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Wahrheit und Wandlung im Wesen im Wesen der dramatischen Gestalten Franz Grillparzers 1964

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WAHRHEIT UND WANDLUNG IM WESEN DER DRAMATISCHEN GESTALTEN FRANZ GRILLPARZERS by UTA BARBARA WILLIAMS B. A., University of Br i t i s h Columbia, 1961 A THESIS SUBMITTED IN PARTIAL FULFILMENT OF THE REQUIREMENTS FOR THE DEGREE OF MASTER OF ARTS in the Department of GERMAN We accept this thesis as conforming to the required standard THE UNIVERSITY OF BRITISH COLUMBIA September, 1964 In presenting this thesis in partial fulfilment of the requirements for an advanced degree at the University of • British Columbia, I agree that the Library shall make it freely available for reference and study* I further agree that per- mission for extensive copying of this thesis for scholarly purposes may.be granted by the Head of my Department or by his representatives. It is understood that copying or publi- cation of this thesis for financial gain shall not be allowed without my written permission* Department of ^/-v-r<—*— <—t The University of British Columbia, Vancouver 8, Canada Date /fey VORWORT: Die folgende Interpretation versucht, die Entwicklung und damit die innere Wandlung der dramatischen Gestalten Grillparzers von ihrer urspriinglichen Wesenswahrheit zur Tauschung, die zugleich Selbsttauschung und Betrug anderer i s t , zu verfolgen, zu analysieren und zu motivieren. Zugrunde l i e g t dieser Analyse der Gedanke, dass Grillparzer den Menschen als ein notwendig transzendierendes, schrankenlos hochstre- bendes Wesen erfasst, dem es unmoglich i s t , gesetzte Grenzen anzuerkennen und sich ihnen demiitig zu unterwerfen. Als anschauliches Gleichnis hierfxir zieht der Dramatiker den biblischen Siindenfall heran, als dort erstmalig die satanische Schlange im paradiesischen Menschen den phanta- sievollen Wunsch und das eigenwillige Streben erweckt, sein ursprunglich.es, ihm von seinem Schopfer gegebenes Wesen und mit ihm sein Geschick zu wandeln, urn so iiber sich selbst hinauszuwachsen: als Mensch war er geschaffen, doch wie Gott wollte er nun sein. - Als erbschuldiger "stolzer Enkel" i s t es die Tragik eines jeden Menschen seitdem, dem "gleichen, ungezahmten Trieb," diesem eigensinnigen Selbstiiberhebungsstreben seiner schuldigen Vorfahren zwangslaufig zu verfalien, wodurch ihm der kindlich naive, paradiesische Zustand seiner Wesenswahr- heit und damit wiederum seiner Unschuld und Reinheit, seines inneren Eriedens und seiner eigentlichen Willensfreiheit verloren geht. Die einfachen, doch ehrgeizigen "Erdenbiirger" - i i i - drangen hinauf in den anderen, hoheren Existenzbereich des s t i l l kontemplativen Seins der Kiinstler, Priester und Herr- scher; ihr erstrebtes Z i e l i s t Glanz und Grosse, Ruhm und Ehre, Macht und Geltung. Die ubernatiirlichen, aussergewohn- lichen Einzelnen hingegen sehnen sich hinunter in die Welt des "irdisch niedren Tuns." Einmal notwendigerweise aus dem heimatlichen, urspriinglichen Bereich seiner individuellen wahren Existenz herausgetreten und in der Wesensfremde erbarmlich gescheitert, bleibt dem iibermutig hinausstrebenden, unglucklichen Menschen nur die einsichtsvolle, demiitige, innere Umkehr, urn so in Wesenswahrheit "des Innern s t i l l e n Prieden" wiederzufinden. Diese Moglichkeit des Selbstgewinnes erblickt Grillparzer jedoch nicht im kampflosen Zurucksihken des Menschen i n seinen ursprxinglichen Stand der paradiesischen Wahrheit und Unschuld, noch durch einen gottlichen Akt der Gnade im neu- testamentarischen Sinne; sie s t e l l t sich vielmehr dar als schwer errungene Selbstiiberwindung. Diese Entsagung des personlichen Verlangens nach den jenseits der gegebenen Grenzen lockenden Lebensgutern der "anderen Welt" i s t an sich tragisch, da es dem transzendierenden, grenzenlos strebenden menschlichen Wesen widerspricht. Das Z i e l dieser Interpretation war es nun, die in der bisherigen Grillparzer Forschung v i e l umstrittenen und haufig nur unbefriedigend beantworteten Probleme der Wahrheit und Tauschung, der Unschuld und Sunde, der Willensfreiheit und der Tragik des Zwanges, der passiven Kontemplation und des strebsamen Handelns zur Diskussion zu stellen und eine mogliche - iv - Losung vorzuschlagen, indem sie in einen umfassenden Gedanken- komplex eingeordnet und unter den grossen Gesichtspunkt des schicksalhaften Transzendierungstriebes des Menschen gestellt wurden. - V - INHALTSVERZEICHNIS: I. KAPITEL: EINLEITUNG Page 1 II. KAPITEL; WAHRHEIT UND WANDLUNG ALS PERSONLICHES BEKENNTNIS GRILLPARZERS IN SEINEM WERK Page 5 III. KAPITEL; ZWISCHEN WAHRHEIT UND WAHN: DIE TRAGISCH1 WANDLUNG DES WAHREN MENSCHEN Page 24 SCHLUSSKAPITEL Page 9 2 BIBLIPGRAPHIE Page 100 - 1 - I. KAPITEL: EINLEITUNG. "Ihr werdet sein wie Gott, so sprach die Schlange, Und gierig g r i f f der Menschen schwacher Vater Nach der verbotnen Frucht. Die stolzen Enkel Vermogen nicht, den Ursprung zu verleugnen, Es spornt sie gleicher, ungezahmter Trieb. Nur hoch, nur hoch! und wenns ein Schandmal ware, Mit Fluch bedeckt von einer ganzen Welt, ^ Der Mensch erklimmt es, urn nur hoch zu stehnJ" Das Problem der Wahrheit und Wesenswandlung des Menschen i s t eine der wichtigsten und immer wieder erscheinenden Zentralfragen in Franz Grillparzers Werk. Es bildet den Kern seiner Weltanschauung, wie sie sich in seiner Erfahrung des Menschengeschickes spiegelt, dessen Tragik er veranschau- l i c h t in dem Gleichnis von dem Sundenfall des ersten Menschen- paares und dem als Strafe dafizr uber dessen Enkel verhangten Fluch, diesen ersten Frevel fortan wiederholen zu milssen: der seitdem ihm eingeborene "ungezahmte Trieb," nur "hoch" zu stehen, ein unwiderstehliches, massloses Streben nach Transzendierung gegebener Grenzen zwingt ihn dazu. Fur den Dichter begrundet dieses unstillbare Streben des gesetzlosen, begehrenden Ichs den Verlust der Wesenswahr- heit und die Ursache der Wesenswandlung, der "Selbstentfrem- dung," denn in ihm sieht er ein Ubersich-Hinauswachsenwollen, einen Selbst-Uberhebungstrieb, der den Strebenden von seinem Grundwesen, seinem wahren Ich abfalien lasst. Erstmalig wurde dieser Trieb als Wunsch nach "Hohe," als ein Hinaussehnen aus der begrenzten Heiraat seiner individuellen Existenz, J-Blanka von Kastilien, II/2, S. 195, V. 3963 f f . - 2 - durch die hollische Schlange im par-adiesischen Menschen erweckt, da sie ihm das Gliick der Gottahnlichkeit durch die Kenntnis von Gut und Bose lockend verhiess; das innige Ver- langen in ihm, anders zu sein, als er i s t , das heisst, sein Wesen und mit ihm sein Geschick zu wandeln, erwachte: als Mensch war er geschaffen, doch wie Gott wollte er sein. Sogleich steigert sich dieser dunkle Wunsch—der sich ihm in des Dichters Sundenfallmythos oft als Traum offenbart—zu einem "gierigen," eigenwilligen, zielbewussten Streben, urn sich schliesslich in der Tat, i n dem G r i f f und Genuss der "verbotnen Frucht" zu realisieren. Mit dem eigenwilligen Verlangen des Menschen, "anders p sein" zu wollen, "als was er ward gemacht," somit unwahr zu werden, f a l l t er von seinem Schopfer und dessen kosmischer Naturordnung ab, ja er greift vermessen in diese Schopf tings- ordnung Gottes ein, indem er zu "deuteln" und zu verzerren, zu andern und zu "richten," zu verbessern und damit zu "zer- storen" sucht, was Gott schuf: sein Wesen und sein Geschick, sein Leben und sein "Da-Sein," das a l l e i n Wahrheit^ i s t : h. "Masst euch nicht an zu deuteln Gottes Wahrheit!" "Was w i l l das Menschenkind, dass es die Dinge richtet, die da sind?"^ "Was, Mensch, zerstorst du deines Schopfers Welt?/ Was sagst du, es sei nicht, da es doch i s t I " Verbildlicht i s t dieser menschliche Eingriff i n die gottliche Schopfung, fPflanzenwelt, 1/10, S. 84, V. 25- freh dem, der liigt, 1/5, S. 151, V. 151. t-Ein Bruderzwist in Habsburg, 1/6, S. 265, V. 1650. gLibussa, 1/6, S. 89, V. 1178. °Weh dem, der lifet, 1/5, S. 151, V. 139 f. Vergl.: Das goldene Vliess, 1/2, S. 174, V. 128 f f . - 3 - diese hochmiitige Auflehnung und Uberschreitung der Wesens- schranke und damit des Gottesgesetzes, i n dem vermessenen Begehr und unrechtmassigen Erwerb des paradiesischen Apfels, "der verbotnen Prucht." Das Streben nach ihrem Erwerb, nach dem "Verbotenen," setzt den Anfang des unseligen Paktes des Menschen mit dem Teuf el und des siindhaften Abfalls von Gott: an die Stelle des demxitigen Gehorchens und der ehrfurchts- vollen Liebe fur Gott, fur etwas Ausser- und Uberindividuelles, setzt der gesetzlose, strebende Mensch nun Eigenmacht und Eigenliebe durch Verfolgung eines selbst gesteckten Zieles und eigenen Gluckes und treibt so Gott aus seinem Herzen, urn sich selber als eigenen Herrn, Richter und Masstab seiner Handlungen an dessen Stelle zu setzen. Damit wird in G r i l l - par zers Augen das schrankenlose Streben des unwahr werdenden, sich verwandelnden Menschen zur "bosen Anlage, die durch die 7 Erbslinde in unser Tun und Wollen gekommen sein s o l i " ; "bose," da es auf personliche Gliickseligkeit einer individuellen Ausdehnung gerichtet und damit Ausfluss eines gewissenlosen Egoismusses, der "Selbstheit," des im eigenen Vorteil planenden und handelnden Individuums i s t . Es i s t die Tragik eines jeden Menschen seit dem P a l l der ersten, diese triebhafte, "bose" Anlage als Erbsunde in sich zu tragen, die es ihm unmoglich macht, das Gottesgebot als Grenze seines Wesens und Wirkungskreises einzuhalten. Diese Anlage bedingt in ihm die gleiche Unzufriedenheit seiner Ahnen mit dem, was i s t und wie er i s t und das eigen- Tg. 11/10, S. 206. - 4- - w i l l i g e , selbstische Streben nach dem, was und wie er sein mochte. Dieses Anders-Seinwollen des Menschen bei Grillparzer, sein Hinausstreben aus dem Bereich seiner individuellen Existenz und somit seine "Wesenswandlung" schrittweise von Wahrheit zur Tauschung--die zugleich Selbsttauschung und Betrug anderer i s t — z u verfolgen und zu motivieren, s o i l die Aufgabe und der Inhalt des Polgenden sein. - 5 - II. KAPITEL: WAHRHEIT UND WANDLUNG ALS PERSONLICHES BEKENNTNIS GRILLPARZERS IN SEINEM WERK. "Man hat bemerkt, dass die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens sich oft selbst unahnlich werden und sich in ganz verschiedene Menschen zu verandern scheinen." 1 Dieses Wort aus Rousseaus "Confessions" bestimmt der Dichter 1822 p "als Motto zum Vliess." Dass dieses zugleich ein Selbst- bekenntnis i s t , wird durch seine Tagebucheintragung in demselben Jahre und durch eine friihere, aus dem Jahre 1808, deutlich: "Ich lese Rousseaus •Confessions' und erschrecke, darin mich selbst zu sehen." "Ich habe mich schon oft daruber geargert, dass bei verschiedenen Personen, an verschiedenen Orten, i n verschiedenen Lagen, mein Karakter immer verschieden scheint. Woher mag dies kommen? - Ich wage es nicht, dieses Panomen zu erklarenJ" In diesem Zusammenhange wird man sich der Worte Medeas: "Ja, war' ich noch Medea, doch ich bins nicht mehr!"^ und der Jasons erinnern: "Da liegen sie, die Tiirme von Korinth/ . . . Die Wiege meiner goldnen JugendzeitI/ Dieselben, von derselben Sonn' erleuchtet,/ Nur ich ein andrer,ich in mir verwandelt. 