uebungen eher den Namen eines Teufels- als eines Gottesdienstes
verdienten. SieglaubtenzwaraneinhochstesWesen, den grossen Geist,
ohne sich jedocb mit dessen Verehrung viel zu befassen, denn sie
meinten, der grosse Geist sei gut und thue ihnen ohnehin nichts
zu Leide; aber die bosen Geister mfisse man sich durch Opfer
geneigt machen. Gegenwartig sind sie durch katholische Missionare
aus Canada grosstentheils zum Christenthume bekehrt, d. h. sie
machen das Zeichen des Kreuzes, verhalten sich aber gegen ihren
neuen Glauben sehr indifferent. Merkwfirdigerweise scheint der
nordamerikanische Indianer ffir religiosen Fanatismus nicht em-
pfanglich zu sein. Er ware sonst, in den Handen einer unduld-
samen Kirche, eine gefahrliche Waffe, indem er in Folge seiner
eigenthfimlichen Gemfithsart, eines seltsamen Gemisches von
Stoicismus und glfihendem Menschenhasse, sich eben sowohl zum
Martyrer wie zum rficksichtslosen Verfolger Andersglaubiger eignen
wurde.
Gegen 1 Uhr laugten wir wieder bei unserem Boote an, in
welchem wir, von der reissenden Stromung begunstigt. die Ruck-
fahrt nach Ft. Yale in 10 Minuten bewerkstelligten. Ein uns
folgender, mit Indianern bemannter Kahn gerieth hinter uns in
einen Wirbel, den wir glficklich vermieden hatten, und wurde
umgestfirzt. Wir befanden uns, als diess geschah, mitten im
Stromstriche, und waren daher ganzlich ausser Stande, ihnen zu
helfen. Wie wir uns jedoch bald fiberzeugten, ware unsere Hilfe-
leistung unnfitz gewesen; denn die in's Wasser Gefallenen klam-
merten sich an den Kahn, und kam en dam it un^ersehrt an das
Ufer. Da der Aufenthalt in Ft. Yale wenig Anziehendes bot,
trafen wir sogleich Anstalt zur Ruckreise, mietheten einen Kahn
mit zwei franzosischen Fahrleuten und machten uns noch an dem-
selben Tage um 4'A Uhr Nachmittags auf den Weg. Die Fahrt
stromabwarts ist mit wenig Arbeit verbunden, indem man von
dem reissenden Strome blitzschnell hinabgeschwemmt wird,  und 33
die Ruder nur zum Steuern benothigt.   Dagegen schwebt man in
fortwahrender Gefahr des Umschlagens. Die ersten Strudel nachst
Hill's Bar passirten wir ganz kunstgerecht.   Kurz bevor wir aber
Texas Bar erreichten, wo eine hohe Felseninsel den Strom in zwei
Arme spaltet, geriethen wir,  mit Rucksicht auf meine zwei des
Schwimmens   unkundigen Gefahrten,   in  augenscheinliche Gefahr.
Hier  hatte   sich,   in Folge   des  in  den  letzten Tagen   erfolgten
Sinkens des Wasserstandes, ein sehr gefahrlicher Strudel gebildet,
dessen heftiges Schaumen, schon aus der Feme gesehen, mich mit
einiger Besorgniss erffillte. Einige Klafter oberhalb dieser gefahr-
lichen Stelle streiften   wir mehrmals   den Grund, was zur Folge
hatte, dass wir den Strudel nicht mit der nothigen Geschwindig-
keit durchschneiden  komften.    Der Kahn   wurde   nun im Kreise
herumgedreht, wahrend die fiberschlagenden Wellen ihn anzuffillen
drohten;   und es bedurfte  unserer  vereinten Anstrengungen,   aus
diesem Trichterherauszukommen.   Hiermit   waren  fibrigens  alle
Gefahren fiberstanden, indem von Texas Bar  an, die Fahrt ohne
jede  Storung   von Statten   ging.   Entzfickt  ob   der  grossartigen
Gebirgsnatur,   trafen - wir schon um 7 Uhr zu Ft. Hope ein,   wo
wir an Bord  der „Maria" sogleich Fahrkarten nach Ft. Langley
losten. Leider hing die Abfahrt dieses Dampfers von der Ankunft
eines anderen ab,  und liess sich darum nicht genau bestimmen.
In  der Zwischenzeit hatten  wir Kost  und Wohnung  am Bord,
wo wir gerade nicht luxurios, aber jedenfalls besser, als in Ft. Yale,
lebten.   Dass Unangenehmste war, dass wir, aus Furcht die Abfahrt zu versaumen,   uns  kaum vom Ankerplatze zu  entfernen
wagten. Craveri und ich versuchten aus Langeweile einmal unser
Glfick im Goldwaschen,   wozu  wir bei  einem  deutschen Wirthe
eine grosse Blechschfissel  ausliehen.    Nachdem wir am Ufer ein
2 Fuss tiefes Loch- gegraben und  den   daraus gewonnenen Koth
(dirt) eine Viertelstunde lang vorsichtig gewaschen hatten, kamen
zu  UDserer  grossen   Freude  in   dem   schwarzen  Sande  wirklich
einige   kleine   Goldkorner  zum   Vorschein.   Nach  mehrstfindiger
Arbeit brachten wir ein kleines Haufchen   ziemlich reinen Gold-
sand zu Stande.    Am 13. langte   endlich  kurz vor Einbruch der
•Nacht, der ersehnte Dampfer an, worauf wir am nachsten Morgen
mit Tagesanbruch die Rfickreise begaunen,  und nach sehr ange-
nehmer 6stfindiger Fahrt wieder zu Ft. Langley eintrafen.
D 34
In unserer Abwesenheit hatte dieser Ort bedeutende Fort-
schritte gemacht. Wahrend vor 3 Tagen noch kein holzemes
Gebaude zu sehen war, standen nun drei Schindel hatten fast fertig
da. Auch die Zahl der Zelte hatte sich wesentlich vergrossert.
Wir gedachten Anfangs, die nachste Gelegenheit zur Rfick-
fahrt nach Victoria zu benfitzen. Als wir aber vernahmen, dass
jeden Augenblick Vorrathe zur Verproviantirung der neuen Nieder-
lassung Ft. Douglas am Harrison-See erwartet wfirden, welche
durch unsere „Maria" an ihren Bestimmungsort gebracht werden
sollten, beschlossen wir, noch diesen Ausflug mitzumachen. Wir
hatten nun abermals 3 langweilige Tage in Ft. Langley zu ver-
bringen, die wir uns so gut es eben anging, durch Lectfire,
Waldspaziergange und haufige Besuche im Fort zu verkfirzen
trachteten. Wahrend dieses Aufenthaltes zu Ft. Langley sah ich
zuerst den Donati'schen Cometen. Am 17. um 10 Uhr Nachts
erschien endlich der „Otter", ein der Hudsonsbai-Gesellschaft
gehoriges Dampfschiff, mit den ersehnten Vorrathen. Das Umladen
der in Mehl, Kartoffeln, Salzfleisch, Brettern und Balken, Werk-
zeugen aller Art, Karrenbestandtheilen u. dgl., endlich einem
Dutzend Maulthieren bestehenden Fracht nabm die ganze Nacht
und die Halfte des folgenden Tages in Anspruch. -f
Als wir den 18. um Mittag abfuhren, war unsere „Maria"
so schwer belastet, dass der Bordrand nur einige Zoll fiber das
Wasser ragte. -Um 5,1A Uhr Nachmittags liefen wir in die unge-
fahr auf halbem Wege nach Ft. Hope befindliehe Mfindung des
Harrisson-Flusses ein, welcher hier ungefahr 200 Schritte breit
und sehr reissend ist. Die hereinbrechende Finstemiss nothigte
uns bald darauf, in einer seeartigen Erweiterung zu ankern.
