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Rilkes Suche nach Gott; eine Untersuchung des "Stunden-Buches" Runge, Britta Maria Ruth

Abstract

Angeregt durch das Gedicht „Ich kreise urn Gott" im ersten Teil des „Stunden-Buches", in welchem Rilke ausdrückt, dass er Gott suche, aber noch nicht wisse, ob er bei Ihm Zuflucht nehmen, seinen Begriff von Ihm zerstören oder Ihn preisen werde, hat der Verfasser dieser Arbeit es sich zur Aufgabe gemacht, Das Stunden-Buch im Hinblick auf Rilkes Gottessuche zu studieren urn herauszufinden, auf welche Bahnen und zu welchen Ergebnissen diese Suche den Dichter geführt hat. Im ersten Kapitel werden die Faktoren aufgezeigt, die den jungen Rilke zu seiner Auseinandersetzung mit Gott geführt sowie seine besonderen Gedanken hinsichtlich dieser Auseinandersetzung mitgeformt haben mögen. Als Faktoren, die ihn zu einer Auseinandersetzung mit der Gottesfrage gelenkt haben, sind jene Zeitströmungen ange-sehen worden, die sich gegen den materialistisch-positivisti-schen Geist des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in dem der junge Rilke lebte, wandten, und eine „Rückwendung zum Irrationalen, zur Metaphysik, zur Seele, zu Mystik und Mythos" mit sich brachten.¹ An Beispielen von Hofmannsthals und Georges Werk sind Grundhaltungen dieser Strömungen veranschaulicht worden. Als weiterer Faktor ist Rilkes widerspruchsvolle Erziehung angesehen worden, die einerseits in einer femininen, verweichlichten, religiösen Scheinwelt, andererseits in einer männlichen, straffen, militarischen Tatwelt stattfand und aus dem übersensiblen Kinde einen unsicheren, verwirrten Menschen machte, der sich nach einer „ruhigen Mitte" sehnte und diese in Gott zu finden hoffte. Unter den Faktoren, die Rilkes Gedankengänge in Bezug auf seine Gottessuche beeinflusst haben, sind Maeterlincks Voreingenommenheit mit der Gottessuche, seine mystische Welt-schau, sowie sein Glaube an die Sonderstellung des Dichters gesehen worden. Ferner sind Jacobsens entwicklungsgeschichtliche Gottesvorstellung, seine unorthodoxe Haltung dem Christentum gegenüber und seine Verherrlichung des individuellen Lebens und Todes, sowie Nietzsches Apotheose des „Übermenschen" und „Vergöttlichung des Lebens" als beeinflussende Faktoren erörtert worden. In den folgenden drei Kapiteln werden die drei Teile des „Stunden-Buches" getrennt in Hinsicht auf den Gehalt der Gottessuche besprochen. Da die verschiedenen Erlebniswelten, die während der Entstehung eines jeden Teiles auf Rilke einwirkten, die Art seiner Gottessuche aufs stärkste beeinflussten, ist jeder Teil des ,,Stunden-Buches" in Verbindung mit dem jeweiligen Kernerlebnis erörtert worden: „Das Buch vom mönchischen Leben" mit Rilkes Russland-Reise, „Das Buch von der Pilgerschaft" mit seinen Lebensverhältnissen vom Herbst 1899 bis zum Herbst 1901, und „Das Buch von der Armut und vom Tode" mit seinem Aufenthalt in Paris. Im fünften Kapitel, in dem die Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst sind, wird darauf hingewiesen, dass Rilkes Auseinandersetzung mit der Gottesvorstellung seiner Kindheit und den aus verschiedenen anderen Quellen gespeisten Gottes-vorstellungen seines Jünglingsalters ihn zu keinem einheitlichen Gottesbild führten. Ferner wird festgestellt, dass Rilke den drei Möglichkeiten, die er hinsichtlich seines Gottesverhältnisses in dem zu Anfang erwähnten Gedicht aus-sprach, seltsamerweise Rechenschaft trug. In der Vorstellung des „werdenden Gottes" fand er zeitweise Zuflucht, das Bild des orthodox-christlichen Gottes zerstörte er, und einen pantheistischen Gott beabsichtigte er auf dem Weg über das „Ding" zu preisen. Und schliesslich wird in diesem Kapitel darauf hingewiesen, dass obwohl Rilke an keiner eindeutigen Gottesvorstellung anlangte, seine Gottessuche dennoch zu einem Ergebnis führte. Sie brachte ihn nämlich, auch wenn er sich dessen zur Zeit nicht bewusst war, seiner wirklichen künstlerischen Berufung näher. Diese lag aber nicht in der Suche nach einer metaphysischen Begründung der menschlichen Existenz, sondern in der menschlichen Bewältigung des Daseins.

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