1 , 6 Hier wird schon ersichtlich, wie sich der ungliickliche Mensch in seiner Unwahrheit und Wandelbarkeit mit der wahren, das 2Tg. II/8, S. 35 (1822, in Ubersetzung). j?Tg. II/8, S. 9- ^Tg. IT/7, S. 13 (1808). £1/2, S. 273, V. 1861. °I/2, S. 180, V. 204 f f . - 6 - bedeutet sich immer gleich bleibenden Natur vergleicht; dieselbe Gegemiberstellung von Mensch und Natur s t e l l t Medea auf: "So wandellos, sich gleich, i s t die Natur,/ So wandel- 7 bar der Mensch und sein Geschick."' Wenn man solche Bekenntnisse der Menschen selber oder auch die Vorwiirfe anderer vernimmt, wie den Milos, des treuen Begleiters Jasons: "Hier i s t Jason verwandelt ganz und Q gar," und den der jungfraulichen, noch wahren Kreusa: "Wie konnen wen'ge Jahre doch verwandelnl/ . . . Ich selber bin dieselbe, die ich war; was damals ich gewollt, w i l l ich noch / 9 jetzt / . . . mit d i r scheint's anders," so wird man sogleich auf die Ihnlichkeit in der Bedeutung des so oft auch in anderen Dramen fallenden Wortes "verwandelt" aufmerksam; so meint die hone Libussa nach ihrem Zusammentreffen mit dem einfachen "Erdenbiirger," dem Bauern Primislaus: "Hier bin ich, und verwandelt, wie du s i e h s t . " ^ Grillparzers Interesse an dem Wahrheits- und Wandlungs- problem, das heisst, an der Frage, ob man in dieser Welt wahr bleiben konne, reicht bis in seine fruheste Schaffens- zeit zuriick und verliess inn seitdem nicht wieder. Von seinem ersten Dramaversuch, "Die ungliicklichen Liebhaber" ( 1 8 0 6 ) , 1 p und seinem ersten grosseren Werk, "Die Schreibfeder" ( 1 8 0 7 / 0 8 ) , von den fruhen Entwiirfen und Dichtungen bis zu den spaten Z l / 2 , S. 2 8 6 , V. 2 0 7 1 . Q I / 2 , S. 1 4 7 , V. 1 6 1 2 nXI / 2 , S. 2 1 1 , V. 7 5 0 . ^Libussa, 1 / 6 , S. 6 , V. 1 7 . ipDie ungliicklichen Liebhaber, I I / 3 ^ D i e Schreibf eder, I I / 3 . - 7 - Buhnendramen lasst es sich verfolgen; immer wieder bildet den Mittelpunkt seiner Schauspiele der sich wandelnde und uriwahr werdende, sich selbst und andere tauschende Charakter. In den "unglucklichen Liebhabern" griindet der junge Dichter den ganzen Plan, diese Liebhaber in die Irre und somit von ihrer beabsichtigten Heirat Amaliens abzufiihren, auf einen l i s t i g e n Betrug; daher—so meinen die Hintergangenen s p a t e r — s o l l e die Komodie, die der junge, wahrhaft Liebende mit den alten, selbstsuchtigen Liebhabern gespielt habe, eigentlich "Der Betruger" oder besser "Die betrogenen Lieb- 15 haber" ^ be t i t e l t werden. Interessant i s t es, dass schon der junge Grillparzer hier betont das Gewicht von dem gliick- l i c h siegenden Handelnden auf die unglucklich verlierenden 14 Erleidenden verlagert, ein Zeichen daflir, dass sein Nach- sinnen und seine Sympathie in erster Linie nicht jenem, sondern diesen als Hauptfiguren g i l t , die von den scheinbar gunstigen Aussichten getauscht und von den wirklich unvorteil- haften Umstanden desillusioniert wurden. Wenn es in diesem Erstlingswerk Grillparzers auch zu einer eigentlichen Erfassung und sorgfaltigen Ausfiihrung des Wahrheits- und Wandlungsproblernes noch nicht kommt, so i s t dennoch das tiefgriindigere Motiv der Unwahrheit als existen- t i e l l e Unechtheit des Menschen aus Selbstiiberschatzung und Verkennung der Gegebenheiten und seine nachfolgende Desillusio- nierung schon beriihrt: ganz in ihrem personlichen Begehr gefangen, verkennen die selbstsiichtigen Liebhaber die wirk- ^11/3, S. 26. Schon hier erscheint die "weibliche" Moralitat Grillparzers des Leidens und Erduldens. * - 8 - liche Situation und die Eigeninteressen der anderen: sie erstreben die junge Amalie, doch diese begehrt sie wegen all z u grosser Alters- und Interessenunterscbiede nicht; Sie setzen hilfesuchend auf den echten Liebhaber, Berger, ihr blindes Vertrauen, doch dieser ersehnt Amalie selbst und wird somit nun—erst selber von den anderen Liebhabern in seinen Hoffnungen getauscht—zum Tauschenden. Dieses Motiv des erst Getauschten, dann Tauschenden einerseits und des erst Enttauschenden, dann Betrogenen andererseits werden wir beispielsweise spater, v e r t i e f t und ausgearbeitet, in Zawisch und Konig Ottokar wieder finden; im Gegensatz zu Zawisch jedoch, droht Berger den Betrogenen eine offentliche Demutigung nur an, die dann den Anstoss zur zwangslaufigen Wandlung und fligsamen Entsagung ihres ubermutig-unberechtigten, eigenniitzigen Anspruches gibt. Das Thema der Unwahrheit als Tauschung des Nachsten durch Wort und Gebarde des im eigenen Vor t e i l handelnden Menschen i s t ebenfalls schon angeschnitten, wenn der junge Grillparzer Carusius, einen der Liebhaber, zu dem anderen, Erenion, sagen lasst: "Hier i s t meine Hand, eingeschlagenJ (fur sich) Konnte ich dich totschlagenJ Darauf Erenion: (er gibt dem Carusius die Hand) 'Alte Ereundschaft. (fur sich) Hole dich der Teuf el I ' " 1 5 Die Namen dieser beiden Liebhaber wie die der (ibrigen, stimmen mit den Anfangsbuchstaben der Namen von Grillparzers Professoren wahrend der Entstehungszeit dieses Lustspieles 'Die unglucklichen Liebhaber, II/3, S. 11. - 9 - uberein und bezeugen, dass der junge Dramatiker die Vorlesungen S. Karpes (Carusius), Professor fiir Logik, Metaphysik und Moral, und J. Prints (Frenion), Professor fiir Religionswissen- schaften, besuchte. Dass Grillparzer in seiner strengen Auffassung und Verfechtung der Wahrhaftigkeit und heftigen Ablehnung der Tauschung von diesen beiden Professoren wesent- l i c h beeinflusst wurde, weist 0. Katann tiberzeugend nach: Karpe, dessen Lehren Grillparzer im Jahre 1804/05 vernahm, ebenso wie Print, dessen Philosophiekursus der junge Dichter von 1804 bis 1807 belegte und mit "primam merito" absolvierte, sehen die Unwahrheit nicht a l l e i n i n Worten, sondern auch in Taten, Mienen und Gebarden, sobald sie die Tauschung anderer bezwecken und "das wechselseitige, zum Umgang und Verkehr notige Vertrauen unter den Menschen zerstoren." (Karpe) Die Alinlichkeit dieses Argumentes, dass jede Art von Tauschung das Vertrauen der Menschen untereinander unter- grabt, mit dem Grillparzers f a l l t sogleich in die Augen: "Genau genommen gibt es aber keine unschadliche Luge; denn wenn der Mensch als Mensch eigentlich nur in Beruhrung mit anderen seinesgleichen in Gesellschaft leben kann; jedes gesellige Verhaltnis aber Vertrauen voraussetzt und Ver- trauen ohne Wahrheit nicht denkbar i s t : so gr e i f t jede, auch die kleinste Liige, die Grundlage a l l e r menschlichen Zustande an und jeder Liigner i s t ein Verrater an seinem ganzen Ge- Oskar Katann: Weh dem, der liigt, i n Grillparzer-Studien, S. 185 f f . Vergl.: Weh dem, der liigt," V. 1137 f f . in Grillparzers Handexemplar und im Erstdruck: "Es liigt der Mensch mit Worten nicht a l l e i n , / Auch mit der That. . . . " - 10 - schlechte. it 17 Hier erinnern wir uns der Dramastelle: "Freund- schaft, Liebe, Mitgefiihl / Und a l l die schonen Bande unseres Lebens,/ Woran sind sie gekniipft, als an das wahre Wort? . . . Was bist denn du, der du dem Bruder ltigst,/ Den Freund be- triigst, dein Nachstes hintergehst?/ . . Ein Teuf el bist du; der a l l e i n i s t Liigner,/ Und du ein Teuf e l , insofern du l i i g s t . " 1 8 Da der Teufel durch seine schmeichelnden Schlangenworte den paradiesischen Menschen versuchte, drang erstmalig die Luge in das menschliche Dasein: "Ihr werdet mitnichten des Todes sterben; sondern . . . werdet sein wie Gott und wissen, 19 was gut und bose i s t , " J so sprach er zum Weibe und dieses nachher zum Herren: "Die Schlange betrog mich also, dass ich ass." In Zanga gibt der Dichter dieser Hollenschlange 20 im Versucher, der Rustan a l l e i n den menschlichen Gewinn der Grosse jenseits der individuellen Grenzen verhiess, die gottliche Strafe des Verlustes von Leben und Eden ihm jedoch tauschend verhehlte, sogar teuflische Gestalt. Der Teufel erscheint also als Vater der Tauschung, des Betruges, der Liige, als Urheber a l l e r Sunden dieser Welt; da der Mensch seine tauschend lockende Stimme erhort und das ungezahmte, gesetzlose Streben nach Grosse in ihm erwacht, beginnt sein Abfall von seinem wahren, gottgegebenen Selbst, urn zu einem liigenhaften, teuflischen Schein-Ich herabzusinken; die Auf- 1 7 T g . II/8, s. 22 (1822). (Sperrdruck, hier Unterstri- chenes, von Grillparzer.) 18Weh dem, der liigt, 1/5, S. 151, V. 143 f f . Vergl. S. 136, V. 372. i x l . Moses,/3, V. 4 u. 5 bezw. V. 13. Per Traum, ein Leben. - 11 - rechterhaltung dieses "zweiten Ichs" in der Gesellschaft fiihrt zu einer immer grosseren Verstrickung auf dem einmal angetretenen Weg,zur Unwahrheit und Verstellung, zum Schein und Betrug der Mitmenschen, deren Vertrauen, das sich a l l e i n auf die Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit des anderen aufbaute, nun schandlich hintergangen wird. Diese knappe Ausfiihrung deutet schon auf die ausser- gewohnliche, uberwaltigende Erfahrung und Auseinandersetzung Grillparzers mit der Wahrheitsfrage, die auch die kleinste Notliige "in Fallen der Pflichtenkollision, der Krie g s l i s t u. s. f.," wie Karpe sie nach Katann b i l l i g t , in diesem Ideenkomplex als einen schwarzen Schandfleck erscheinen lasst. In seiner kompromisslosen Wahrheitsforderung und rigorosen Ablehnung jeglicher Luge stimmt Grillparzer vielmehr mit seinem Professor Fr i n t , der wiederum von Kant beeinflusst 21 sein s o l i , uberein: dieser, wie jener, verbietet unbedingt die Notliige, die Verstellung, die iibertriebene Drohung, die absichtliche Zweideutigkeit und die reservatio mentalis, 22 insofern sie aus der Absicht zu tauschen hervorging. Doch schon der junge Grillparzer f i i h l t , dass man eine solche absolute s i t t l i c h e Forderung wie die der unbedingten Wahrhaftigkeit wohl aufstellen konne und als erstrebenswertes Ideal errichten s o l l t e ; er fiihlt aber auch, dass deren v o l l - kommene Erfiillung durch den zur Unwahrheit drangenden, un- vollkommenen Menschen in dieser von den Eigeninteressen 0. Katann (ebda) und Franz Koch, Idee und Wirklichkeit, II. Bd., S. 126. 2 2 0 . Katann (ebda) - 12 - beherrschten, unvollkommenen Welt nicht moglich sei: wahrend er in seinem Erstlingswerk zynisch den Menschen in sich und Frint in seiner Neigung zur Liige einerseits und in seinem Bestreben zur Wahrhaftigkeit andererseits belachelt und hinzuzufiigen scheint, dass der Erfolg die Tauschung sogar erfordere, lasst er in "der Schreibfeder" auch den aufrich- tigsten, fanatischsten Wahrheitsverfechter an seiner eigenen idealen Forderung scheitern: dieser verstrickt sich selber in Liigen, da er den geliebten, zukiinftigen Schwiegersohn fa l s c h l i c h der Unwahrheit bezichtigt. Ansatze zu verschiedenen Ideen iiber das Wahrheitsproblem, die Grillparzer spater wieder aufnimmt und im Grossen aus- fiihrt, sind auch in diesem zuletzt erwahnten, kleinen Werk schon bemerkenswert: Wie spater der Bischof seinem Diener in "Weh dem, der l i i g t i " (1838), so nimmt hier der Vater seinen Sohnen—wohl ein personliches Erlebnis des Dichters—das unbeschrankte Versprechen ab: "Schwort mir, Kinder, nie auch die kleinste Unwahrheit zu sagen, nie, und ware er auch vorher euer bester Freund gewesen, mit einem Liigner Gemeinschaft 23 24-zu habenJ" Und der Sohn gibt diese biblische Forderung ermahnend weiter an seinen zukiinftigen Schwiegersohn so wie der Bischof spater an seine Gemeinde und Bancbanus an seine jugendliche Frau: "Rede! Aber rede Wahrheit! . . . f f o i e Schreibfeder, II / 3 , S. 59. Matth. 