19. September. 'A Stunde.nach der um 6 Uhr frfih er-
folgten Abfahrt, gerieth das Schiff in so seichtes Wasser, dass es
fur nSthig erachtet wurde, dass Flussbett, vor der Weiterfahrt, zu
untersuchen, und das Fahrwasser, durch aufgestellte Stangen, zu
bezeichnen. Nachdem diess geschehen, draugen wir, unter fort-
w'ahrendem Sondiren, das oft nur -3 Fuss Tiefe ergab, langsam
vor. Wir hatten beinahe schon das Ende der Untiefe erreicht,
als das Schiff, am Vordertheile von der Stromung hart getroffen,
nach der Steuerbordseite auswich, wodurch es sich in einem Augen-
blicke senkrecht gegen den Stromstrich stellte und  gleichzeitig 35
vorn und rfickwarts auf den Grand gerieth. Es wurde zwar in
wenigen Minuten wieder flott; da aber die ungunstige Stellung
des Fabrzeuges dessen Steuerung unmoglich machte, trieb es einige
hundert Schritte stromabwarts, bis es zuletzt auf einer Sandbank
stizen blieb, wo es alien Bemuhungen, es wieder frei zu machen,
hartnackig trotzte. In dieser Verlegenheit schickte der Capitan
eines unserer Boote nach Pt. Douglas voraus, um daselbst wo
mSglich einige flache Fahrzeuge, behufs des Ausschiffens der Ladung,
aufzutreiben. Einige Passagiere wurden durch die Aussicht, viel-
leicht 3 — 4 Tage auf der Sandbank zu liegen, so missmuthig,
dass sie in einem Indianerkahne nach Ft. Langley zurfickfuhren.
Abends erhielten wir zahlreichen Besuch von Indianern, welche in
ihren Kahnen herabkamen, das Dampfschiff zu besichtigen. Sobald
sie unsere Verlegenheit begriffen, versprachen sie, am nachsten
Morgen mit einer grosseren Anzahl Kahnen wieder zu kehren, und
uns, bei unseren Versuchen flott zu werden, behilflich zu sein.
20. September. Um 8 Uhr fruh erschien die Flotte
unserer Verbfindeten, bestehend aus 14 Kahnen, worauf sogleich
zum Ausladen der Mehlsacke, welche den gewichtigsten Theil der
Ladung ausmachten, geschritten wurde. Die Wildeu luden dieselben
auf ihre Kahne, und setzten sie lA englische Meile weiter oben,
auf einer, wegen des steilen Uferrandes zum Anlanden sehr geeig-
neten Insel an's Land. Cm Mittag wurde die Maschine in Gang
gesetzt, und zu unserer unaussprechlichen Freude bewegte sich
das Schiff schon bei den ersten Radbewegungen, und war in wenigen
Minuten flott. Die inzwischen genauer untersuchte Untiefe passirten
wir jetzt, ohne den Grund zu berfibren, erreichten ohne Schwierig-
keit die genannte Insel, und fuhren, nach Aufnahme der Mehlsacke,
weiter. Die Indianer erhielten selbstverstandlich reichliche Geschenke
an Tabak, Glasperlen und Geld, worfiber sie in hohem Grade
befriedigt schienen. Als wir gegen 6 Uhr Abends den Ausfluss
des Sees erreichten, begegnete uns ein grosses Transportschiff,
das uns von Pt. Douglas zu Hilfe eilte. Die Mannschaft wurde
auf der Maria mit einem guten Nachtmahle bewirthet und das
Schiff im Schlepptau weiter bugsirt. Um Sonnenuntergang ankerten
wir in einer kleinen, scheinbar von alien Seiten von schroff anstei-
genden Schneebergen eingeschlossenen Bucht.
5* 36
21. September. Mit Anbruch des Tages umschifften wir,
eine hohe Insel, die uns bisher die Aussicht nach vorn versperrt
hatte, und nun lag der berrlicbe See in seiner ganzen Ausdehnung
vor uns. Das Becken des Harrisonsee's ist ein tiefes Thai zwischen
der Kfistenkette und dem Lilloet-Gebirge, welche Holier fig? als
Auslaufer des in seinem Hauptkamme mehr ostwarts zieuenden
Cascadengebirges betrachtet werden konnen. Der See dehnt sich
in nordwestlicher Richtung in einer Lange von mehr als 6 geogr.
Meilen aus, bei einer Breite von W bis 1 Meile. Er empfangt
seinen Zufluss durch den unter dem 51. Breitengrade entsprin-
genden Lilloet, welcher, nach seinem Austritt aus dem See gleichen
Namens, den Namen Harrison-River erhalt. Die grosse Schonheit
des noch sehr wenig bekannten Harrisonsees beruht eben so wohl
auf der bedeutenden Hohe der ihn einschliessenden, grosstentheils
die Schneelinie fiberragenden und mit Gletschern bedeckten Berge,
als auf deren malerischer Gruppirung. Er ist ohne Zweifel der
schonste See in ganz Amerika, und dfirfte in der Folge, als eine
der grossten Sehenswfirdigkeiten, von den Gebirgsfreunden eben so
eifrig besucht werden, wie jetzt der Vierwaldstattersee, mit dessen
sfidlichem Theile er einige Aehnlicbkeit hat. \
Um 8 Uhr erreichten wir das nordliche Ende des Sees,
worauf wir in einem seichteren, vielfach gewnndenen natfirlichen
Canale in einer Viertel Stunde in einen kleinen, fast kreisrunden
See gelangten, an welchem Port Douglas liegt. Diese Wasser-
strasse ist gerade tief und breit genug, um einem Flussdampfer
von mittlerer Grosse die Durchfahrt zu gestatten. Der Grand ist
theils felsig, theils schlammig und von einer solchen Ffille von
Wasserpflanzen bedeckt, dass die Dampfschiffe sich oft nur'mfih-
sam hindurcharbeiten konnen. Port Douglas ist, trotz seiner
malerischen Lage, ein gar trauriger Ort, der, wegen der ihn
von alien Seiten wie Man era einschliessenden steilen Gebirge, auch
im Hochsommer, nur wenige Stunden des Tages von der Sonne
besehienen wird. Die Einwohnerzahl betragt kaum 500 Seelen,
darunter zwei Weiber. Die Mehrzahl sind Franzosen. Bisher leben
die meisten Ansiedler noch in Zelten; in Anbetracht des Heran-
nahens der kalten Jahreszeit wird aber an der Errichtuhg holzerner
Hauser eifrig gearbeitet.
Diese Niederlassung ward erst unlangst als Hauptstation des auf 37
Kosten der englischen Regierungnach dem oberen Fraser zu eroffnenden
Landweges angelegt. Veranlassung biezu bot dieSchwierigkeitderBe-
schiffung des Flusses von Ft. Hope aufvr&rts. Der neue Weg folgt
grosstentheils einem alten Indianersteige, der von Port Douglas, in
nordwestlicher Richtung, mitten durch den fast undruchdringlichen
Drwald, an den nahe 8 geogr. Meilen entfernten Lilloetsee fiihrt.
Dieses, dem Harrisonsee an Lange wenig nachstehende, aber weit
schmalere Wasserbecken wird der Lange nach in Kahnen fiber-
setzt. Von der Landungsstelle geht es daun in nordlicher Richtung
durch den Wald zu einer Einsattlung des Lilloet-Riickens, nach
dessen Ueberschreitung, zwei andere kleinere Seen zu passiren
sind, worauf der Weg sich ostwarts wendet, und nahe dem 51. Breiten-
grade, den Fraser erreicht. Die ganze Wegstrecke wird auf unge-
fahr 25 geogr. Meilen geschatzt. Wir hatten gerade so viel Zeit
fibrig, dass wir, wahrend des Ausladen vor sich ging, den Ort
und ein Stfick des neuen Weges fliichtig in Augenschein nehmen
konnten; denn schon um 11 Uhr ertonte das Signal zur Abfahrt.