5/ 37: ^Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was dariiber i s t , das i s t vom Ubel." (Bergpredigt) ^Bischof Gregor: "Dein Wort s o i l aber sein: Ja, ja; nein, nein." (Weh dem, der lugt, 1/5, S. 150, V. 118.) ^^Bancbanus:."Dein Wort sei Ja! und Nein!" (Ein treuer Diener seines Herrn, 1/3, V. 850; auch: S. 187, V. 55 f f . ) - 13 - 27 Deine Rede s o i l sein; ja oder neini" ' Und wer dieses Gebot bricht, dem wird als gottliche Rache und menschliche Siihne fur- seine hollische Unwahrheit Eden versagt und der Wiederein- t r i t t verwehrt werden, denn ein Liigner wird kaum wieder paradiesisch wahr werden konnen, tauscht er sich doch selbst 28 iiber seine eigene Siinde und die Motive seiner Handlungen hinweg: "Eine Luge. - 0, da steht es, das kalte, schreckliche 29 Wort, wie Gottes Racheengel vor dem Paradiese!" Diese Dramenauszuge und Tagebuchzeugnisse zeigen, dass Grillparzer einerseits eine heftige Wahrheitsliebe hegen musste, urn derentwillen er jegliche Tauschung lebhaft ablehnte und innerlich verabscheute, dass er aber andererseits einen leidenschaftlicnen Drang zur Unwahrheit in sich spurte, der ihm die Erfiillung seiner Wahrheitsforderung unmoglich erschei- nen l i e s s . In sezierender Selbstanalyse und verurteilender Selbstkritik beobachtet und bekennt der Dichter schon im Jahre 1808, als er als Siebzehnjahriger gerade an der Fertig- stellung "der Schreibfeder" arbeitete, eine solche Neigung zur Liigenhaf tigkeit: "Ich liige, und nicht etwa des Scherzes 50 willen, nein es i s t Neigung, Wohlgefallen an der Liige,"^ und setzt als Randbemerkung zum Folgenden, in dem er seinen "beinahe unuberwindlichen Hang zum Diebstale" erortert, hinzu: "Das i s t erlogeni" Wenige Zeilen zuvor gesteht er: "Ich bin nicht aufrichti^ ; . . ich kann meinem Preunde manches h i n t e r l i s t i g verbergen . . . ich habe schon sogar noDie Schreibfeder, II / 3 , S. 50/51. poWeh dem,'der lugt, 1/5, S. 150, V. 123 f f . ^XDie Schreibfeder, I I / 3 , S. 59. p u T g . II/7, S. 7. - 14 - Maillern, der mir doch, einst wenigstens, sehr zugethan war; - verleumdet, . . Mutmassungen geaussert, von der en Grundlosigkeit und Falschheit ich v o l l i g uberzeugt warj" Nicht nur falsches Zeugnis wider seinen Nachsten ge- l e i s t e t zu haben, klagt sich der junge Dichter an, sondern durchschaut auch schon den Betrug an sich selbst, der das oft verwendete Motiv der Selbsttauschung beriihrt: "Ich gebe oft Armen Geld, man konnte sagen: also bist du wohltatigl Aber das bin ich nicht, denn . . . ich gebe oft, urn mir Uberlastige vom Halse zu schaffen, ja sogar um mich selbst zu betrugen, wenn ich mir Hartherzigkeit und Lieblosigkeit •51 vorwerfe."^ Einer moglichen Selbsttauschung vorzubeugen, bezichtigt er sich, dass das bisher Verfasste nicht aus seinem wahren Ich, sondern aus Verstellung um des guten Eindruckes willen hervorgegangen sei: "Alles, was ich bisher geschrie- ben, i s t erlogen, und bios in der Absicht geschrieben, damit es einst jemard. lesen, und mich daraus giinstig beurteilen 32 mogeJ"^ Eines der wichtigsten Motive Grillparzers fur diese seine Verstellung, die Versteckung seiner wahren Personlich- keit vor den anderen, konnte man in folgendem Selbstbekenntnis des Dichters sehen: "Einer meiner Hauptfehler i s t , dass ich nicht den Mut habe, meine Individualitat durchzusetzen. Uber dem Bestreben, es alien recht zu machen und mich ja im lusserlichen nicht zu sehr von den Andern zu unterscheiden, werde ich endlich wie die Andern. . . . Bei dem unvermeidlichen ;Tg. IT/7, S. 7 (1808). Tg. II/7, S. 30 (1809). - 1 5 - Zusammentreffen mit Andern, ergreift mich die ungeheuerste Langweile. Statt ihr aber nachzugeben und mit meinen Gedanken die Gesellschaft zu verlassen, . . werde ich gewohnlich 35 spasshaft, was mich selbst f r e i l i c h am wenigsten amusiert." In menschlicher Gesellschaft i s t er wegen "dieser Spassmache- r e i , dieser erkiinstelten Lustigkeit" unecbt, so fiihlt G r i l l - parzer und bestatigt damit nochmals seine am Kapitelanfang erwahnte Ubereinstimmung mit Rousseaus Ausfiihrung iiber die Wandelbarkeit und Unechtheit des Menschen, die dann das t r a - gische Moment seiner Dramatik bildet; diese als Wesenszwang und Abhangigkeit von seiner Umwelt aufzufassende Empfindung Grillparzers entlockt ihm den verzweifelten Ausruf: "Hatte ich 54 nur den Mut mir selbst treu zu sein;"^ v i e l l e i c h t gelange ihm dieses in der Einsamkeit: "A l l e i n , fern von den Menschen, 55 so konnte ich mich v i e l l e i c h t wiederfinden und besitzen." ' Nicht a l l e i n Mutlosigkeit bewegt den Dichter zur Wandlung und Verstellung, Unwahrheit und Selbstentfremdung, sondern auch ein tiefwurzelndes Schamgefiihl, das ihn von der Offen- barung, der Entblossung seines innersten Wesens in seiner ganzen Wahrheit vor den anderen zuriickhalt: "Es gibt ein Schamgef iihl des Gemiits, das noch heiliger sein sollte als 56 das des Korpers. . . . Es war ein Gefiihl in mir, dass man die 57 Geheimnisse seines Innern nicht zur Schau tragen solle." Und an Paganini verurteilt er, was er fiir sich selbst befurchtet |?Tg. I1/8, S. 206; vergl.; II/8, S. 1 9 5 . 3cTg. II/8, S. 1 9 5 (unterstrichen vom Autoren) %Ts. II/8, S. 1 9 5 . 551/8-9, S. 2 1 1 . ^11/8, S. 3 1 3 . - 16 - und vor dem er sich als Mensch wie als Dichter bewahren w i l l : "Was offnest du des Busens sichres Haus,/ Und stosst sie aus, die unverhxillte Seele /Und s t e l l s t sie hin, den Gaffern eine 38 Lust?" Diesem Schamgefuhl i n seiner unendlichen Zartheit begegnen wir dann spater in den dramatischen Figuren des feinfuhligen Dichters, so in Edrita, Hero oder Libussa, die ihr aufkeimendes Liebesgefuhl vor den neugierigen Blicken der alles verkehrenden Menschen zu verhiillen suchen: "Mit einem Wort lost' ich die Ratsel l e i c h t , / Doch wurdet ihr's entstellen und verkehren./ Drum halt nur, was du weisst, 39 mein sichres Herzi" ' Wie hier wiederholt gezeigt wurde, steht Grillparzers innerer, dunkler Neigung zur Verstellung und Unaufrichtigkeit sein bewusster, fester Wille zur Wahrheit gegeniiber; wahrend sein Drang zur Unwahrheit der "iibergreifendsten" Phantasie ZLQ des Dichters in ihm zuzuschreiben ware, so i s t sein Wahr- heitswille das Erzeugnis seines kalten Verstandes, der diesen Drang unnachsichtig seziert und bedingungslos missbilligt. Dass Grillparzer wirklich von einem solchen Zwiespalt dieser beiden entgegengesetzt wirkenden Charakterkomponenten inner- l i c h zerrissen wurde, bestatigt der tragische Dramatiker in folgendem Bekenntnis: "In mir leben zwei v o l l i g abgesonderte Wesen: ein Dichter von der ubergreifendsten, j a sich uber- stiirzenden Phantasie und ein Verstandesmensch der kaltesten 4-1 und zahesten Art; . . . Wenn ich je dazu kommen sol l t e . . . I q l / l l , S. 8 5 , V. 2 f f . ; vergl. I I / 8 , S. 3 1 3 . ?XLibussa, 1/6, S. 3 1 , V. 3 7 9 . ^ V e r g l . : Tg. I I / 8 , S. 1 9 3 - Selbstbiographie, 1/16, S. 1 3 5 ; vergl.: Tg. I I / 8 , S. 3 1 4 , - 17 - die Geschichte der Folge meiner inneren Zustande niederzu- schreiben, so wiirde man glauben, die Krankheitsgeschichte eines Wahnsinnigen zu lesen. Das Unzusammenhangende, Wider- sprechende, Launenhafte, Stossweise darin iibersteigt a l l e Vorstellung; heute Eis, morgen Eeuer und Plamme . . . uber- fliessend und unbegrenzt." Dieser zwiespaltige, in sich zerrissene Charakter hat seinen Ursprung in seiner Erbanlage: die iiberschwengliche, ausschweifende Phantasie, die Anlage zum Kiinstler und Basis zur traumhaften Erhebung iiber das trockene, wirkliehe Sein in das Reich der Wunsche und Ideale, zugleich mit einer Neigung zur Feinfiihligkeit und Uberempfind- li c h k e i t ererbte Grillparzer von der Mutter; den kalten, nuchternen, analysierenden Intellekt zugleich mit einem Willen zur Rechtschaffenheit und Wahrhaftigkeit erhielt er von dem Vater. In der Jugend glaubt er mehr seiner Mutter zu gleichen und fiirchtet "von der wirkenden Ubermacht seiner Phantasie und seiner Gefiihle zu v i e l fiir die kranken Nerven und den leidenden Korper;" mit zunehmendem Alter hingegen, da er seinem Vater zu ahneln begann, fiihlt er sich von der "Schwere und Bedriickung des Geistes" ^ bedroht und muss somit einsehen, dass immer eine der Charakterkomponenten in ihm vorherrscht, obwohl er um die Herstellung eines harmonischen Gleichge- wichtes zwischen ihnen zeitlebens rang, denn "widersprechende Eigenschaften in Harmonie gebracht, machen den grossen Mann. Selbst bekennt Grillparzer: "Je alter er ward, um so ahnlicher J f l I / 8 , S. 290. ^Gespr. 6, S. 272. ^WW; S. 155. - 18 - wurde er seinem Vater, von dem er sich in seiner Jugend so verschieden gefiihlt hatte, als nie ein Sohn von seinem Vater. . . . Denn iiber Mangel an Warme muss ich jetzt klagen wie ehemals iiber zu v i e l . . . . Eine stufenweise Erkaltung der Phantasie lasst sich iibrigens i n mein en bisherigen Her- 46 vorbringungen bestimmt nachweisen;" dann beginnt der Dichter 47 die "lauernde Verstandeskalte," die seine kiinstlerische Phantasie allmahlich abkiihle und abtote, anzuklagen: "Hier i s t die Quelle meiner Marter, der Mittelpunkt meines Lebens- iiberdrusses; dass ich nicht fahig bin zu schaffen . . . ich fiihle mich erloschen von innen heraus."^ 8 Aus diesen Worten der Verzweiflung horen wir nicht eine Lobpreisung des Wahrheit verfechtenden Verstandes heraus, sondern in erster Linie den bitteren Verdruss iiber das durch inn bewirkte unerbittliche Entschwinden der iibergreif enden, gliihenden Phantasie; erst fiihrte ihn diese ekstatische Phantasie iiber die engen Grenzen eines gewohnlichen Menschen- daseins hinaus und hinauf in das "Leben" im Reiche der Kiinste und Ideale, lasst ihn der Unwahrheit, der Transzendierung gegebener Schranken schuldig werden, um ihn dann, a l l e i n gelassen, der schmerzvollen Pein, der Siihne seiner Schuld, 49 zu iiberlassen, J aus der heraus er nun erst verstandesmassig 4 ^ I I / 8 , S. 313. / S l I / 8 , S. 193. ^11/8, S. 2 9 0 . 7XII / 8 , S. 2 3 0 , S. 240; vergl.: IT / 8 , S. 48 und S. 206, T e r g l . : in einer "Art von Phantasie, womit der gute Alte fast immer die namlichen Worte begleitend wiederholte," spielt Goethes Harfner: "Ihr himmlischen Machte, Ihr fiihrt ins Leben uns hinein, Ihr lasst den Armen schuldig werden, Dann iiberlasst i h r ihn der Pein; Denn al l e Schuld racht sich auf Erden." (Wilh. Meisters theatralische Sendung. 13. Kap., S. 193) - 19 - das blosse Spiel dieser Phantasie mit dem schwachen Menschen unverfalscht durchschaut und als solches unabdingbar verur- t e i l t : es war namlich diese iibergreifende, ausmalende Phan- tasie, die im Menschen ein lockendes Wunschbild ersehnter, ferner, ihm bislang versagter Lebensgiiter errichtete, von deren Erwerb er sich nun als sehnsiichtig wunschender, ver- traumter Phantast sein ganzes Lebensgltick verspricht; fiir den niedrigen "Erdenbiirgerden einfachen Durchschnitts- menschen, den auch Grillparzer einerseits ja in sich selbst sieht, besteht dieses in dem "neidenswerten Gliick der Grosse"^ im hohen Reich von "Ehr' und Ruhm,"̂ "'* Macht und Herrschaft; das Streben nach einem solchen Gliick lasst i n ihm einen gewissenlosen, blinden Ehrgeiz hervortreten, wie es das Jasons, Ottokars oder Rustans beispielsweise zeigt. Jedoch die Aussergewohnlichen, iiber der Menge im hohen Reich des Priester-, Herrscher- oder Kiinstlertums Verweilenden, zu denen auch Grillparzer sich andererseits rechnet, erblicken dieses ertraumte Gliick i n der Teilnahme an den "Wonnen der 52 Gewohnlichkeit," an den idyllischen Freuden einer hingebungs- vollen Liebe; vergleichsweise konnen Hero, Alfons oder Sappho genannt werden. In- der "iibergreif ends ten Phantasie" als dem unbegrenzten Transzendierungstrieb und dem leidenschaftlichen Gliicksstre- ben des eigenwilligen Individuums erblickt Grillparzer somit gpraum, ein Leben, 1/5, S. 18, 7. 323. ^JuRenderinnerungen im Griinen, 1/10, S. 146, V. 37. Thomas Mann: Tonio Kroger, ("Gewohnlichkeit" hier jedoch nicht im etwas abfalligen Sinne.) - 20 - 55 54 das bewegende und treibende, steigernde und wandelnde, selbstentfremdende und dunkel-chaotische, schopferische Moment des "Lebens"; sein Bereicb i s t der des Scheines; es tauscht den von seinem ertraumten Wunschbild ergriffenen, gejagten Menschen in seinem Grossen- oder Liebeswahn iiber sich und die Wirklichkeit hinweg. Der kiihle, klare Verstand als das im Interesse des Gesamtwohles kontrollierende und 55 massigende, y begrenzende und lenkende, gesetzgebende und hell-ordnende,^ 6 ethische Prinzip, das auf das Seiende ge- richtet i s t und dem der Wille zur Wesenswahrheit entspringt, en t l a r v t — z u spat—den von der Phantasie genahrten Lebens- trieb und das aus ihm heraus als Schein-Ich gelebte "Leben" als Tauschung und Illusion, Un-Wahrheit und Traum, Schatten und Schein; es h i e l t nicht, was es dem Phantasten von fern und aussen zu versprechen schien; so wurde dann das herrliche, lockende Bild, das sich seine jugendlich schwarmerische, idealisierende Phantasie von ihm auf Grund der ausseren 57 Hulle^' entworfen und nach dem er i n guter, reiner Absicht 55 ^"Alle Unruhe im Menschen entspringt aus der Phantasie." (Tg. II/8, S. 74) ^"Der Trieb erzeugt die Handlung, die uns not." (Lola Montes, 1847, 1/11, S. 201, V. 20) "Die aktiven Faktoren der Menschennatur sind die Neigungen und Leidenschaften." (II/9. S. 108) 55, 5o',Primislaus, Pestigkeit, Ausdauer, ordnender Verstand." (1/20, S. 386) Vergl.: Kreon: "der Konig: Die Rechtlichkeit, der ruhige Verstand . . . strenge Gesetzlichkeit." (1 /17, S. 294) Vergl.: "Auf der Phantasie verliessest du das Land, 0 kehre, bitten wir, zuriick auf den Verstand." (1/12, S. 295) -^7vergl.: Jugenderinnerungen im Griinen, 1/10, S. 146, V. 31. - 21 - gestrebt hatte, unbarmherzig von der grauen Wirklichkeit, dem wahren Kern der begehrten, schl i e s s l i c h erworbenen Lebens- giiter v o l l i g entwertet und zerschmettert. Bezeichnend und aufschlussreich sind in diesem Zusammen- hang des Dichters Worte iiber Rom: "zu dem es mich von meiner Kindheit mit so magischem Zug hertrieb, das ich mir so irdisch herrlich ausgemalt hatte, dass ich jetzt, da die Wirklichkeit mich abkuhlt, kaum noch das Phantasiebild in der Erinnerung hervorrufen kann, das mich lockend umschwebte. . . . aber wann hat die Wirklichkeit noch gehalten, was die Phantasie versprochen."^ 8 Eine ahnliche Enttauschung befiirchtet G r i l l - 59 parzer in der Liebe, J da er, wie seine Gestalten, "mit 6 0 seiner Phantasie geworben" (Jason) hatte und daher sein Phantasiebild von der Geliebten mit ihrem wirklichen Wesen nicht iibereinstimmen konnte und sie ihn dann abstossen wurde: "Ich glaube bemerkt zu haben, dass ich selbst in der Geliebten nur das Bild liebe, das sich meine Phantasie von ihr gemacht hat, so dass mir das Wirkliche zu einem Kunstgebilde wird, das mich durch seine Ubereinstimmung mit meinen Gedanken entziickt, bei der kleinsten Abweichung aber nur um so heftiger zuriickstosst."^ 2 Auch Phaon, der sich am s t i l l e n hauslichen ^?Tg. I I / 7 , S. 215. Vergl.- 1/20, S. 382. ^"vergl.: Die jahe Ernuchterung erzeugt in Grillparzer eine plotzliche Gefiihlskalte, wie sie z. B. auch in Alfonso beim Ahblick der toten Rahel erfolgt, "dass nach einem Heute v o l l der gliihendsten Zartlichkeit leicht . . . ein Morgen denkbar i s t der fremdesten Kalte, des Vergessens, der Feind- seliKkeit." (Tg. II/7, 215) ^Vorarbeiten zum "Vliess" (G. Kl. IV, S. 29) f l V e r s l . : Tg. II/8, S. 53; Tg. II/8, S. 48. 6 2 T g . I I I / l , S. 255 . Vergl.: II/8, S. 291 . - 22 - Herd die weit beriihmte, grosse Dichterin Sappho phantasievoll reich ausmalte, i s t iiber die wirkliche Frau enttauscht: "Als ich sie noch nicht sah und kannte, nur / Die Phantasie ihr schlechtgetroffnes Bild / In graue Nebel noch verfliessend malte,/ Da schien mir's leicht fur einen Blick von i h r , / Ein giit'ges Wort, das Leben hinzuwerfen;/ Und jetzt da sie nun mein i s t , mir gehort/ . . . Jetzt frag' ich noch und 63 steh' und sinn' und zaudre!" ^ Ein Opfer seiner iiberschweng- lichen Phantasie, die ihm nicht die "Geliebte," sondern das Gliick der ruhmvolien Grosse so erstrebenswert erscheinen l i e s s , wurde auch Fedriko: "In Nichts versunken sind die stolzen Traume / "Von Grosse—Hoheit; schone Truggebilde / der 64 jungen, aufgeregten Phantasie." Aus dem erniichternden Erwachen von dem phantasievoll en Liebes- und Lebenstraum, aus der Erkenntnis der Wirklichkeit und Wahrheit, dieser furchtbaren Ent-Tauschung, der bitteren Des-Illusion heraus, i n der Grillparzer die Siihne der "Lebens"- schuld f i i h l t , spricht der Dichter—vom "wilden Damon Phanta- 65 sie" ' getrieben und betrogen— im Tagebuch und den "Jugend- erinnerungen" verzweifelt aus, was er in den Dramen, so bei- spielsweise im "Traum, ein Leben" Oder im "goldenen Vliess" verbildlicht: ^Sappho, 1/1, S. 284, V. 487 f f . 6 4Blanka von Kastilien, II/2, S. 21, V. 305 f f . 65Gedicht: Der Bann, 1/ 10, S. 19, V. 36. 6€>Zuvor: Pes Lebens Schattenbilder und Traum und Wahrheit b e t i t e l t . - 23 - 0 Trxigerin von Anfang, du o Leben I Ein reiner Jiingling trat ich ein bei d i r , Rein war mein Herz, und rein war a l l mein Streben,gn Du aber zahltest Trug und Tauschung mir dafiir. ' "Nur zu deutlich seh* ich ein, dass mich meine Phantasie betrog, nie werd' ich finden, was ich suche. Wie oft habe 68 ich mich betrogenl" Schatten sind des Lebens Giiter, Schatten seiner Preuden Schar, Schatten Worte, Wunsche, Taten, Die Gedanken nur sind wahr.69 Erkennst das Zeichen (Vliess) du, um das du rangst? Das d i r ein Ruhm war, und ein Gliick d i r schien? Was i s t der Erde Gliick? - Ein Schatten! Was i s t der Erde Ruhm? - Ein Traum! Du Armer! Der von Schatten du getraumt! 7 0 Der Traum i s t aus, a l l e i n die Nacht noch nicht. 'Gedicht: Jugenderinnerungen im Griinen, 1/10, S. 146, V. 45 f f . |§Tg. II/7, S. 5 5 . "Per Traum, ein Leben (Schlussworte des I. Aktes), 1/5, S. 3 1 , V. 628 f f . 7°Das goldene Vliess (Schlussworte), 1/2, S. 300, V. 2364 f f . - 24 - III. KAPITEL; ZWISCHEN WAHRHEIT UND WAHN: DIE TRAGISCHE WANDLUNG DES WAHREN MENSCHEN. Schwach i s t der Mensch,/ Auch der starkste, schwach! Wenn ich ihn sehe, drehn sich die Sinne, Dumpfes Bangen uberschleicht Haupt und Busen, Und ich bin nicht mehr, die ich bin.^ Was i s t es, das den Menschen so umnachtet, Und ihn entfremdet sich, dem eignen Selbst . . . Was so verkehrt die innerste Natur. 2 Es i s t die grosse Tragodie des Lebens eine Tragodie der zwangslaufigen Wandlung, einer unausweichlichen""Selbst- entfremdung" des im Gliicksverlangen "hoch" strebenden, von . seinem ursprunglichen gottgewollten, wahren Wesen abfallen- den und sich im weiten, reissenden Lebensstrom standig andernden Menschen; keinem i s t es moglich, sich dem Wandel der unaufhaltsam fortschreitenden Zeit dieser geschicht- lichen Welt zu entziehen und dauernd er selbst zu sein, immer wahr und sich selbst treu, rein und schuldlos. Das tiefgrundige Problem der Wahrheit—und hier geht es nicht um die Wahrheit im erkenntnistheoretischen, sondern im ethischen Sinn, um die Wahrheit des Seins und des daraus stromend,en Handelns—erscheint vielfach im deutschen Schrift turn. Als ein Ringen des Menschen um sein wahres Ich, als ein Weg nach, "innen" und nach "Hause" als sein Weg aus dem lauten Treiben der Welt in die s t i l l e Tiefe des Innern und somit als Heimkehr in den allumfassenden Weltgrund, lasst es sich von der deutschen Mystik, dem Pietismus und der ;Medea, 1/2, S. 106, V. 1059 f f . Hero, 1/4, S. 145, V. 1181 f f . - 25 - Romantik bis zur modernen Literatur verfolgen; man denke in der zuletzt erwahnten Epoche beispielsweise an Hermann Hesse, der sich zu Novalis' Wort bekennt: "nach Innen geht der geheimnisvolle Weg;"y im "Demian" heisst es: "das Leben jedes Menschen i s t ein Weg zu sich selber hin;" . . . es i s t "Pflicht und Schicksal: dass jeder von uns so ganz er selbst werde, so ganz dem in ihm wirksamen Keim der Natur gerecht werde.11 ̂  Nicht zu ubersehen i s t jedoch, dass es sich hier um eine Selbst-Werdung durch das Leben handelt; das bedeutet aber, dass der Mensch sein wahres Wesen ursprung- l i c h noch nicht besitzt und es erst suchen und finden muss, indem er nicht a l l e i n die " l i c h t e , " "erlaubte," "gottlich- o f f i z i e l l e , " sicher und geordnete Welt der Sitt e anerkennt, sondern gerade auch die "dunkle Welt," die "totgeschwiegene teuflische," beangstigende, chaotische Welt des Sinnlichen mutig, "ganz und ungebrochen" in sich auslebt. Das f i i h r t — und das lehnt Grillparzer scharf ab—zur Aufstellung eigener ethischer und religioser (Verehrung des Gott-Teufels, Abraxas) Grundsatze und zum Einreissen der bislang unge- priift ubernommenen, in der Gesellschaft allgemeingiiltigen Vorschriften, das verbildlicht wird im Einreissen der "Pfei- l e r , auf denen mein Kinderleben geruht hatte, und die jeder ^Novalis Pragmente, Bliitenstaub; vergl.: "Wo gehn wir denn hin? Immer nach Hause.." (Heinrich von Ofterdingen) ^7 5Hermann Hesse, Demian, S. 12; S. 198. Vergl.: "Wahrer Beruf fiir jeden war nur das eine: zu sich selbst zu kommen . . . das eigene Schicksal zu finden . . . und es in sich auszuleben, ganz und ungebrochen." (S. 174) ^Hermann Hesse: "Darum muss jeder von uns fur sich selber finden, was erlaubt und was verboten—ihm verboten i s t . " (S. 89) - 2 6 - Mensch, ehe er er selbst werden kann, zerstort haben muss."' Nicht Selbst-Werdung, sondem Selbst-Verlust bringt in G r i l l - parzers Augen das "Leben," das Ausleben des Individuums; fur ihn wird der Mensch "wahr" geboren, v e r l i e r t seine Wesens- wahrheit jedoch im Laufe des Lebens durch sein transzendie- rendes, iiber sich selbst hinausstrebendes Wesen. Al l e i n noch im bewusstlos naiven Sein des Kindes sieht Grillparzer den Urzustand der Menschheit und deren paradie- sische Existenz e r f i i l l t . Das im nicht strebsamen, wahren Q Kinde verwirklichte Eden i s t dem Dichter Inbegriff a l l seiner Ideale, die der durchs Leben verlorenen und wieder zu er- kampfenden idealen Seelenzustande und des absolut ethischen Verhaltens des Menschen; denn "ihre Mythen—die der christ- q lichen Religion namlich—kann man symbolisch nehmen," schreibt der Dichter im Jahre 1838; so i s t ihm Eden Inbegriff nicht a l l e i n der Wahrheit, sondem auch der durch sie beding- ten Unschuld und Reinheit, Einheit und Ordnung, Ruhe und Geborgenheit, des Friedens und der Freiheit. Die weltliche Existenz des Menschen verkorpert ihm hingegen den Verlust alles dessen; er wird herbeigefiihrt durch das Erwachen des triebhaften Strebens und unwiderstehlichen Begehrens, das oHermann Hesse: Demian, S. 31* ". . . so rein, so mild, so a l l e r Schuld entblosst,/ Als nur ein Kind am Busen seiner Mutter." (Vliess, 1 / 2 , S. 2 8 6 , V. 2 C 7 9 T " Oder: "Ein Kind war ich, ein sanftes. reines Kind / . . schuldlos und rein, wie an der Mutter Brust. (Blanka von Kastilien, I I / 2 , V. 44?2 f f . ) Vergl.: Gedicht: An der Wiege eines neugeborenen Kindes (1/10, S. 24). 9Tg. 11/10, S. 142. - 27 - nach frevelhaften Taten drangt. Tragisch i s t es, dass der strebende, tatendurstige Mensch erst nach seiner Austreibung aus seinem paradiesischen Dasein dieses als "Eden," als goldene, heilige Zeit erkennt und sich nun nach ihr inbriinstig, reu- mutig zuriicksehnt: "Ha, wie er dasteht, ein gefallner Engel, der die verlorne Seligkeit im Geiste mit furchtbarer Verzweif- lung ringend misst;" 1 0 so beschreibt Blanka Fedriko, der nur noch ausstossen kann: "Lass mich zum Kinde werden! 0, der schon en,/ der engelschonen Bliitezeit des Lebens!/ Da lag mein heitres, kindliches Gemiit,/ ein zart Gewebe ohne Falten, o f f e n ^ / vor jedes Menschen forschendem Gesicht,/ da hob ich rein die reinen Hand empor;/ nicht zum Vergelter, Richter, nein zum Vater;/ . . . Da l i e b t ich a l l e s , was ich auf dem Pfade,/ dem engbegrenzten, meines Wirkens fand,/ . . . 