Nach einer vom herrlichsten Wetter begfinstigten 6stiindigen
Fahrt, hielten wir, in geringer Entfernung unterhalb der fatalen
Sandbank an, um daselbst fiber Nacht zu bleiben.
Nach dem Abendessen ruderten wir in einem Indianerkahne
eine kleine Strecke den Fluss hinauf, um den nahe am Ufer in
einer geraumigen Barrake wohnenden Indianern einen Besuch ab-
zustatten. Als wir uns dem Gebaude naherten, empfing uns ein
Rudel wolfsahnlicher Hunde mit lautem Gebell, ohne fibrigens
feindselige Absichten zu zeigen Der Grundriss der Barrake bildet
ein grosses Rechteck, 100 Schritte lang und 40 Schritte breit.
Das Gerfist besteht aus einigen dicken senkrecht stehenden Balken,
deren obere Enden durch horizontale Balken verbunden sind.
Darfiberliegende Bretter bilden die Decke. Die Seitenwande bestehen
nur aus dfinnen Brettern, welche, in Ermangelung von Nageln,
mit deren Gebrauche die Indianer nicht vertraut zu sein scheinen,
zwischen einer Doppelreihe von dfinnen Pflocken hindurchgeschoben
und daran mittelst Bastschlingen fest gemacht sind. Durch eine
sehr schmale Oeffnung in der Wand, eben breit genug, um einen
Menschen durchzulassen, tritt man, in einen engen Palissadengang,
aus welchem zu beiden Seiten, ahnliche schmale Oeffnungen zu
den Wohnungen ffihren. Diese sind grosse, nahezu quadratformige
. 38
Abtheilungen ohne Fenster oder sonstige LichtSffnungen. Letztere
k5nnen allerdings entbehrt werden, da die die Seitenwande bilden-
den Bretter so lose fiber einander liegen, dass das Licht zwischen
den Spalten ungehindert eindringen kann. Als wir in ein solches
Gemacb eintraten, brannte in jeder Ecke ein Feuer um welches
einige Wilde herumhockten, eben beschaftigt, ihren abscheulich
riechenden getrockneten Lachs zu verzehren. Mit Ausnahme der
Betten, waren gar keine Mobel vorhandeu. Als Betten dienen rob.
behauene, dicke Baumstamme, worfiber Strohmatten gebrertet sind.
An den Seiten, sind die Betten mit Schniitzereien, neuge-
borne Kinder darstellend, verziert. Auch an den Hauptpfeilern
an den Ecken. waren Schnitzereien angebracht, welche die nam-
lichen Figuren zeigten, die wir an den Todtenkisten gesehen
hatten. Wir saben wohl ein, dass es kaum moglich sei, in einer
so luftigen Wohnung, den Winter zu verbringen und wfinschten'
zu erfahren, auf welche Weise sich die Indianer gegen die Kalte
schfitzen. Unser indianischer Steuermann, der uns als Dolmetsch
diente, verstand leider von der englischen Sprache gerade nur
jene Worte, welche auf seine Beschaftigung am Bord Bezug
hatten,  und gab auf  unsere  Fragen stets   verkehrte Antworten.^
Ein alter Indianer, der etwas mehr Mutterwitz besass, errieth
endlich aus unseren Geberden, was wir zu wissen wfinschten, schritt
dem Ausgange zu und winkte uns, ihm zu folgen. Nach etwa
100 Schritten blieb er bei einer kleinen ErhShung, die aus der
Feme ein mit dfirrem Buschwerk bewachsener Hfigel zu sein
schien, stehen, und deutete auf die Erde. Wir bemerkten nun,
dass jener vermeintliche Hfigel ein unter dariiber gelegten Baum-
zweigen verborgenes, aus Stangen und Brettern errichtetes kuppel-
ffirmiges Dach war, durch dessen oben in der Mitte angebrachte
viereckige Oeffnung wir in ein geraumiges, cylindrisches Erdloch
hinabblickten. Dieses wurde von unserem Ffihrer als der Winter-
aufenthalt bezeichnet. Die HQhlung hatte 24 Fuss im Durchmesser und war 8 Fuss tief. Zur Verbindung mit der Aussenwelt
dient ein schmaler, mit Stufen versehener Gang. Ehe die Indianer
das Winterquartier beziehen, wird der zur Erhaltung des Feuers
nOthige Holzvorrath in der Nahe des Ausganges aufgeschichtet
und das Dach zum Schutz gegen die Kalte, mit einer dicken Erd-
jM 39
lage bedeckt. Der Seiteneingang wird dann auch sorgfaltig ver-
schlossen und nur oben auf dem-Dache, zum Abzuge des Rauches,
eine kleine Oeffnung gelassen. In solchen Erdlochem verbringen
die Indianer, wie Haringe zusammengedrangt, in Rauch eingehfillt
und im ekelhaftesten Schmutze, die ganze Winterzeit. In dem ge-
schlossenen Raume theilt sich der Geruch des getrockneten Lach-
ses den Kleidern und Gerathschaften mit, und haftet dann so
hartnackig daran, dass man ihn oft jahrelang nicht zu beseitigen
vermag. Es bedarf gerade keiner feinen Nase, um einen Indianer
auf einige Entfernung zu riechen. Als wir eben im Begriffe waren,
wieder in den Kahn zu steigen, erregte eine einer Hfihnersteige
ahnliche, an einem langen Seile an einem Baumaste hangende
holzerne Vorrichtung unsere Aufmerksamkeit. Wie uns die Indianer
sagten, dient dies zum Trocknen des Lachses und zur Aufbewah-
rung von Lebensmitteln. Das Aufbangen ist bios eine Vorsichts-
massregel gegen Hunde, Marder und andere Raubthiere, welche in
dieser an sonstigem Wilde armen Gegend, auch den Lachs nicht
verschmaben.
Am 22. trafen wir ziemlich frtih Morgens zum dritten Male
zu Ft. Langley ein, wo wir abermals 3 Tage warten mussten, bis
uns noch einmal der „Hunt" von diesem langweiligen Aufenthalte
befreite. Am 25. in den Morgens'tunden dampften wir zum zweiten
Male fiber den Golf von Georgien. Auf halbem Wege erblickten
wir in geringerer Entfernung das Wrack des unglucklichen Seabird.
Um 9 Uhr Frfih liefen wir in den Hafen von Nanaimoo an der
Ostkiiste der Vancouver-Insel ein. Hier verursachte das Einnehmen
von Steinkohlen einen 3stiindigen Aufenthalt. Diese junge Nieder-
lassung, etwa 15 geogr. M. nordlich von Victoria gelegen, ver-
spricht durch das nahe dabei befmdliche Steinkohlenlager bald zu
grosserer Bedeutung zu gelangen. Der Hafen ist zwar klein aber
sicher, und tief genug, um den grossten Schiffen das Einlaufen zu
gestatten. Behufs des leichteren Einschiffens der Kohlen, wird
soeben an der Herstellung eines 4 Klafter hohen Werftes gearbeitet.
Nahe dem Ufer steht, auf einem Hfigel, ein befestigter holzener
Thurm zur Vertheidigung gegen etwaige Angriffe der Indianer.
Der Ort besteht aus 30 netten holzernen Hausern und zahlt einige
hundert Einwohner, fast lauter Englander. Das zwischen nahezu
horizontalen  Conglomeratschicbten   liegende  Steinkohlenfiotz  hat 40
keine bedeutende Machtigkeit, aber eine um so grossere Ausdehnung,
und ist, bei dem Umstande, dass es nahe an der Oberflache liegt,
leicht auszubeuten. Es reicht bis ans Meer, -wo die Steinkohlen-
schichte an dem mauerahnlich abstfirzenden hohen Ufer, an ihrer
dunklen Farbe schon aus der Ferae zu erkennen ist. Diesem Umstande ist, in dem geologisch noch wenig erforschten Lande, die
so frtihzeitige Entdeckung des Kohlenlagers zu verdanken. Auf
dem Wege nach Victoria hatten wir einen 1—4 Seemeilen breiten
Canal zwischen der Vancouver-Insel und der deren Ostkfiste be-
gleitenden Inselgruppe zu passiren, wo stellenweise eine so heftige
Stronxung herrscht, dass nur Dampfschiffe die Durchfahrt wagen
dfirfen. Ich habe Aehnliches an keinem anderen Orte. gesehen.