0, 12 kehre wieder, goldne, heilge Zeit!" Aus solchen sehnsuchtsvollen Reden des aus Eden Ver- triebenen lasst sich dann ein Bi l d seiner ersten Entwick- lungsstufe, der seiner paradiesisch kindlichen Wahrheit und Reinheit entwerfen. Auf dieser Stufe gleicht er den ersten Menschen vor ihrem F a l l i n Eden, als sie noch als gehorsame Geschopfe Gottes T e l l seiner grossen Schopfungs- ordnung waren und als solche das gottliche Gesetz, dem a l l e Gottesgeschopfe seiner kosmischen Naturordnung gehorchen, demiitig erfullten. Dieses allgemeine Weltgesetz bestimmt das Wesen und den Wirkungskreis eines jeden Geschopfes; ^Blanka von Kastilien, II/2, V. 4864 f f . i P " o f f e n " im Sinn von: unverfalscht, nicht v e r s t e l l t , wahr. x^Blanka von Kastilien, V. 3738 f f . Vergl.: V. 4472. - 28 - indem es dieses e r f u l l t , lebt es sein eigentliches gottge- gebenes Wesen; es i s t "wahr," treu gegen sich; und wer wahr, treu i s t und sein Wesen e r f u l l t , e r f u l l t das Gebot Gottes, das heisst, "wer treu vor sich, der i s t auch treu vor Gott." 1^ Indem es jedoch dieses Gesetz, das Mass fordert und Ordnung gewahrleistet, durch ehrgeiziges massloses Streben oder leidenschaftliches verwirrendes Lieben niederreisst und uber- schreitet—was im "unrechtmassigen" Erwerb der "verbotenen" Frucht Edens verbildlicht i s t — w i r d es "un-wahr"; es f a l l t ab von Gott, dem Schopfer seines Wesens, und dessen Natur- ordnung. Diese Wandlung zur Unwahrheit durchlauft der Mensch, da er vom leidenschaftslosen Kind zum abenteuerlich schran- kenlos begehrenden Jugendlichen heranwachst. Jetzt t r i t t der uniiberbruckbare Gegensatz zwischen Mensch und Natur auf: wahrend der so abgefallene, siindige Mensch unwahr und schul- dig wird, i s t die noch in Gott runende Natur wahr, schuldlos und wandellos; ihre Geschopfe folgen bestandig dem Gottes- gesetz, "so heut als morgen, wie am ersten Tag," an ihrem Schopfungstag. Ehrfurchtsvoll zu den Sternen—"sie sind von Gott"—aufblickend, spricht der Herrscher Rudolf II. die erlauternden Worte: "Der Mensch f i e l ab von ihm (Gott), sie aber nicht./ Wie eine Lammerherde ihrem Hirten,/ so folgen sie gelehrig seinem Ruf / so heut als morgen, wie am ersten Tag./ Drum i s t in Sternen Wahrheit, im Gestein,/ In Pflanze, 14 Tier wad Baum, im Menschen nicht." Entwurf zu V. 1805 f. in Weh dem, der lugt, 1/20, S. 265 Bruderzwist, 1/6, S. 186, V. 407 f f . - 29 - Wahrheit i s t also Treue, Wandellosigkeit und Bestandigkeit durch Gottgehorsam und Gesetzerf tillung. Sie i s t in der Natur, der organischen wie anorganischen, im Menschen nicht durch seine Gesetzlosigkeit, seine Wesenswandlung, durch seine und damit seines Geschickes Wandelbarkeit: "So wandellos, sich gleich, i s t die Natur, so wandelbar der Mensch und 15 sein Geschick." y Wir erinnern uns hier an die vorher auf- gezeichneten Worte Rousseaus und Grillparzers iiber die Ver- anderlichkeit des Menschen und an das so oft in diesem Zusam- menhange fallende Wort "verwandelt"; so wird beispielsweise auch der Konig Ahasver, der seine geliebte Gattin im Ubermut seines Gliickes verlor, beschrieben als: "jetzt zerstort, •stei „17 im Inners n verwandelt 1^ . . . er selbst sich selbst ent- fremdet. Im Gegensatz zum Menschen also sind die Wesen und Dinge der Natur in ihrer Wandellosigkeit wahr; indem sie stetig -I Q ihre Bestimmung leben, folgen sie dem Ruf Gottes; die Gesetzlosigkeit des "hoch" Strebens, die Masslosigkeit des leidenschaftlichen Liebens kennen sie nicht; 7 ihr gottge- wolltes Wesen versuchen sie nicht zu verleugnen, denn sie wollen nicht anders sein, als wie sie gemacht wurden, und auch nicht anders scheinen, was Verstellung, Unwahrheit, Siinde bedeutete. Ohne unruhiges Begehren in unbewusst-naiver, J-?Das goldene Vliess, (Medea), 1/2, S. 286, V. 2071. ^Esther, 1/7, S. 123; V. 276. j-^ebda: 1/7,- S. 115, V. 100. "Wozu der Schb'pf er ein Jedes bestimmt, ,q Schreibt er in Jedes mit lesbaren Ziigen." 1/12, i , S. 295< x^Vergl.: 1/10, S. W , V. 71 ; Gedicht: Zu Mozarts Peier: "Und alles Wirkliche gehorcht dem Mass." - 3 0 - daher schmerzloser Selbstbescheidung als Ausdruck wunsch- loser Zufriedenheit und s t i l l e r Geniigsamkeit geniessen sie ein friedlicb.es, schuldloses Gliick und sind "froh." Hierin beruhrt Grillparzer das Ideal der biedermeierlichen Lebens- fiihrung, die in der gesetzmassigen, demiitigen Einordnung eines jeden Geschopfes in das grosse Ganze der kosmischen Hierarchie durch Erfiillung des Gottes Gebotes "wahre," innere Gliickseligkeit findet. Als Beispiel hierzu und Vorbild fiir den unruhigen, zerrissenen, elenden Menschen wahlt Grillparzer neben den Sternen das massvolle, schuld- lose Gliick der Pflanzen, die auch S t i f t e r preist, "weil sie 20 unschuldig den Willen Gottes tun." In seinem Gedicht "Pflanzenwelt" riihmt Grillparzer nun das geniigsame, frohe Pflanzendasein und betont den Gegensatz zwischen diesem und dem des Menschen, dessen aus Unzufriedenheit mit dem Gegebenen entsprungene: innere Unruhe, Spaltung und "Zer- 21 streuung" er noch durch das Bi l d des dort- und dahin ^Adalbert S t i f t e r , Studien (7- Auf. Pest, 1873, I, 357) "Zerstreuung" i s t einer der wichtigsten Begriffe in Grillparzers Ideenwelt. Im Gegensatz zur "Sammlung, Hinrich- tung auf einen einzigen Punkt" (II/8, S. 186), bedeutet Zer- streuung "mit alien seinen Kraften sich nach alien Richtungen zu bewegen" (ebda). Wahrend die Sammlung, die Konzentration a l l e r , der sinnlichen wie geistigen, Krafte, "Begeisterung," d. h. schopferische Tatigkeit und "empfindungsmassiges" Er- kenntnisvermogen ewiger Wahrheiten, erzeugt und Ordnung schafft, fiihrt Zerstreuung zur Personlichkeitsspaltung, Zer- splitterung und Verwirrung durch das "Leben," das Ausleben des Ich im lauten Treiben der Welt auf der Suche nach i n d i - viduellem Gliick. Erleben verwirrt, "zerstreut," aber es be- reichert auch:"Der Gesichtskreis i s t erweitert, Der Gesichtspunkt i s t verrucktT" (G. K l . , I, 45) Vergl.: Tg. II/8, S. 186; Tg. II/8, S. 206; Gedicht,.1/11, S. 1 0 9 ; Tg. 11/10, S. 251, Nr. 3406, Nr. 4130; Hero, 1/4, S. 133, V. 942, V. 948 f f . ; Gedicht: " P f l a n z e n w e l t T 7 1/10, i , S. 83, V. 12; Libussa, 1/6, S. 88, V. 1145 f f . ; "Begeisterung aber i s t die Mutter alles Grossen," Tg. II/8, S. 86, V. 1214; Melusina, 1/4, S. 26, V. 411 f f . - 31 - schweifenden Wanderers veranschaulicht: "Und keines (der Pflanzen) w i l l was anders sein,/ Als was es ward gemacht./ Drum sind sie froh . . . Du aber, Wandrer, weisst es nicht,/ Schweifst dort und da des Wegs;/ . . . Geh hin und uberleg' s i ' 2 2 In dem grossen, organisch gewachsenen.Naturreich herrscht eine hierarchische Ordnung, denn seine Geschopfe sind an das allgemeine, kosmische Gesetz gebunden, nach dem ein jedes Glied seinen natiirlichen Anlagen gemass seine ihm zufallende Rolle naiv, genugsam und froh e r f u l l t und einen seinem gottgegebenen wahren Wesen entsprechenden Rang ein- nimmt, "wo Duft und Parbenglanz den Platz bestimmt,/ Die Rose Konigin, und Raute, Lattich / Das Unkraut, das man 23 austilgt mit dem Puss." y Hier i s t es jedoch fragwiirdig, wie weit eine solche Verschiedenheit etwa im Range der- Pflanzen etwas dieser Welt Inharentes oder a l l e i n von dem menschlichen Werturteil ihr Aufoktroyiertes i s t . Einleuch- tender i s t des Dichters Bild von der dem Gesamtwohle die- nenden Rangordnung in der Landschaft, wo der Berg sich iiber das Tal erhebt und, selber kahl, die Wolken anzieht und sie ihm als Regen hinuntersendet. Und Grillparzer fiigt hinzu mit einem verurteilenden Blick auf seine Zeit des Verfalls 24 und der Anarchie und auf die Verfechter der revolutionaren 25 Ideen der Gleichheit und Preiheit von dem Gesetz dieser 2 2Gedicht: Pflanzenwelt, 1/10, S. 84, V. 25 f f . ffiLibussa, 1/6, S. 116, V. 1721 f f . Vergl.: Bruderzwist, 1/6, S. 245, V. 123 f f . / auch: S. 263, V. 1587' f f . ^ V e r g l . ; dazu "Wer seine Schranken kennt, der,ist der Preie,/ Wer f r e i sich wahnt, i s t seines Wahnes Knecht." (Libussa, 1/6, S. 89, V. 1185) - 32 - natiirlichen Hierarchie, deren Berechtigung in ihrem jeder menschlichen K r i t i k enthobenen, erweislosen, wahren Sein l i e g t : "Sent an die Welt, die sichtbar off enkiind'ge," wie "aus dem Wechselspiel von hoch und niedrig,/ Von Frueht und Schutz erzeugt sich dieses Ganze,/ Des Grund und Recht in 26 dem l i e g t , dass es i s t ; " und indem Rudolf II. zu den Ster- nen aufblickt, bekraftigt er nochmals den Unterschied zwischen diesem Naturdasein der durch Wahrheit begriindeten und auf- rechterhaltenen Ordnung und dem menschlichen Sein der durch willkurliche Wesenswandlung im Individuum sowie in der Gesellschaft erzeugten Verwirrung: "Dort oben wohnt die Ordnung, dort ihr Haus,/ Hier unten e i t l e Willkiir und Ver- 27 wirrung." ' Auch die ersten Menschen Edens als Geschopfe Gottes und T e i l dieser kosmischen Naturordnung sowie ein jeder ihrer Enkel in seinem ersten Entwicklungsstadium als kindlich- unschuldiges, rein und massvolles Wesen sind—wie schon aufgezeigt wurde—"wahr," indem sie ihre gottgewollte Be- stimmung leben. Wahr sind in diesem Sinne auf der einen Seite die aussergewohnlichen Charaktere: Sappho, als be- herrschte grosse Dichterin; Medea, als amazonenhafte kol- chische Konigstochter; Hero, als jungfrauliche friedliche Priesterin; Alfonso, als unerfahrener kastilianischer Herrscher; und Libussa, als hone, den ewigen Naturgesetzen zugewandte Seherin. Ebenso wahr sind auf der anderen Seite die einfacheren "Erdenbiirger," bevor sie noch nach dem Bruderzwist, 1/6, S. 264, V. 1606 f f . ebda, I/6~S. 186, V. 428 f. - 33 - verlockenden Gltick der glanzvollen Grosse trachten; Jason, Ottokar, Rustan gehoren beispielsweise zu ihnen; auch Phaon, Leander und Primislaus, ehe sie sich noch durch ihre Liebe zu einer hoher stehenden Frau zur erhabenen Welt hihgezogen fiihlen, sei en hier erwahnt. Im Gegensatz zu diesen Durch- schnittsmenschen erhebt die hohe, in der auserwahlten Seherin zusammengefassten Lebensaufgabe einer Dichterin, Priesterin oder eines Herrschers und die kontemplative, gesetzte Daseins form Sappho, Medea, Hero, Alfons und Libussa uber die ge- wohnliche, breite Menge und trennt sie zugleich von dieser; denn die wirksame Ausfuhrung ihrer Berufung fordert von ihnen "Sammlung," eine absolute Konzentration, die ihnen nur in der Einsamkeit und Abgeschlossenheit jenseits der wilden, verwirrenden und "zerstreuenden" Machte der Welt gelingen kann. Als Bilder der Erhohung, der physischen und geistigen Isolierung und Distanzierung aussergewohnlicher Menschen von einer gewohnlichen flachen Welt dienen Grillparzer immer wieder Btrrgen, Tiirme und Inseln als Wohnstatten dieser ubernatiirlichen, hoheren Wesen; mit Hil f e solcher Bilder werden diese hervorragenden Menschen, diese Erwahlten und Geweihten, gewissermassen aus dem ebenen Niveau ihrer Um- gebung herausgehoben. Es spricht hieraus Grillparzers Empfinden des Hoheitsvollen, der Weihe, oft auch des Ge- heimnisvollen i n einem Bauwerk, wie er es auch in seinem Gedicht des "Campo Vaccino" oder in den Aufzeichnungen zum Medeadrama ausspricht: "Seid gegriisst, ihr heil'gen Trum- mer,/ Auch als Trummer mir gegriissti/ . . . Kolosseum, Rie- - 34 - senschatten / Von der Vorwelt Macht-Koloss!/ Liegst du da in Tods-Ermatten,/ Selber noch im Sterben gross / . . . Hauch ihn aus, den letzten Odem,/ Riesige Vergangenheit!/ Flach oo dahin, auf flachem Boden / Geht die neue flache Z e i t i " Und bei der Niederschrift der "Argonauten" habe "die turmar- tige Wendeltreppe in dem Hofe eines uralten Nachbarhauses" seiner Phantasie zur Stiitze gedient, erlautert der Dichter selbst. So wahlt er als einsame, weltferne Wohnstatte Medeas, der jungen, um ihre Wesenswahrheit und Unschuld ringenden Konigstochter und geheimnisvollen, "wahr"-sagenden Priesterin einen hohen, alten Turm; sie hatte sich dorthin zu dieser pq "heiligen Statte" 7 in die Einsamkeit und Abgeschlossenheit zurtickgezogen, um dem in einer furchtbaren Vision geschauten Pluch zu entgehen, den der sterbende Gastfreund iiber seinen Morder und Vliessrauber, Medeas Vater und dessen Geschlecht ausgestossen hatte. Als nun ihr Vater mit Absyrtus, seinem Sohn, sie aufsucht, um Rat und Hi l f e gegen die eindringenden, fremden Rauber zu erbitten, sieht Absyrtus zum Turm der dort 30 "gespenstisch" umherwandelnden und sinnenden Schwester hinauf: "Wir sind an Ort und St e l l e , Vater!/ . . . Hoch oben am Turme flackert ein Licht./ Dort s i t z t sie wohl und sinnt und d i c h t e t . " 5 1 Auch die junge, gerade zur Priesterin geweihte, "auser- Campo vaccino, 1/10, S. 31 f. Vergl.: "Mein Gedicht i s t eine Klage uber den Untergang der herrlichen klassischen Zeit. Die Ruinen sind darin personifiziert. . . . Ich l i e h ihnen mein Organ, sie mir ihre Gesinnung." g9Argonauten, 1/2, S. 64, V. 414. ^ QEbda, 1/27 S. 43, V. 10. 