Erst um 8 Uhr Abends legte unser Schiff an einem der Werfte
von Victoria an, wo wir die „Oregon" zur Abfahrt nach San
Francisco bereit antrafen. Vaudrey und Craveri, welche kein
Interesse hatten, fernere 14 Tage in Victoria zu verbringen, be-
nfitzten diese Gelegenheit, um sogleich nach Californien zurfick-
zukehren, wahrend ich mich entschloss, noch da zu bleiben, um
die geogr. Lage des Ortes und die magnetischen Elemente zu be-
stimmen. Ich quartirte mich wieder in dem Hotel de France ein,
das nun schon etwas wohnlicher aussah, als zur Zeit meiner ersten
Anwesenheit. y.
In der nachstfolgenden Woche lernte ich Victoria von der
unvortheilhaftesten Seite kennen, indem es fast unaufhorlich regnete
und stiirmte, und die Gassen wegen des abscheulichen Kothes,
kaum zu betreten waren, wahrend noch immer fiber die Art der
einzuffihrenden Pflasterung debattirt wurde. Dabei war es nament-
lich in den frtihen MorgenStunden so kalt, dass ich, zwischen den
dfinnen Bretterwanden meines engen Zimmers, welche den Wind
von alien Seit en durchliessen, Mfihe hatte, mich zu erwarmen.
Mein Schlafgemacb war so klein, dass das ebenso schmale als
kurze Bett dessen ganze Lange vom Fenster bis zur Thure ein-
nahm, und neben demselben nur ein schmaler Raum, wo kaum
ein Stuhl Platz hatte, tibrig blieb. Ich war daher gezwungen,
den grossten Theil des Tages im Speisesaal zuzubringen, wo doch
Tische vorhanden waren. Erst nach Ablauf einer vollen Woche,
liess si<}h, die Sonne wieder sehen. Ich begann nun ungesaumt
meine astronomischen Arbeiten, wozu ich in-der Nahe des Gast- 41
hauses auf einem ausgedehnten Rasenplatze mit weiter Aussicht
auf das Meer und den Olymp, einen sehr geeigneten Platz fand.
Erst nachdem ich damit fertig geworden, fing ich an, mich in
der Umgebung umzusehen. Da die Insel zum grossten Theile noch
fast unbekannt ist, keine Wege in's Innere ffihren, und das Weiter-
kommen wegen des fiberall den Boden bedeckenden dichten Unter-
holzes und wegen der Schwierigkeit der Verpflegung, sehr muhsam
ist, beschrankten sich meine Ausflfige nur auf kleinere Entfer-
nungen, wie nach dem nahen Bacon Hill, einem schonen Aussichts-
punkte am Meere, nach der ungefahr 1 geogr. Meile vom Ufer
entfernten, der Hudsonsbai-Gesellschaft gehorigen Meierei, und nach
Esquimalt-Harbor (Eskimohafen). Letzgenannter Ort liegt an einer
Meeresbucht, sudlich von Victoria, etwas mehr als 1 geogr. Meile
davon entfernt. Auf dem durch den Wald ffihrenden Karrenwege
gelangte ich in einer Stunde dahin. Vor Kurzem stand hier allein
ein Marinespital. In jungster Zeit hat sich aber in dessen Nahe
eine kleine Gruppe von Holzhfitten und Zelten gebildet, welche
durch das Emporblfihen von Victoria wahrscheinlich gleichfalls
an Bedeutung gewinnen wird, indem tief gehende Schiffe, welche
die Barre des Hafens von Victoria nicht passiren konnen, hier einen
guten und sicheren Ankergrund finden. So viel man von den
umherziehenden Indianern erfahren kann, ist das Innere der Insel
durchaus dicht bewaldet und stellenweise gut bewassert. In einigen
Thalern sollen sich Seen von ansehnlicher GrSsse befinden. Eine
hohe, mehrfach verzweigte Gebirgskette, deren hochste Spitzen
wohl mehr als 5000 Fuss erreichen, zieht sich der Lange nach
durch die ganze Insel. Es ist darum zu vermuthen, dass nur ein
kleiner Theil des Landes zum Anbau geeignet sein diiri'te. In der
zweiten Octoberwoche war der Donati'sche Komet, der Jamais in
seinem vollen Glanze erschien, ein Gegeustand allgemeiner Be-
wunderung. Am schonsten zeigte er t>ich in den Nachten des 5.
und 6., wo sich sein Kopf, nahe bei a Bootis befaud.
Gerade als mir der ungesellige Aufenthalt in Victoria lastig
zu werden anting, kamen fast gleichzeitig drei Dampfschiffe von
S. Francisco an, und bald kfindigte auch der „Hunt" seine Abfahrt
an. Mit diesem Schiffe wollte anfangs Niemand fahren, da es, in
Folge seines Baues, nur zur Flussschiffahrt bestimmt, keine
sturmische See auszuhalten vermochte. Demungeachtet verschaffte
6 42
ihm die abnorme Herabsetzung des Fahrpreises eine ungeheure
Menge Passagiere, meistens rfickkehrende Goldwascher, die schlechte
Geschafte gemacht hatten. Ehe ich Victoria verliess, hatte ich
noch Schwierigkeiten, mir das zur Ruckfahrt nSthige Geld zu
verschaffen, bios aus dem Grande, weil unter den Kaufleuten
Niemand 50 Dollars entbehren konnte, und mir mit Goldstaub,
den ich hatte haben konnen, nicht gedient war. Aus dieser Verlegenheit befreite mich endlich der Secretar des Gouverneurs, der
mich an die Hudsonsbai-Compagnie wies, worauf ich am 8. October
an Bord der „Pacific", die Riickreise nach San Francisco antrat.
Ich schliesse mein Tagebuch mit einigen geographischen
und historischen Notizen fiber Britisch-Columbia.
Die westlich vom Felsengebirge gelegenen englischen Be-
sitzungen umfassen das Festland von Britisch-Columbia nebst
einer betrachtlichen Anzahl Iuseln, worunter die grosse Insel
Quadra oder Vancouver und die Eilande des Konigin Charlotte-
Archipels die ' bedeutendsten sind. Im Norden bilden die Flusse
Simpson und Finlay, wovon der erstere sich nahe dem 54. Breiten-
grade in den stillen Ocean ergiesst, der ahdere dagegen, nachdem
er das Felsengebirge durchbrochen hat,' dem Athabaska zustromt,
die Grenze gegen das ehemalige Russisch-Amerika, das seit Kurzem
unter dem Namen „Gebiet von Alaschka" den Vereinigten Staaten
einverleibt ist. Im Sfiden wird das Festland von Br. Columbia
durch den 49. Grad nordlicher Breite von den Vereinigten Staaten
geschieden.
Ueber die Felsenberge ffihren einige Passe nach OsteD, worunter der unter 54° n. Br. befindliche Nordpass der bekannteste
und zugleich derjenige ist, auf welchem die Felsenberge zuerst
von weissen Mannern fiberschritten wurden. Zwei weithin sicht-
bare, zu den hochsten Bergen des nordamerikanischen Continentes
gehorende, erloschene Vulcane, der Mt. Hooker und der Mt. Brown,
bilden dazu das Eingangsthor. Keiner der Passe ist weniger als
4000 Fuss hock
Hinsichtlich der Naturbeschaffenheit, ist Br. Columbien seinem
sfidlichen Nachbarlande, dem Washingtou-Gebiete, sehr ahnlich;
nur ist es ge,birgiger, indem die Felsenberge und die Cascaden-
kette, gegen Norden, hin einauder naher rucken, und,sich in mehrere
Zweige theilen. _43_
Die ebenen Waldblossen, dort Prairien genannt, welche von
den Einwanderern vorzugsweise aufgesucht werden, sind darum
in weit geringerer Ausdehnung, als im Washington-Gebiete vor-
handen. Dagegen ist der Waldwuchs ein sehr Qppiger und reicht
der Wald weiter gegen Osten, als am unteren Columbia. Die
Kfiste zeichnet sich vor derjenigen der sudlicher gelegenen Lander
durch eine reiche Gliederung aus, und erinnert hierin an die
Fjordenbildung des Chiloe- Archipels und der scandinavischen
Halbinsel.
Ausser den beiden genannten Grenzfliissen, hat das Land
nur zwei bedeutendere Strome aufzuweisen, den Columbia und
den Fraser, wovon jedoch ersterer nur in seinem wegen der
baufigen Stromschnellen fiir die Schiffahrt- fast bedeutungslosen
Oberlaufe, dem britischen Gebiete angehorfc. Der grosste Theil,
der zwischen dem 43. und 52. Breitengrade vom Westabhange
des Felsengebirges herabfiiessenden Wassermasse sammelt sich in
vier grossen Wasseradem, dem Columbia, dem Kutanie, dem
Clarke und dem Lewis- oder Schlangenflusse, aus deren Vereini-
gung der Columbia oder Oregon entsteht. Die beiden letzgenann-
ten Flusse liegen ausserhalb der Grenzen Br. Columbiens. Der
den Namen des Hauptstromes tragende Zufluss hat seinen Ursprung
in einem kleinen See im Felsengebirge in der Nahe des 50. Brei-
teiigrades, fliesst anfangs, dem Zuge des Gebirges parallel, in
nordwestlicher Richtung, wendet sich unter 52° n. Br. westwarts,
dann bei der Station Boat Encampement stidwarts, und bebalt
diese Richtung bis unterhalb Ft. Colville (48° 34'). Bei Dalles
de Mort wird er zwischen senkrechten Felswanden auf eine geringe
Breite eingeengt, worauf er sich wieder ausbreitet, mehrere Seen
bildet, und nahe der amerikanischen Grenze, den ihm von Osten
her zustromenden Kutanie aufnimmt. Unter den aus Br. Columbia
kommenden Zuflfissen verdient noch der Okanagan, der Ausfiuss
des Sees gleichen Namens, Erwahnung. Der Fraser kommt aus
einigen kleinen Seen auf dem Kamme des Felsengebirges, deren
einer, der Cranberrysee nur einige hundert Schritte von einem
andern See, dem Ursprunge des in der Nahe des Polarkreises
unter dem Namen Mackenzie sich in das Eismeer ergiessen-
den Athabaskafiusses entfernt ist. Wie der Columbia, folgt er
anfangs dem Kamme der Felsenberge,  biegt sich etwas oberhalb _44_
des 54. Grades nach Suden herum, und nimmt in seinem Laufe
bis zum 50. Grade eine Menge wasserreicher Zuflfisse auf. Die
meisten derselben kommen aus Seen, womit das Land zwischen
dem Felsen- und dem Cascadengebirge gleichsam besaet ist. Seine
Ufer sind im Allgemeinen besser bewaldet als das Land am
oberen Columbia. Zwischen 50" und 51° n. Br. vereinigt er sich
mit seinem grossten Nebenilusse, dem ihm aus dem Shushwapsee
zustromenden Thompson, durch dessen Quellenbliche er vielleicht
mit dem Columbia zusammenhangt. Zwischen der Vereinigungs-
stelle, welche den Namen „Great Forks" ffihrt, und Ft. Hope,
ist die Schiffbarkeit mehrmals durch gefahrliche Stromschuellen
unterbrochen. Nachdem aber der Strom den Engpass des Casca-
dengebirges durchbrochen hat, nimmt sein Gefall bedeutend ab;
er dehnt sich nun zu einer Breite von 100 Klafter und daruber
aus, wird fur Seeschiffe fahrbar und ergiesst sich l'A geogr.
Meilen nordlich vom 49. Grade in den Golf von Georgien. An
der Mfindungsstelle wird er durch eine Sandbank in zwei Arme
gespalten. v,
Bekanntlich zeichnen sich die Westkiisten vor den Ostkfisten
im Allgemeinen durch ein milderes Klima aus. Besonders auf-
fallend zeigt sich diess in Nordamerika, wo die atlantische Kfiste
zwischen 60 und 30 Grad n. Br., alle mittleren Jahrestempera-
turen von — 3° bis + 19n R. aufzuweisen hat, wahrend an der
Westkfiste in dieser Breitenausdehnung, die Jahrestemperatur nur
zwischen -f- 5° und + 16° schwankt. Auch hinsichtlich der
Sommer- und Wintertemperaturen zeigt sich derWesten vor dem
Osten bevorzugt. Im fistlichen Amerika findet der Getreidebau
wegen unzureichender Sommerwarme schon unter 50° n. Br. seine
nSrdliche Grenze; im Westen reicht diese Grenze bis fiber den
60. Grad hinaus. Zu Quebeck (47° 42) ist der Winter kalter
als in Petersburg; zu Sitka hingegen (57° 2'), im Gebiete Alaschka
das nordlicher als Moskau liegt, sinkt die mittlere Wmtertem-
peratur noch nicht bis auf den Gefrierpunkt herab. An der Kfiste
und auf den Inseln herrschen ahnliche klimatische Verhaltnisse
wie in England, mit dem Unterschiede, dass die Sommer trockener
sind. Im Gebirgslande zwischen den Felsenbergen und der Cascaden-
kette ist das Klima selbstverstandlich rauher.    Es wird zwar bis 45
zur Nordgrenze etwas Feldbau getrieben; aber die Ernten miss-
rathen nicht selten in Folge starker Sommerfroste.
Unter den bisher wenig ausgebeuteten Mineralschatzen des
Landes, nehmen Gold und Kohlen den ersten Rang ein. Ersteres
findet sich allenthalben am Fraser und dessen Nebenfliissen, im
angeschwemmten Sande.
Die Kohlenregion scheint sich fiber den ganzen Kustensaum
des Golfs von Georgian und des Pugetsundes auszudehnen. In
neuerer Zeit hat man auch Eisen und Kupfer gefunden.
Wie schon bemerkt wurde, ist der grossere Theil des Landes
dicht bewaldet. Der Waldcharakter ist derselbe wie im Washington-
gebiete; nur ist das Laubholz seltener, und werden jene Bftum-
riesen, welche am unteren Columbia und in Californien die Be-
wunderung aller Reisenden hervorrufen, minder haufig ange-
troffen. Der Handel mit Baubolz wird wohl in der Folge die
wichtigste Einnahmsquelle des Landes bilden. Die columbischen
Masten sind ein besonders geschatzter Artikel.
Die Thierwelt ist nahezu die namliche wie im'Osten der
Felsenberge. Diesem Gebirge eigenthfimlich ist das Dickhorn
(bighorn), eine dem Muflon verwandte Schafart, die Bergziege
(capra americana), welche den Steinbock vertritt und die an Grosse
dem Damhirsche gleichende Gabelgemse (Antilope furcifer). In
den Waldern findet sich, nebst einer kleinen Hirschart (Cervus
macrotis), daselbst Reh genannt, der durch sein stark entwickeltes
Geweih ausgezeichnete Elk (C. strongyloceros), nicht aber der Elenn-
hirsch, das Moose der Amerikaner, der auf die Ostseite beschrankt
ist. Ausserdem beherbergen Wald und Prairie eine Menge Thiere,
die ihres Pelzes wegen gejagt werden, als: Baren, rothe und
graue Ffichse, Luchse, Marder, Wiesel, Stinkthiere, Eichhornchen.