3lEbda, 1/2, S. 43, V. 5; S. 46, V. 58 f. - 35 - korene" Hero wird nun in einem hohen, einsamen, hier auch 32 meeresumspulten Turme ihre " s t i l l e Wohnung" finden; a l l e i n ihre Rituen und ihr Turmeslicht wird sie furderhin mit den gewb'hnlichen Erdenbewohnern, mit dem gemeinen Volk vereinen: Und wie der Turm, In dessen Innern sich dein Wohnsitz wolbt, Am Ufer steht des Meers, getrennt, a l l e i n , . . . Indes sein Haupt die Wolken Nachbar nennt, Weitschauend iiber Meer und Luft und Land - So wirst du fiirder stehn, getrennt, vereint, Den Menschen wie den Himmlischen verbiindet, Dein selber Herr und somit auch der andern, Ein doppellebend, auserkornes Wesen, Und glucklich sein. 33 Als wahres, uneigenwillig-demiitiges und s t i l l - 1 1 gesammeltes" Geschopf wird sie dann in kontemplativer Einsamkeit und gliicklichem Einssein mit sich und der wahren, s t i l l e n Natur, deren hohen Weisheiten und Wahrheiten "empfinden" und erah- nen: "Und wer's verstiinde, s t i l l zu sein wie sie (die Naturgeschopfe),/ Gelehrig fromm, den eignen Willen mei- sternd,/ Ein aufgespanntes, demutvolles Ohr,/ Ihm wiirde leicht ein Wort der Wahrheit kund,/ Die durch die Welten 34 geht aus Gottes Mund." Und Rudolf II., der diese Einigkeit des wahren Menschen mit dem grossen A l l ersehnt und daher auch nach der S t i l l e und Absonderung des sich iiber alles irdisch-niedrige, egoistische Streben erhebendm, hohen Turmes verlangt, spricht hier: "Macht mich zum Wachter auf dem Turm bei Nacht,/ Dass ich erwarte meine hellen Sterne,/ Belausche das verstand'ge Augenwinken,/ Mit dem sie stehn um ihres Meisters Thron."^ ffpes Meeres und der Liebe Wellen, 1/4, S. 131, V. 893. ^•TEbda, 1/4, S. 131, V. 894 f f . <^Bruderzwist, 1/6, S. 186, V. 413 f f . ^Ebda, l/6~~S. 187, V. 430 f f . - 36 - Es i s t Schicksal und Aufgabe dieser "auserkornen Wesen," dass sie die ubrigen, weniger begabten und dem kleinen Lebenseinerlei zugewandten Menschen fiihren und mit ihren 36 empfundenen Wahrheiten "erleuchten"; in Medeas Turmes-Lichir und Heros Lampe versinnbildlicht der Dichter "das Licht, das 37 uns die Gotter gaben, dass es uns l e i t e " und dass es dem Volke leuchte und es erleuchte: "doch sieht's das Volk 38 und deutet's," meint der Priester iiber Heros Licht, das von der Turmesspitze der Seherin herableuchtet, von den Menschen unten gedeutet wird und ihnen Leitstern sein und innere Ruhe geben s o i l . An anderer Stelle erlautert G r i l l - parzer diese Aufgabe der Auserkorenen noch, indem er nun auch die Dichter einschliesst: "darum sind von jeher Dichter gewesen und Helden, Sanger und Gotterleuchtete, dass an ihnen die armen, zerriitteten Menschen sich aufrichten, ihres 39 Ursprungs gedenken und ihres Z i e l s , " wobei i h r " Z i e l " hier die Wiedererlangung und -vereinigung mit ihrem paradiesischen "Ursprung" der Wahrheit und Unschuld i s t ; dieses spricht 40 Grillparzer, der sich als einen "Dichter der letzten Dinge," 36 ^ Vergl.: die Worte desfrevelhaften Aietes, der das Licht der reinen Wahrheit nicht zu ertragen vermag; er befiehlt Medea, die, von ihm gerufen, von ihrem Turm herabsteigt: " T r i t t naher! - Doch erst / losch deine Fackel, sie blendet mir das Aug]" (2, S. 49, V. 84 f . ) ; vergl. dazu: Schlussworte Bischof Gregors: "dass ihre (siindige Menschen) Augen nicht am Strahl erblinden." (1/5, S. 270, V. 1820 f f . ) Vergl.: Libussa, 1/6, S. 150, V. 2429 f f . Das Symbol fiir die schwin- dende Sehergabe, die Wahrsagekraft (das innere Licht), i s t die erloschende Plamme. l&Des Meeres und der Liebe Wellen, 1/4, S. 145, V. 1188 f. ggEbda, I/4~~S. 164, V. 1433. ^1714, S. 50. ^"UI/12, 1, S. 241; 11/11, S. 327. - 37 - 41 als einen "wahr"-sagenden Seher im Reiche der Dauer, der Ewigkeit beheimatet weiss und so jenseits der irdischen Ver- ganglichkeit des Augenblicks, iiber der Zeit steht: "ich komme aus anderen Zeiten / Und hoffe i n andre zu gehn." Auch die hone Libussa gehort urspriinglich zu diesen auserkorenen, "zeitlosen" Wesen; als eine der drei Tochter des sagenhaften Herrschers Bohmens, Krokus, und der "edlen Mutter, die, ein Ratsel,/ wie hohern Ursprungs unter uns ge- 43 44 weilt," ^ einer "gottergleichen Frau," i s t sie ein Wesen "hoherer," iibermenschlicher Art: "Ihr stammet, wissen wir, 45 von hohern Machten," erlautert Domaslaw, einer der drei Wladiken; von ihren Vorfahren ererbte sie deren iibernatur- lichen, seherischen KrSfte, so dass sie als "gar hoch erfahren 46 in geheimer Kunst" g i l t . Verwurzelt in den Tiefen des A l l , verbringt sie und ihre beiden erhabenen Sehwestern ihr wahres Dasein in unnahbarer Abgetrenntheit von dem gewohn- lichen, mittelmassigen Leben und in Beziehungslosigkeit zu ihm; sie f i i l l t es vorerst nicht aus durch herzliche Anteil- nahme und tatigen E i n g r i f f in des niedrigen Lebens Leiden und Ereuden, sondern konzentriert sich zusammen mit den 41 Vergl.: Libussa: "Ich aber rede Wahrheit, Wahrheit, nur verhiillt / In Gleichnis und in selbstgeschaffixes B i l d . " (1/6, S. 150, V. 2444 f.) Grillparzer: "Fur mich gab es nie eine andere Wahrheit als die Dichtkunst. . . . Dagegen hatten die Dinge des wirklichen Lebens, «ja seine Wahrheiten und Ideen fiir mich ein Zufalliges, ein Unzusammenhangendes, Schattenabnliches, das mir nur unter der Hand der Poesie zu einem Notwendigen ward." (II/8, S. 289) 2§I/12/1, S. 307. ^Libussa, 1/6, S. 137, V. 2146 f. 77Ebda, 1/6, S. 139, V. 2211. T^Ebda, 1/6, S. 19, V. 202. ^°Ebda, 1/6, S. 11, V. 87. - 38 - Schwestern in s t i l l e r kontemplativer Sehau auf die erleuch- tende, innere Erkenntnis iibermenschlicher, ewiger Wesens- zusammenhange: "Nachtum uns und Dunkel,/ damit in uns es 47 Licht." Diese offenbaren sich der einen Schwester Tetka, 48 die dem Bereich des reinen Geistes zugekehrt i s t , durch kontemplative Vertiefung in alte, ehrwiirdige, weise Bucher; der anderen Schwester, Kascha, werden sie durch die Versen- kung in die Astrologie und Naturkunde kund: "unter Sternen schweif 1 ich,/ In der Tiefe wait' i c h ; / Was Natur vermag / 49 und kann / i s t mir w i l l i g untertan." ' Ihre innige Verbunden- heit mit dem A l l , ihre aussergewohnlichen Gaben, ihre hohe Abstammung, ihr tJbermenschentum also, s t e l l t die drei Schwe- stern so in einen uberweltlichen Existenzbereich; Grillparzer 50 verbildlicht diesen i n der " s t i l l e n Wohnung"^ der drei, einer wallartig abgeschlossenen, erhohten und mit einem uberragenden Turm versehenen, einsamen Waldburg, der Burg Budesch. Wie die hervorragenden Turme und die abgeschlossenen Burgen, so sind die abgeschnittenen Inseln Sinnbilder der Erhohung, sowie der Begrenztheit und Einsamkeit, der geistigen Sammlung und konzentrierten Betrachtung, abseits von dem lauten 51 Getriebe der Welt. Die auf "den Hohn" der "Dichtung Auen"^ im Reich der "Dichtkunst wolkennahen Gipfeln" wandelnde, "erhab'ne" Sappho hat ihre Wohnstatte auf einer solchen entlegenen Insel; wie Tonio Kroger durch die Glasscheibe, so ^Libussa, 1/6, S. 21, V. 242 f. ^ gVergl.: 1/6, S. 17, V. 173; S. 24, V. 280; auch S. 20, V. 217 f f . ft%Libussa, 1/6, S. 19, V. 207 f f . -'"Ebda, 1/6, S. 32, V. 397; vergl.: Heros " s t i l l e Wohnung," 1/4, S. 131, V. 893. 51Sap_p_ho, 1/1, S. 327, V. 1272. - 39 - wird sie, die hone Dichterin, durch ein weites, tiefes Meer vom ersehnten, "goldnen Land" des Lehens getrennt, das ihr 52 Auge wohl erreicht, doch nie ihr Fuss; denn "wen Gotter sich zum Eigentum erlesen,/ Geselle sich zu Erdenbtirgern nicht;/ Der Menschen und der Uberird 1schen Los,/ Es mischt 53 sich nimmer in demselben Becher."^ Ganz ahnlich i s t die Erfahrung Raimunds, der sich ganz Melusina, dem Bereich der Poesie, hingeben muss: "Wem sich hohre Machte kiinden,/ Muss auf ewig sich verbunden / Oder nahen mog' er nie:/ Halben 54 Dienst verschmahen sie." Bisher gelang es der Dichterin, der "wahren" Sappho, sich ganz der Poesie zu widmen und sich von dem Leben der "Erdenburger" abzusondern; denn immer wieder besann sie sich auf ihre hohe Sendung und folgte w i l l i g , beherrscht mit "erworbener Ruhe, die schone Prucht hoherer 55 Geistesbildung"-^ der ihr auferlegten Berufung als Dichterin, als "Priesterin" hier auf Erden; so entsagte sie denn dem Lebens- und Liebesgluck gewohnlicher Menschen und verzichtete auf irdische Reichtiimer und konigliche Wiirden: "ich hab* 56 gelernt verlieren und entbehrenl" aussert sie anfanglich wiederholt. Ihr Los, das des "malheur d'etre poete"—unter 57 dessen Motto Grillparzer ihre Tragodie s t e l l t e ^ ' — h e i s s t I^Sappho, 1/1, S. 280, V. 394 f f . ??Ebda, 1/1, S. 310, V. 948 f f . p MMilusina, 1/4, S. 63, V. 967 f f . Schlussworte und Pazit des Werkes. 35Grillparzer iiber die eigenen Werke, I I I / l , S. 97, Nr. 104. I^Sappho, T7T, S. 269, V. 113; V. 122. ^ G r i l l p a r z e r : I I I / l , S. 97, Nr. 104: "Ein Charakter, der Sammelplatz gluhender Leidenschaften, iiber die aber eine erworbene Ruhe, die schone Prucht hoherer Geistesbildung, das Zepter fiihrt, bis die angeschmiedeten Sklaven die Ketten brechen und dastehen und Wut schnauben, schien mir fiir meine Absicht ganz geeignet. Dazu gesellte sich, sobald das Wort: Dichterin ausgesprochen war, natiirlich der Kpntrast zwischen Kunst und Leben . . . das malheur d'etre poete." (1818) - 40 - Entbehrung und Bescheidung, Entsagung und Ausschluss von dem Leben um der Kunst willen; sie hatte es soweit akzeptiert, und ein Herniedersteigen von ihrem gottlichen Bereiche der Poesie, dem hohen, zeitlosen Reich der Grosse und des Ruhmes in die menschliche Gemeinschaft gewohnlicher "Lebendiger" i s t ihr nun verwehrt: "Von beiden Welten eine musst du wahlen,/ Hast du gewahlt, dann i s t kein Riicktritt mehr;/ Ein Biss nur in des Ruhmes goldne Prucht,/ . . . Reiht dich auf ewig zu den s t i l l e n Schatten,/ Und den Lebendigen gehorst du nimmer ani/ Mag auch das Leben noch. so l i e b l i c h blinken,/ Mit holden Schmeichellauten zu d i r tonen,/ . . . Halt ein, Unsel 1ger! Sollte diese eindringliche Warnung und nachdriickliche Forde- rung in Bezug auf das "malheur d'etre poete" nicht an ahnliche Worte Thomas Manns erinnern: "Die Entsagung i s t unser Pakt mit der Muse, auf ihr beruht unsere Kraft, unsere Wurde, und das Leben i s t unser verbotener Garten, unsere grosse Versu- chung, der wir zuweilen, aber niemals zu unserem Heil, unter- liegen:*' 5 9 Die durch Tiirme, Burgen und Inseln gegebenen Sinnbilder der Erhohung und Abgeschlossenheit "auserkorner Wesen" von einer gewohnlichen Welt erweitert Grillparzer nun noch durch die erhohten Thronesstufen zu dem Bild der Herrschaft und Autoritat; denn fur ihn sind ausser den Dichtern und Prie- stern auch die Herrscher, Konige und Kaiser, auserkoren und als solche " d o p p e l l e b e n d , d a sie ebenfalls die doppelte ^Sappho, 1/1, S. 310,. V.. 952 f f . ?