An den Flfissen und Seen sind Moschusratten und Fischottern
haufig; der Biber faugt aber in Folge der eifrigen Verfolgung,
die er wegen seines kostbaren Pelzes erfabrt, selbst in diesem
noch wenig von Weissen betretenen Lande, bereits an, selten zu
werden. Baren sind namentlich im Gebirge haufig. Es kommen
deren drei Arten vor: der auch in Europa lebende braune, der
kleinere scbwarze und der graue (Ursus ferox). Letzterer ist der
grosste aller Landbaren und tibertrifft an Korpermasse sogar den
Eisbaren, indem er 12 — 13 Centner schwer wird. Sein Fell! ist 46
nicht grau, sondern braun. Die Haare haben aber weisse Spitzen,
wodurch es grau erscheint. Obgleich dieser Bar ungereizt den
Menschen nicht aDgreift, und auch im erwachsenen Zustande nicht
auf Baume klettert, wird er doch, seiner Starke wegen, so sehr
geffirchtet, dass ein einzelner Jager es nicht leicht wagt, ihn
anzugreifen. Die Kfiste und die benachbarten Inseln sind der
Fundort der grossen Seeotter (lutra lutris), eines unserer Fisch-
otter ahnlichen, aber weit grosseren, etwa 3 Fuss langen Thieres,
welches von alien Tbieren des Landes das kostbarste Pelzwerk
liefert.' Dasselbe bildet einen wichtigen Exportartikel, der zum
grSssten Theile nach China verschifft wird. An der Kfiste sind
auch Robben (Seehunde und Seebar6n) haufig. Nicht minder
reichlich als die pelztragenden Thiere, ist das Federwild vorhanden.
An der felsigen Meereskfiste leben Millionen von Seevogeln, als:
Alke, Pelikane, Taucher, Tolpel, Moven etc. und die Seen im
Inueren wimmeln von Enten, Gansen, Wasserhfibnern, Schnepfen
und anderen Wasser- und Sumpfvogeln. Im west-lichen Theile des
Landes ist die Familie der Waldhfihner durch mehrere, den
europaischen ahnliche Arten vertreten. Die Gewasser des Puget-
sundes sind eine ausserst ergiebige Quelle des Fischfanges. Na-
mentlich findet sich daselbst der Lachs, welcher sich um die
Laichzeit in die Flfisse begibt, und im Columbia und Fraser weit
landeinwarts vordringt. Er bildet die Hauptnahrung der Einge-
borenen. An den Kfisten der Vancouver-Insel wird auch der
Haringsfang mit grossem Erfolge getrieben.
Bis zum Beginne unseres Jahrhunderts war Br. Columbien
nur von Indianern bewobnt, die in eine Unzahl verschiedene
Stamme zerfallen. Mit Rueksicht auf Sprachverwandtschaffc und
gewisse natfirliche Grenzen, welche von den nomadischen Bewohnern
nicht fiberschritten werden, unterscheiden die amerikanischen
Geografen in Br.-Columbia drei grosse Volksstamme. Im Norden
des Landes wohnen die Takellis oder Carriers, ein Jagervolk vom
Stamme der ostwarts bis in die Nahe der Hudsonshai sich aus-
dehnenden Athabaskas. Sfidlich vou ihnen leben die fiber einen
grossen Theil des Columbia-Gebietes verbreiteten Selisch. Zu ihnen
gehoren: Die Shushwaps am Fraser, die. Flachk6pfe (Flatheads)
zwischen dem Fraser und oberen Columbia, die Kutanis am
Kutanie und oberen Columbien, die Chinooks am Pugetsunde und 47
andere das Washingtongebiet und Oregon bewohnende Gruppen.
Alle diese Stamme stehen auf einer tiefen Stufe pbysischer und
geistiger Entwicklung, und sind darum ,weit weniger, als ihre
ostlich von den FelsentTergen wohnenden Brfider, geeignet, dem
Vordringen der weissen Bevblkerung Widerstand zu leisten. Ob-
gleich sie, in Folge ihrer armlichen Lebensweise, viel an Gicht
und Lungensucht leidet, und man unter ihnen haufig wahre
Jammergestalten antrifft, theilen sie doch mit ihren Stamm-
verwandten das Privilegium, Haare und Zahne bis an ihr Lebens-
ende zu erhalten. Ihr straff herabhangendes glanzend schwarzes
Haar wird niemals grau und behalt seine Ffille bis in's hochste
Alter. Sehr vortheilhaft zeichnen sich vor den Festlandsbewohnern
die Wakasch aus, deren Gebiet die Vancouver-Insel und eineu
schmalen Kfistenstrich am- Golfe von Georgien umfasst. Sie
erinnern durch ihre kleine, aber breitschulterige und kraftige
Gestalt und das runde Gesicht mit den kleinen Augen einiger-
massen an die Eskimos, mit welch en sie auch Manches in der
Lebensweise gemein haben. Im Gegensatze zu den fibrigen Indianer-
stammen sind sie arbeitsam und erfreuen sich in Folge dessen
eines gewissen Wohlstandes. Sie haben feste Wohnsitze und leben
nicht in armseligen Wigwams, sondern in grossen, aus Brettern
und Balken erbauten Barracken. In ihren, viele Klafter langen
Kahnen wagen sie sich oft weit in die See hinaus, und entwickeln
bei dem Wallfischfange eine bewu.ndernswertbe Kfihnheit und
Gescbicklichkeit. Ihre wichtigste Erwerbsquelle ist die Lachs- und
Haringsfischerei.
Obleich alle nordamerikanischen Idiome in ihrem grammati-
kalischen Bau eine gewissse Uebereinstimmung zeigen, welche auf
einen gemeinsamen Ursprung hinweist, weichen doch die Sprachen
der hier genannten Stamme in den Lauten so sehr von einander
ab, dass man sie als scharf geschiedene Sprachen betrachten muss.
Unter den Selisch sind, durch deren Zersplitterung in viele unter
einander nur in geringem Verkehre stehende Gruppen, im Laufe
der Zeit zahlreiche, oft nur fiber eine kleine Seelenzahl sich
erstreckende Dialecte entstanden, so dass hier, namentlich am
unteren Columbia, ein wahres Babel herrscht. Das Bedfirfniss der"
Verstandigung mit den weissen Pelzhandlern hat hier, in dem
kurzen Zeitraume von dreissig Jahren, eine neue, im Lande unter _48_
dem Namen „Jargon" bekannte Sprache geschaffen, welche gegenwartig von alien Beamten der Pelzcompagnien und den mit ihnen
verkehrenden Indianern gesprochen wird. Es ist ein barbarisches
Gemisch dem FranzOsischen, Englischen, dem Chinook und dem
Nootka (der Wakaschsprache) entlehnter Worter.\Der grSssere
Theil derselben ist dem Chinook, wonach die Sprache zuweilen
benannt wird, entnommen. In Ft. Vancouver und dessen nachster
Umgebung ist der Jargon gegenwartig Landessprache. Bei der
raschen Zunahme der weissen Bevolkerung durfte diese Sprache
eben so schnell als sie entstanden ist, wieder verschwinden und
der immer mehr sich geltend machenden englischen Platz machen.
Die Seelenzahl der Br.-Columbia bewohnenden Indianer wird
auf 50.000 geschatzt, was mit Rficksicht auf den mehr als
10.000 geogr. Quadratmeilen umfassenden Flacheninhalt eine sehr
geringe Bevolkerungsdichtigkeit ergibt. Eine viel zahlreichere Bevolkerung kSnnte das Land, bei der Lebensweise der Indianer,
nicht ernahren. Anders verhalt es sich auf der Ostseite der
Felsengebirge, wo der Bison in ungeheuren Heerden die weit
ausgedehnten Steppen bedeckt. Der Bison ist ein leicht zu erle-
gendes Wild, und durch seine grosse Fleischmasse und sein
heerdenweises, Vorkommen geeignet, eine grosse Menschenmenge
zu ernahren. Man kann daher wol sagen, dass der Bfiffel und der
nordamerikanische Indianer zusammengehorige Geschopfe seien,
und dass letzterer ohne ersteren nicht gedeihen konne. In der
That findet man heutzutage jenen edleren indianischen Typus,
welchen Cooper so treffend, wenn auch mit einiger poetischen
Ausschmfickung, zu schildern weiss, nur mehr unter den Buffel-
jagern.
Das Festland von Britisch-Columbia wurde frfiher als die
sfidlich daran grenzenden, gegenwartig bluhenden Lander, von
weissen Mannern betreten, indem schon in den ersten Jahren
unseres Jahrhunderts, Agenten der Nordwestcompagnie den Nord-
pass fiberscbritten und im J. 1806, unter 56J n. Br., Ft. Fraser
die erste Niederlassung westlich von den Felsenbergen, grundeten.
Wahrend aber am unteren Columbia, seit den vierziger Jahren,
die weisse Bevolkerung rasch anwuchs, und das Land sich mit
Farms und Ortschaften bedeckte, war in Br.-Columbia, bis zum
Jahre 1858, gar kein Fortschritt bemerkbar. Die Handelsposten 49
der seit 1821 mit der Nordwestcompagnie zu Einem Korper ver-
schmolzenen Hudsonsbai - Gesellschaft mehrten sich zwar, und
unter ihrem Schutze entstanden einige kleine Niederlassungen, die
aber bei dem Umstande, dass die Ansiedler, meistens quiescirte
Beamte der Hudsonsbai-Compagnie, im Dienste dieser Gesellschaft,
die Sitten der Indianer angenommen hatten und halb verwildert
waren, immer unbedeutend blieben. Ueberhaupt fehlte die wichtigste
Bedingung eines raschen Emporblfihens, die Einwanderung aus
der Fremde. Dies war natfirlich, da man sich im Auslande, ja
selbst in England, von dem Lande eine ganz falsdhe Vorstellung
machte, und es als eine Art Sibirien betrachtete. Die Hudsonsbai-
Gesellschaft ffihlte sich nicht berufen, diesen Irrthum zu zerstoren,
indem es nicht in ihrem Interesse lag, dass Columbiar sich in
eine blfihende Colonie verwandle. Sie hatte erst vor Kurzem am
unteren Columbia die Erfahrung gemacht, wie wenig sich die
fortschreitende Cultur mit dem Gedeiben des Pelzhandels ver-
tragt. Hiezu bemerke ich, dass diese Gesellschaft nicht in alien
Theilen des ungeheuren, mit ihren Factoreien bedeckten Gebietes
(fiber 100,000 geogr. Quadr.-Meilen) die namlichen Rechte besass.
Nur das das ganze Stromgebiet der Hudsonsbai umfassende Ruperts-
land war ihr, kraft einer im Jahre 1699 von Konig Karl II. aus-
gestellten Schenkungsurkunde auf ewige Zeiten als Eigenthum
zuerkannt. Aber schon gegen Ende des verfloss~enen Jahrhunderts
wurden von ihr die Grenzen dieses Gebietes tiberschritten. Um
auch im fernen Westen keinen Concurrenten-aufkommen zu lassen,
liess sich die Compagnie von der englischen Regierung fur jene
Lander, ein ausschliessliches Handelsprivilegium ertheilen, das ihr
stets nur fur eine bestimmte Reihe von Jahren verliehen, aber
nach Ablauf des festgesetzten Termines wieder erneuert wurde.
Es traf sich nun so, dass die zuletzt bewilligte Privilegiums-
Verlangerung auf der Vancouver-Insel und dem Festlande von
Br.-Columbien mit dem Jahre 1859 zu Ende ging. Hochst wahr-
scheinlich hatte der stagnirende Zustand Br.-Columbiens noch langer
fortgedauert, ware nicht durch die Entdeckung reicher Goldlager
am Fraser ein unerwarteter Umschwung bewirkt worden.
Schon im Frfihjahre 1856 wurden am ebenen Fraser, etwas
oberhalb der Einmfindung des Thompsan, im angeschwemmteu
Lande, Spuren von Gold gefunden. 50
Da aber die Bewohner jener Gegend im Goldwaschen uner-
fahren waren, auch keine dazugehorigen Apparate besassen, blieb
diese Entdeckung langere Zeit ohne Folgen. Als endlich die Kunde
davon fiber die amerikanische Grenze drang, begaben sich einige
Abenteurer aus Oregon in die Gegend der Great Forks, und fingen
daselbst an Gold zu waschen, was von den umwohnenden Couteau-
Indianern bald nachgeahmt wurde. Als im Fruhjahre 1858 mehr
Goldgraber ins Land kamen,   horte das gute Einvernehmen mit
den Eingebornen auf. Die Indianer nahmen den neuen Ankomm-
lingen  ihre Werkzeuge  und  erklarten, sich jeder ferneren Ein-
wanderung  wiedersetzen zu  wollen.   Die  Einwanderer   str5mten
jedoch bald in solchen Schaaren herbei, dass von einem Wider-
stande  keine Rede  sein  konnie.   Der. damalige Gouverneur, Sir
Douglas, gerieth durch diese Vorgange in eine unangenehme Lage.
Von der Besorgniss erffillt,  die  Ueberscbwemmung des Landes
mit amerikanischen Bfirgern konnte in den Vereinigten Staaten
Anexionsgelfiste erwecken, bat er seine Regierung, sie moge ihm
Verstarkungen an Land- und* Seetruppen zur Verffigung stellen,
um in der Lage zu sein, der Auswanderung nothigenfalls Wider-
: stand zu leisten. Diese Beffirchtung schien nicht ganzlich unbe-
igrfindet, da in der Erwerbung des Washingtongebietes bereits ein
JPracedenzfall verlag. Die englische Regierung ging aber auf dieses
Ansuchen nicht ein,  und befahl dem Gouverneur, nur Sorge zu
■tragen, dass der Friede nicht gestort werde, die hiezu zu ergrei-
fenden Massregeln vollig seinem Ermessen fiberlassend.  Die Ein-
wanderung  ging indessen  fort.  Anfangs fand dieselbe  zu Lande
..durch das Gebiet des ebenen Columbia,  statt.  Im Sommer 1858
.aber wurden zwischen S. Francisco und dem Fraser Dampferlinien
■errichtet,  worauf die Einwanderung bald colossale Dimensionen
annahm. Die im Solde der Dampfschiff-Gesellschaften und einigen
Speculanten  stehende  californische Presse  verbreitete  fiber  den
Goldreichthum Br.-Columbiens die unglaublichsten Geruchte, und
erzeugte dadurch unter den leichtglaubigen Goldgrabern eine fieber-
hafte Aufregung (Fraser river Excitement),  die man mit eigenen
Augen gesehen haben musste, um sich davon  eine richtige Vor-
stellung machen zu konnen. Aus alien Theilen Californiens strom-
ten sie nach S. Francisco, wo die Schiffe die zahlreichen Reisenden
kaum fassen konnten. 51
An Ort und Stelle angelangt, fanden sich allerdings Viele
bitter enttauscht. Nicht nur entsprach die Geldausbeute nicht ihren
fibertriebenen Erwartungen; sondern sie hatten in der Wildniss,
auch von den Eingeborenen und von dem vergleichweise rauhen
Klima manche Unbill zu erdulden. Im Goldlande gab es keine
andere Verkehrstrasse als den, wegen seiner zahlreichen Strom-
schnellen nur unter grossen Gefabren zu befahrenden Fraser, in dessen
Fluthen Hunderte ihren Tod fanden. An Gold fehlte es wohl
nicht; aber die Leute -hatten oft nichts zu essen. In richtiger
Voraussicht dieser Umstande, hatte der Gouverneur am liebsten
die Einwanderung gehemmt. Da er aber bierzu nicht autorisirt
war, musste er sich zunachst mit Einfuhrung einer Taxe begnfigen,
welche von Jedermann, bei dem Ueberschreiten der Grenze, ent-
richtet werden musste. Sie betrug anfangs 21/2 Dollars, Wurde
aber spater auf das Doppelte erhoht. Diese Massregel rief unter
den californischen Einwanderern grosse Entrustung hervor, obgleich
sie nur zu. ihrem Besten getroffen war; denn der Gouverneur
' verwendete die eingegangenen Gelder zum Ankaufe von Vorrathen,
welche er, als am oberen Fraser das Elend-am argsten gewordeD,
um billige Preise verkaufte. Es war diess das einzige Mittel, die
Goldwascher vor den unverschamten Erpressungen der in ihrer
Nahe angesiedelten Handler zu schfitzen.