^Thomas Mann, Konigliche Hoheit. toUDes Meeres und der Liebe Wellen, 1/4, S. 131, V. 894. - 41 - Aufgabe, Diener Gottes und Heifer der Menschen zu sein, er- ful l e n mussen; in Grillparzers Auffassung i s t namlich der Herrscher als Stellvertreter Gottes ein Mittler zwischen ihm und dieser Welt, von ihm erwahlt und eingesetzt zur ordnungsmassigen Verwaltung des von ihm Geschaffenen, zur Errichtung und Wahrung einer menschlichen Ordnung als Staat; 61 als geweihter Trager dieser "civitas dei" i s t es sein Amt, dass die durch sie etablierte Ordnung ein "Abbild" der gott- lichen s e i : "Allmacht'ger Gott, der du mich eingesetzt,/ zu wahren deiner Ehre und der meinen,/ die Doppellast, sie spottet meiner Kraft,/ und nicht vermag ich furder, sie zu tragen./ Doch, was mein eignes Amt, dass diese Welt / ein Spiegel s e i , ein Abbild deiner Ordnung,/ dass Fried und Eintracht wohnen bruderlich,/ . . . das w i l l ich iiben, stehst du, Gott, mir bei." Indem der erkorene Herrscher diese hohe Aufgabe e r f u l l t , dient er Gott sowie den streitenden Menschen, deren innerster Wunsch und Bedurfnis eine Ordnung von Wahrheit und Gesetz i s t und ein durch sie gewahrter "Fried 1 und Eintracht" i n sich wie untereinander: "Die Welt, sie fiihlt die Ordnung als Bedurfnis,/ und braucht nur ihr ent- setzlich Gegenteil / i n voller Blosse nackt vor sich zu sehn,/ 64 um schaudernd riickzukehren i n die Bahn*" Hier scheint eine Art Religiositat Grillparzers durchzuschimmern: An anderer 61 Vergl.: Rudolf I.: Als mir . . . der Herr der Welten auf mein niedrig Haupt / m i t eins gesetzt die Krone seines Reichs . . . . (Ottokar, 1/3, S. 108, V. 1792 f.) g|Bruderzwist, 1/6, S. 257, V. 1458 f f . A ? s . Anm. Nr. 61. °^Bruderzwist, 1/6, S. 295, V. 2162 f f . - 42 - Stelle bekennt er, "und doch: der Mensch i s t gut," und dieses "Gute" im Menschen erblickt er darin, dass dieser vor dem Zwiespalt und Chaos seiner eigenwilligen, egoistischen, individuellen Ausdehnung schliesslich zuriickschaudert und nun i n ihm das sehnsuchtsvolle Bediirfnis einer Riickkehr in seine paradiesisch-kindliche Existenz der Ordnung und Wahr- heit erwacht. Dieses Gute, "die Stimmen seiner Brust, die 66 an des Daseins Wiege ihm erklungen" und ihm "wie ein Wie- derhall aus ferner Jugend"^ ertonen, wird den zerrissenen Menschen an seinen gottlich-paradiesischen Ursprung, an Gliick und Frieden seiner Jugend erinnern; sein Bediirfnis i s t es, die einstige, nun verlorene innere Ruhe wiederzufinden durch die demiitige Wiedereinordnung in das gottliche Reich ewiger Ordnungen, in die "Bahn," sei es auch durch den er- losenden Tod. Grillparzers Religiositat griindet sich somit auf "die Ordnungskraft des humanen Geistes, dieses letzten 6ft Nachklangs des Geistes Gottes in der Welt." (Otto Mann) Den Forderer dieser gottlichen Ordnungskraft im Menschen, ^Lihussa, 1/6, S. 152, V. 2457 f . / auch in: Jugend- erinnerungen im Griinen, 1/10, S. 147, V. 38; auch in: Tg. Nr. 4098. 66, 67y e rgl.: Ahnfrau, 1/1, S. 44, V. 872 f f . : "Und der Mensch hat seine Grenzen,/ Grenzen, iiber die hinaus / Sich sein Mut im Staube windet,/ . . . Und sein Innres zagend spricht:/ Bis hierher und weiter n i c h t i " °°0tto Mann: Geschichte des deutschen Dramas, S. 551. - 43 - den gotterwahlten, nicht eigenwilligen Trager der heiligen Krone, die ihn verpflichtet, die Ordnung durch das gesetz- gebende Recht zu wahren und so den masslosen Bestrebungen der sehrankenlosen, wandelbaren Individuen eine feste Be- grenzung zu setzen, erhebt Grillparzer uber die gewohnlichen, eigensiichtigen Menschen; sinnbildlicher Ausdruck hierfiir sind die erhohten Thronesstufen, auf deren Hohen sich der Herr- scher a l l e i n , abgesondert und gesammelt seiner grossen Be- rufung widmet. "Da nahm mich Gott mit seiner starken Hand / Und setzte mich auf jene Thronesstufen,/ Die aufgerichtet 70 stehn ob einer Welt!"' meint Rudolf I. und Alfons bittet: "Du hoher Si t z , die andern uberragend,/ Gib dass wir nied- riger nicht sei'n als du,/ . . . Dass Mass einhalten des, 71 was gross und gut."' Und an anderer Stelle erzahlt er wie "sie mich auf des Turmes Erker" fuhrten "und zeigten mich dem Volk und schrien hinab:/ Hier mitten unter euch, hier euer Konig, / der Erbe alter Eiirsten, ihres Rechts / Und 72 euer Rechte w i l l i g e r Beschirmer."' "Vergl.: "Was sterblich war, ich hab' es ausgezogen / Und bin der Kaiser nur, der niemals s t i r b t . " (Rudolf I.) Das "Sterbliche" i s t das, wodurch der Mensch sein ewiges Leben verlor und zum Tode verbannt wurde: sein Eigenwille. Durch ihn lehnte er sich gegen seines Schopfers Gebot auf und uber- schritt es. Es i s t ein selbstsuchtiges Glticksstreben des im eigenen Vorteil handelnden Individuums; Rudolf I. nennt es den "eitlen Drang der Ehre"; dieses Sterbliche, das I r - disch-Unvollkommene muss er ablegen, um wieder eins mit Gott und dessen Schopfungsordnung zu werden, und um so die irdische Ordnung, die er ja wahren s o l i , der gottlichen ahnlich zu machen. (S. 108, V. 1789) Vergl.: Rudolf II.: "Mein Haus wird bleiben, immerdar . . . weil es einig mit dem Geist des A l l , / . . . den Gang nachahmt der ewigen Natur."(1/6, S. 246, ^ uKonig Ottokars Gluck.und Ende, S. 114, V. 1904. 7lDie Jiidin von Toledo, 1/7, S. 76, V. 1340. 7 2Ejbda, 1/7, S. 10, V. 1 2 3 ff- - 44 - Soweit diese erh.oh.ten, "auserkornen Wesen" auf ihren Hohen w i l l i g wandeln, ihre gottgewollte Bestimmung leben und ihre hohe Berufung, sei es nun als Herrscher, Dichterin oder Priesterin, erfiillen, sind sie "wahr," sind treu vor sich und treu vor Gott. Doch nur zu bald wird sich auch an ihnen die Schicksalhaftigkeit eines jeden Menschen, die unaus- weichliche Wesenswandlung und Selbstentfremdung erfullen. Es erwacht in ihnen eben derselbe dunkle Wunsch und das schrankenlose Bestreben ihrer Ahnen, anders sein zu wollen, ihr altes Wesen und ihr Geschick zu "verbessern"; und da sie den verlockenden und aufreizenden hollischen Schmeichel- worten lauschen, beginnt ihr Pakt mit dem Teufel, der sie ihm ausliefert: "Dies ungezahmte, schrankenlose Streben / hat ihn dem Teufel in die Hand gegeben / dem Teufel, der in jeden Busen dringt,/ dem nach der Besten P a l l am meisten l i i s t e t , / des Stimme gar so sanft und l i e b l i c h klingt,/ wenn er der Holle Schmeichelworte f l i i s t e r t : / auf Starker, aufI Was s o i l dir alter Brauch / . . . fiir deinesgleichen gibt's 73 keine Gesetze!" Die Einlassung mit dem durch Selbsttau- schung verlockenden Versucher, der "auf Starker" f l u s t e r t , der Aufbruch des gesetzlosen triebhaften Strebens setzt somit den Beginn der Siindhaftigkeit und des Abfalles des Menschen von Gott; denn es bedeutet die vermessen hochmutige Auflehnung gegen sein Gebot und das frevelhafte Begehren, es niederzu- 74 reissen und zu iiberschreiten; demiitiges, vertrauendes Gehorchen' Z?Gedicht: Per Schiffer und sein Sohn, 1815, II / 5 , V. 133 f f . Vergl.: Libussa: "Vertrauen gehorcht, der Eigenwille denkt." (1/6, S. 153, V. 2509) - 45 - und ehrfurchtsvolle Liebe miissen jetzt Eigenmacht und Eigen- liebe des gesetzlos strebenden Individuums weichen. Der "Siindenfall," der Abfall des Menschen von Gott, das heisst ja das der Siinde Verfalien, beginnt im eigentlichen Sinne daher schon hier, mit dem Erwachen des triebhaften Wollens, nicht erst mit der frevelhaften Tat; und sobald dieser Sundenfall beginnt, setzt auch. schon die Strafe Gottes dafur ein: die Ausweisung des Sundigen aus Eden. Rein ausserlich verbildlicht der Dichter diese Ausweisung des begehrenden Menschen aus Eden i n die Welt oft durch dessen Verlassen der vertrauten Heimat; das heisst, er wendet sich von dem Daseinsbereich ab, in den er am Anfang seiner Existenz hineingestellt wurde und in dem sein Wesen wurzelt; 75 wir ermnern uns daran, dass Libussa auf der Suche'-^ nach Heilung fur den kranken Vater das heimatliche Waldschloss ihrer Schwestern v e r l i e s s ^ und dass Phryxus, wie spater auch Medea Kolchis oder Jason Griechenland, das Land seiner Vater aufgibt: "Da ging ich aus der Vater Haus und floh in fremdem 77 Land zu suchen heimisch Gluck."'' Das Begehren, das die ersten Menschen, wie deren Enkel, aus dem ihnen bestimmten paradiesischen Existenzbereich heraustreibt, i s t also ein Streben nach "Gluck," das heisst, eine Suche nach einem Etwas, das sie in der Heimat entbehren und i n der Ferae zu finden glauben; etwas, das ihnen ursprunglich nicht ge~ 'J"Suche" kann als Bild des aus einem Gefuhl innerer Unzufriedenheit geborenen Strebens nach Befriedigung der Wiin- sche und Sehnsucht nach Fernem gesehen werden. Verg..: Libussa: "Ich suchte (die Blume), und er (Vater) starb." 1176, S. 27, V. $19) 7°Text: Wlasta iiber Libussa: du "bist ausgetreten aus dem Kreis der Deinen." 1/6, S. 143, V. 2270; vergl. V. 228 und V. 382. 7 7Pas goldene Vliess. 1/2, S. 23, V. 280 f. - 46 - geben worden, ihnen versagt und somit "verhoten" ward. In diesem Glucksstreben erkennen wir schon des Menschen "unge- 78 zahmten Trieb . . . nur hoch zu stehen" ; es i s t dasselbe Uber-Sich-Hinauswachsenwollen, dasselbe Verbesserungsverlangen, das schon die ersten Menschen in ihrer Vermessenheit auf- wiesen und das nun seitdem ein jeder ihrer Enkel als Erb- siinde i n sich tragt und friiher oder spater aus ihm hervor- bricht. Versinnbildlicht i s t dieses triebhafte "Gliicksverlangen," wie schon erwahnt wurde, in dem eigenwilligen Begehr und unrechtmassigen Erwerb der "verbotenen Prucht," des paradie- sischen Apfels; es bedeutet den Abfall vom Ich und zugleich den Abfall von Gott, dessen Schopfer. Entsprang der Abfall des Menschen von Gott aber der erwachten Eigenliebe—durch Verfolgung des eigenen Begehrs—und begriindete dieser Abfall die Unwahrheit in ihm, so 1st der Ursprung der Tauschung und Luge eben diese Selbstliebe; daher fahrt Rudolf II. in seinem schon angefiihrten Glaubensbekenntnis fort mit dem Hinweis, dass nur derjenige die Unwahrheit iiberwinden und der Wahr- heit naherkommen konne, der den unermudlich hochstrebenden Eigenwillen meistere, den ihm als "stolzer Enkel" anhaften- den hochmutigen Stolz ablege und die gottvertrauende, s t i l l e Demut annehme: "Und wer's versttinde, s t i l l zu sein wie sie (Naturgeschopfe),/ gelehrig fromm, den eignen Willen mei- sternd,/ ein aufgespanntes, demutsvolles Ohr,/ ihm wurde leich t ein Wort der Wahrheit kund,/ die durch die Welten geht / QBlanka von Kastilien, I I / 2 , S. 193, V. 3967 f f . (Motto dieser Arbeit.) - 47 - 79 aus Gottes Mund."'^ 1st die Wahrheit somit mit Demut ver- bunden, so geht die Un-Wahrheit aus dem stolzen, selbstvertrau- enden Eigenwillen hervor; l i e g t i n diesem der Ursprung der 80 Luge und i s t "ein Lugner jedes Lasters fahig," dann i s t die Wurzel alien Lasters und Ubels i n der Welt diese eigen- willige Selbstliebe; "dann denkst du zuletzt den Gott nur noch in di r , der eigene Nutzen wird d i r zum Altar und Eigen- 81 liebe deines Wesens Ausdruck." Eine ahnliche harte Anklage des menschlichen Egoismusses wie Libussa hier, fiihrt wiederum Rudolf II.; dreimal wiederholt er das Wort "eigen": "Nein, Eigendiinkel war es, Eigensucht,/ die nichts erkennt was nicht 82 ihr eignes Werk." Heilung dafiir verspricht er sich i n seinem Friedensritterorden durch die von der "willenlosen," daher wahren Natur angeregten Absage an das egoistische Selbst: "Nicht ich, nur Gott!" ^ Dieses i s t des Ordens Wahlspruch; sein Zeichen tragt man nicht aussen prahlerisch zur Schau, 84 sondern "innen, wo der Herzschlag es erwarmt"; seine Glie- der sind die "Besten a l l e r Lander," "Manner, die nicht dienst-^ bar ihrem Selbst." Immer wieder finden wir in Grillparzers Werk die scharfe Anklage und bedingungslose Verurteilung des nur sich selbst denkenden Individuums und dessen Haltung, die der Dichter Z^Bruderzwist, 1/6, S. 186, V. 413 f f . o p i e Schreibfeder, II/3, S. 203. 3JLibussa, 1/6, S. 148, V. 2372 f f . 83 °TEbda, 1/6, S. 244, V. 1217 f. o^Bruderzwist, 1/6, S. 183, V. 336 f f . o3 i — - ? ,Ebda, 1/6, S. 244, V. 1221 R3bdSbda, 1/6, S. 243, V. 1208 f. - 48 - "Selbstheit," 8 6 "bose Selbstsucht," 8 7 e i t l e n 8 8 "Eigennutz" oder auch im Gegensatz zur demutigen "Ehrfurcht, " 8 <^ stolze 90 "Ehrsucht"' nennt. Als das die Wesensunwahrheit begriindende, riicksichtslose Ausleben des Selbst, das nur seinem eigenen phantastischen Lebenswunsch von Ruhm oder Liebe verantwor- tungslos nachjagt, t r i t t es uns so haufig i n seinen dramati- schen Gestalten entgegen: so verwirft er in Jaromirs grenzen- loser "Rauberwut" diesen zerstorerischen Lebensdrang des Menschen, der vor nichts zuruckschreckt, ginge es auch um den frevelhaften Besitz der eigenen Schwester; scharf i s t auch des Dichters U r t e i l iiber Jason, wenn er Medea, die ver- letzte, richtende Frau, sprechen lasst: "Nur er i s t da, er in der weiten Welt / Und alles andre nichts als Stoff zu Taten./ Voll Selbstheit, nicht des Nutzens, doch des Sinns,/ Spielt er mit seinem und der andern Gliick./ Lockts ihn nach Ruhm, so schlagt er Einen tot,/ W i l l er ein Weib, so holt er Eine sich-,/ Was auch dariiber bricht, was kiimmerts i h n l " ^ Shnlich wird auch Leander von Hero wegen seines unaufhalt- samen Liebesbegehrs als gegen sie riicksichtslos und selbstisch getadelt: "Entsetzl'icherI Verruchterl/ Was kamst du her? nichts denkend, als dich selbst,/ Und storst den Prieden meiner s t i l l e n Tage,/ Vergiftest mir den Einklag dieser Brust."