Bei dem Herannahen der kalten Jahreszeit, beganu, aber-
mals zum grossen Nutzen der Da,mpfschiffgesellschaften, die Rfick-
wanderung. Nur Wenige, lauter erfahrene Goldwascher, ■ deren
Arbeiten von glanzendem Erfolge gekront waren, entscblossen sich,
den Winter in dem unwirthlichen Lande zu verbringen, um in
der Lage zu sein, mit Beginn des Fruhlings, ihr Werk fortzu-
! setzen. Ohne Zweifel wird sich die Ein- und Auswanderung noch
mehrmals widerholen; denn so viel ist gewiss, dass die Ufer und
das Bett des Fraser eine hinreichende Menge Goldes bergen,
um einige Jahren mit Erfolg bearbeitet zu werdeu. Die kfinftige
Bedeutung Br.-Columbiens als Goldland hangt aber von der Ent-
deckung ausgedehnterer Goldfelder, sogenannter dry diggings, ab,_
ffir deren Vorhandensein im nordlichen Theile des Landes manche.
Anzeichen sprechen.
Wie in Californien, sind,   trotz des reichlichen Vorkommens
des Goldes, nur von wenigen Goldwaschern ansehnliche Vermogen
7* 52
erworben worden.   Um   so  mehr gewinnen  dabei  die Kaufleute,
welche die Goldwascher mit Lebensmitteb, Kleidern etc. versehen,
Auch die femeren Folgen der Goldentdeckung dfirften die
namlichen sein, wie in Californien. Gleichviel, ob die Erwartungen
hinsichtlich der noch zu entdeckenden Goldfelder sich erfullen oder
nicht, wird die zu diesem Zwecke angestellte Durchforschung des
Landes, fur dasselbe von bleibendem Nutzen sein. Die nur vom
I Goldgewinne angelockten Abenteurer werden sich allmalig verlieren,
und einer sesshaften, Ackerbau, Viehzucht und Holzhandel treibenden
Bevolkerung Platz machen.
In Aubetracht der allseitig gegen die Bedruckungen der
Hudsonsbai-Gesellschaft erhobenen Klagen, wurde deren Haudels-
privilegium im J. 1859 nicht wieder erneuert, und das Land zu
einer Colonie der Regierung erklart. Tm J. 1871 ward Br. Columbien, auf den Wunsch der Bevolkerung, politisch mit der Dominion
of Canada vereinigt. Neu-Westminster, eine neue, erst im J. I860
nahe der Frassermfindung an seinem rechten Ufer gegrfindete Stadt,
ist gegenwartig die Hauptstadt. Die bedeutendste Stadt des Landes
aber steht an der Stelle des ehemaligen Zeltlagers nachst Ft. Langley.
Das indianische Sprichwort: „Der Kornsaer ist der Tod des
Fleiehessers," wird sich. auch in Britisch-Columbien bewahren.
Dass der Nomade dem sesshaften Bewohner weichen muss, liegt
in der Natur der Sache, und es ist unrichtig, zu behaupten, dass
an dem Verschwinden der Indianer hauptsachlich die Riicksichts-
losigkeit der weissen Bev5lkerung Schuld trage. Die Weissen lassen
sich gewohnlich an solchen Orten nieder, wo sie keine Indianer
antreffen. Wird die Niederlassung in der Folge einmal von einer
Horde besucht, so entspinnt sich anfangs meistens ein freund-
scbaftlicher Verkehr, und werden Vereinbarungen getroffeD, worin
die Indianer sich verpliichten, die weissen Ansiedler nicht zu
beunruhigen. Wenn sich das Land spater mit Farms und Ort-
schaften bedeckt, grosse Waldstrecken gelichtet werden, die Flfisse
sich mit Dampfern bevolkern, wird es den Indianern wohl klar,
dass durch die Ausbreitung der Weissen, ihre Jagd und Fischerei
leidet, und ibnen die Gefahr droht, allmalig auf die unwirthlichsten
Gegeudon eingeschraukt zu werden, wo sie, ans Mangel an Sub-
sistenzmitteln, schliesslich elend zu Grande gehen mussen. Dann
ist es aber; gewohnlich schon zu spat, um die inzwischen machtig 53
um so weniger
gewordenen Weissen mit Erfolg anzugreifen, was
angeht, als die ewigen Febden der indianischen Stamme unter
einander ein gemeinsames Vorgehen unmoglich machen. Sie rachen
sich nun an den Bleichgesichtern, indem sie Wehrlose fiberfallen
und schonungslos niedermetzeln. Wenn der Farmer, von seiner
Arbeit heimkehrend, sein Haus niedergebrannt und in dessen
Trfimmern die enstellten Leichen seiner grausam gemordeten
AngehQrigen findet, ist es da zu verwundem, wenn er die Btichse
zur Hand nimmt, sich in den Wald schleicht, und jeden Indianer,
dessen er ansichtig wird, wie ein wildes Thier, niederschiesst ? Derlei
ofter sich wiederholende Vorfalle geben dem zwischen den beiden
Rassen entbrannten Hasse fortwahrend neue Nahrung.
Die Theilnahme, welche das Aussterben der Indianer in
Europa erregt, schwindet, wenn man sie naher kennen gelernt.
Wer sie nur im friedlichen Verkehr gesehen hat, ahnt nicht,
welche teufiische Bosheit in diesen scheinbar stumpfsinnigen und
harmlosen Menschen schlummert. Obgleich man dem Indianer
gewisse ritterliche Eigenschaften nicht absprechen kann, und
namentlich seine Todesverachtung, seine ausserordentliche Geduld
im Unglficke und die Standhaftigkeit, womit er, in Feindesland
gerathen, die fiber ihn verhangten Martern bis zum letzten Athem-
zuge seiner Peiniger spottend, ertragt, unsere Bewunderung ver-
dienen; besitzt er doch nicht einen Charakterzug, der den Menschen
liebenswfirdig macht. Sein verschlossenes, trubsinniges Wesen wirkt
abstossend und gestattet keine Annaherung. Auch ist er in der
Regel ein schlechter Familienvater, der alle harten Arbeiten dem
Weibe aufburdet und sich um die Seinen so wenig kfimmert, dass
er sie nicht selten, aus blosser Faulheit, dem Hungertode preisgibt.
Nur Zorn und Hass vermogen ihn aus der tragen Ruhe, worin er
den grossten Theil seines Lebeus vertraumt, aufzurutteln.
Nur wenige Stamme haben bisher aus freiem Euts'chlusse
die Sitten der Weissen angenommun und festeWohnsitze gegrundet.
Diese zahmen Indianer sterben nicht aus, verliereu aber gewohnlich
bald ihren nationalen Typus, und sind, nach wenigen Generationen,
vollstandig amerikanisirt. Diess scheint zu beweisen, dass das
eigenthfimliche Wesen der Rothhaute weit weniger auf angeborner
Anlage, als auf Erziehung und Lebensweise beruht.
—■ ■ - - •gxjj/a^t-   

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