^ 2 Es scheint wie ein Widerspruch, dass sich der 8^Das goldene Vliess, 1/2, S. 205, V. 632. g^Bruderzwist, 1/6~S. 303, V. 2309. a QEbda, I/6T S. 303, V. 2313; S. 219, V. 891 ("weltlich e i t l e Ehre") 89, 90Ebda, 1/6, S. 265, V. 1648 f.; vergl. "Eigensucht," V. 336; "Eigennutz," V. 1 7 1 5 , 2134, 2 5 3 5 ; Libussa, V. 1982. 91Das soldene Vliess, 1/2, S. 204, V. 630 f f . 92pes Meeres und der Liebe Wellen, 1/4, S. 45, V. 1 1 7 0 . - 49 - selbstisch Handelnde seiner Eigensucht oft gar nicht bewusst i s t ; er folgt vielmehr geradezu ungebrochen seinem inneren Drang, seinem begehrenden Lebenstrieb; so antwortet denn Leander verstandnislos: "Was i s t ? Was s c h i l t s t du mich?""^ Auch Jason, der in seinem selbstsiichtigen Grossenwahn die Geliebte opfert, da er ihr kalt entgegen r u f t , "lass mich, 94 Weib! Mir schallt ein hohrer Ruf!" spricht nun, "vom Unheilsmeer" seiner zerstorerischen Taten umbrandet: "Und an dem Z i e l der Bahn stent man ein Andrer,/ Als der man war, da man den Lauf begann" . . . ich habe " v i e l gewollt, gemocht gewlinscht, getrachtet / . . . und nicht bedacht, dass Ubel sich erzeuge. Und jetzt steh' ich vom Unheilsmeer umbrandet / 95 Und kann nicht sagen: ich hab's nicht getan." ^ Der Ver- antwortung seines gewissenlosen eigensinnigen (iblen Handelns, das aus seiner Wesenswandlung hervorging, kann er sich nicht entZiehen, obwohl es .seinem inneren Drange, einem Wollen- Miissen, das ihm Wahl und Willensfreiheit raubte, entsprang; es i s t die Tragik des unschuldig Schuldig-Gewordenen." Grillparzer, der Schopf er dieser unbedacht selbstsiichtig triebhaft Handelnden i s t sich hingegen seiner "Selbstheit" wohl bewusst und verurteilt sie eben in seinen dramatischen Gestalten; " v o l l Selbstheit des Sinns" schildert er Jason, als "Ideenegoisten"^ 6 oder "Geistes- und Gemutsegoisten"^7 9ft beschreibt er sich selbst, der seinem "wilden Damon Phantasie"" 93 94- 95̂ 96; 97 98 Des Meeres und der Liebe Wellen, 1/4, S. 145, V. 1178. Das goldene Vliess, 1/2, S. 141, V. 1534. Ebda, 1/2, S. 211, V. 761 f f . Tg. II/8,. S. 48. Tg. IT/8, S. 297. Gedicht: Per Bann, 1/10, S. 19, V. 36. - 50 - a l l z u oft nachgab und seinem Gliickswunsch als Hoch-Strebender oder Liebender auf Kosten anderer e r f i i l l t e : "HimmelJ kann man dahin kommen, die Menschen nur als Figuren einer Komodie zu betrachten. . . . Soil ich es hochste Selbstheit nennen, wenn nicht noch schlimmer, oder i s t es bloss die Folge eines unbegrenzten Strebens nach Kunst, . . . was mir alle anderen Dinge aus dem Auge riickt. . . . Ich kann mir einen Dichter denken, der ein Liebesverhaltnis ankniipft, um die Ausbeute zu brauchen, fiir sein nachstes Trauerspiel, der psychologi- sche Experimente macht mit den Zuckungen eines durch ihn zer- 99 fleischten Herzens." Bekennt Grillparzer hier, dass die Menschen, das Leben ihm oft nur "Sto.ff" zu dichterischem S c h a f f e n 1 0 0 gewesen sei, so erinnern wir uns an die eben erwahnte Charakteristik Jasons, dem "alles andre nichts als Stoff zu Taten" war, und dann an den ebenso selbstsiichtigen Ottokar: "Ottokar, der Ubermut, der Wahnsinn des Gliicks, der nur sich sieht und in der ganzen Welt das Werkzeug. " 1 0 1 Um seinen Grossenwunsch zu erfiillen und die deutsche Kaiserkrone zu erlangen, iiberschritt er riicksichtslos seine Herrscher- befugnisse und zugleich die Grenzen seines Ichs, denn zum Kaiser fehlten ihm die natiirlichen Fahigkeiten. Jedoch eigen- sinnige Selbstiiberhebung, "Hochmut, kommt zu F a l l , ich sagt 1 es o f t ! " 1 0 2 JST-g. -II/8, S. 289; III/l.,.- S... 255; Tg. 1/8/9, S. 211. Vergl.: "Drum auf ins Leben.,. mutbewehrt J/ Gestrebt, geliebt, gehasst!/ Ist dir der Stoff erst, der sie (Begei- sterung; nahrt,/ f a l l t Glut vom Himmel auf den Herd,/ Und lodert ohne East." ("Bose Stunde," 1/10, S. 123 f f . ) }Qj;Grillparzer: G. Kl. B., V., S. 19 f . l u^Konig Ottokars Gliick und Ende, 1/3, S. 123, V. 2050. - 51 - Sieh hin, da s i t a t der Stolze, Ubermacht'ge,/ Dem sonst die Welt zu klein fur seine Grosse; . . . Was andre bindet, das war ihm ein Spi e l , / . . . Was kummert's ihn! er w i l l ein Weib und Erben, Mag brechen, was da bricht; und damit gut! . . . Und reden konnt 1 er, gross und f i i r s t l i c h reden! Von seinen eignen Taten sprach er laut,; Was nicht gewesen noch und niemals wurde, In seinem Munde w a r ' s ! Doch als des Streites ernste Stunde kam, D a iehlte Herz fur so v i e l riist'ge Irme; . . . Fiirwahr, er h a t geherrscht! • , Q , Wie eine Seifenblase i s t ' s zerronnen.' ^ Die Individuation, das heisst ja, die Verselbstung des In- dividuums, durch die sich der Mensch ursprunglich aus seiner naiven Wesenseinheit mit dem Alleben herausgelost hatte und seitdem zum wiederholten Abfall von dem Kosmos, von Gott und sich selbst durch den eigenwilligen Selbstuberhebungs- trieb verurteilt i s t , beginnt mit dem dunklen Wunsch sich auszuleben; es beginnt sich ein Erleben-Wollen in ihm zu regen, das wir zuvor als eitl e s Verlangen, sich und sein Geschick zu andern, beschrieben. Dieser innige Wunsch nach einem Etwas, was neu und bislang entbehrt wurde und nun als goldenes Gluck in weiter Feme lockt, steigert sich nur zu bald so weit, dass die erregte Einbildung ihn i n einen lebhaften Wunsch- Traum transformiert, in ein Wahnbild der Phantasie also, ein Blendwerk der HbTle, das den verlockten, begehrenden Menschen in sich selbst spaltet: " S t e l l t den Teufel mir entgegen/ . . . doch a l l e i n s o i l er mir kommen,/ Grad, als grader Feind. Er werbe / n i c h t in meiner Phantasie,/ nicht in meinem heissen Him,/ nicht i n meiner eigenen Brust / Helfershelfer wider mich! . . . A l l e i n , er tibe / nicht die feinste Kunst der 105Konig Ottokars Gluck und Ende, 1/3, S. 126, V. 2098, V. 2120; S. 127, V. 2143. - 52 - HbTle,/ Schlau und tiickevoll, und st e l l e / nicht mich selber 104 gegen mich!" Jaromirs Wahnbild der Geliebten, das ihm zum Verhangnis wurde, Phryxus, Libussas oder Rustans Wunsch- Traum seien hier erwahnt. So spielt denn der Traum als verlockendes Spiel der beweglichen, aufgereizten Phantasie, der verborgenen Krafte des Unbewussten, i n Grillparzers Menschenbild eine bedeutungs- volle Rolle. Er i s t fur den Dichter nicht nur dramatischer Kunstgriff, soweit er dem Zuschauer die Vorgange im Innern des Menschen aufdecken s o i l ; er i s t auch ein wirksames Mittel, die Person selber auf ihre innersten, verborgensten Regungen und Wiinsche aufmerksam zu machen und ihr diese zu offenbaren; denn "die Traume,/ sie erschaffen nicht die Wiinsche,/ die vor- 105 handnen wecken sie" ; oder wie Grillparzer selbst einmal sagt: "Der Traum wusste, was mir selbst unbekannt war;""^6 ahnliche Worte l a l l t der zu traumen beginnende Rustan: "Und was lang als Wunsch geschlummert,/ t r i t t nun 'wachend' vor mich hin./ Seid gegriisst, ihr holden Bilder,/ Seid mit Jubel .. . .-107 mir gegrusst. ' Dieselbe Umgestaltung des sehnsuchtsvollen Wunsches in ein verheissungsvolles Traumgesicht finden wir im "Vliess.." Der Grieche Phryxus, von der zweiten Gattin des Vaters und von ^cAhnfrau, 1/1, S. 42, V. 824 f f . x u p D e r Traum, ein Leben, 1/5, S. 138, V. 2697. Vergl.: "Was die Brust im Wachen enget,/ Aber treu verschliesst der Mund,/ Hat der Schlaf das Band gesprenget,/ tut es sich in Traumen kund." (Melusina, 1/4, S. 16, V. 246) Vergl. auch: "Es gibt gar lebend'ge Traume! .... .0, ich hab' es oft er- fahren,/ wie die Sinne, aufgeregt,/ stumpfe Diener unsrer Seele,/ Gern fur wahr und wirklich halten / die verworrenen Gestalten,/ Die der Geist in sich bewegt." (Ahnfrau, 1/1, S. 25, V. 422 f f . ) 1 0 6 T g . II/8, S. 368. 1 Q7per Traum, ein Leben, 1/5, S. 31, V. 616. - 53 - diesem selbst genetzt und verfolgt, i r r t unglucklich umher, um nun "in fremdem Land zu suchen heimisch G l i i c k " 1 0 8 : "Um- irrend kam ich in die Delpherstadt / Und trat , beim Gotte Rat und Hilfe suchend / In Phobos' reiches, weitberiihmtes Haus / . . . Da fand ich mich im Traum im selben Tempel / In dem ich schlief, doch wachend und a l l e i n / Und betend zu dem Gott um Rat." Da erscheint ihm im Traum der Gott Peronto, der Gott des Donners 1 0^, der der plb'tzlich heftig hervorbre- chenden elementaren Naturgewalten, die der beherrschte Grieche als irrationale Krafte in ihm hier e r s t m a l i g 1 1 0 erfahrt: "Urplotzlich / Umflammt mich heller Glanz und einen Mann / in nackter Kraft, die Keule i n der Rechten,/ mit langem Bart und Haar, ein Widderfell / Um seine macht'gen Schultern, stand vor mir / und lachelte mit milder Huld mich an./ 'Nimm Sieg und Rache hinJ* sprach er, und loste / das reiche Vliess von seinen Schultern ab / Und reichte mir's; da, schiitternd, 111 wacht' ich auf." Es i s t des Griechen heisses Verlangen nach Rettung vor des Vaters Hascher und nach einem ruhigen Zufluchtsort, fern der Heimat; einem Ort, i n dem er sich gliicklich betatigen kann; dieses ruft in ihm den Wunschtraum hervor, in dem der Gott ihm das Vliess anzubieten und Heil und Gliick zu verheissen schien; denn auch "Rache" bedeutet ihm etwas Positives, da er glaubt, diese zu vollziehen, nicht aber zu erleiden. vPibas goldene Vliess, 1/2, S. 23, V. 280. ^ E b d a V 1/2, S. 28, V. 575. i i UEMa, vergl. "unbekannte Macht," S. 32, V. 442/ (S. 91, V. 831); "dunkler Gott," S. 63, V. 378. lllEbda"; 172, S. 23, V. 282 f f . - 54 - Der heisse Wunsch gebar das Phantasiebild, den lebendigen Traum und er bestimmt auch dessen Deutung; hat namlich das begehrende Verlangen die Oberhand in eines Menschen Wesen erlangt, so wird die klare Objektivitat einer verstandes- massig gelenkten Entscheidung verdrangt und zerstort. Schon verfiihrt, erwacht Phryxus und r e a l i s i e r t durch den fr e v e l - haft en Raub die eigenmachtige triebhafte Deutung des truge- rischen Wunschtraumes: "Ich aber deutete des Gottes Rat;/ Und nehmend, was er ratselhaft mir bot,/ Lost' ich, ich war a l l e i n , den goldnen Schmuck / Vom Hals des Bildes, und in E i l e f o r t . " 1 1 Shnlich vollzieht sich i n der hohen Libussa die S t e i - gerung ihres unruhigen Verlangens in einen verfuhrerischen Traum. Libussa, die lebhafter als ihre Schwestern, daher konzentrationsunfahiger i s t , w i l l sich nicht, wie ihre Schwe- stern, nur in Studien vertiefen, sondern neigt mehr zu auf- opferndem, nach aussen gerichtetem Wirken, weniger jedoch zu abschliessender, nach innen gekehrter Kontemplation: "Kascha und Tetka ganz in ihr Wissen v e r t i e f t und ohne Lust, etwas davon ins Leben treten zu lassen. Libussa weniger abstrus, 113 lebhafter und zum Wirken geneigt." J Fur ihren Hang zum Wirken sucht sie ein Z i e l , das sie in dem ihr ahnlichen Vater, aufopfernder Herrscher der Bohmen, findet; dieser i s t schwer erkrankt und Libussa kann nun ihr inniges Verlangen, hinge- -^Das goldene Vliess, 1/2, S. 24, V. 312 f f . Phryxus erwirbt hier das 'gewunschte, mit Begierde gesuchte' Vliess mit 'Unrecht'; wenn er glaubte, rechtmassig und ehrlich zu handeln, wiirde er weder auf den Moment gewartet haben, in dem er sich " a l l e i n " fand,. noch- "in E i l e " fortgelaufen sein. i ; L 5 l / 2 0 , S. 371 f. Vergl.: Libussa, 1/6, S. 3 3 , V. 416 f f . - 55 - bungsvoll zu wirken, in der sorgsamen Pflege des Vaters s t i l l e n . Der heisse Wunsch, ihm zu helfen, ruft i n ihrer angsterregten Phantasie den Traum einer wundersam heilenden Blume hervor; "In a l l der Zeit / Als ich an seinem Bette sass und wachte,/ Da schwebte vor den Augen des Gemiits,/ . . . das Bild mir einer Blume, weiss und klein,/ . . . die gib dem Vater, sprachs, und er genest / . . .Da nahm ich Korb und G r i f f e l und ging hin./ Ich suchte und er starb. So lang ich lebe / Will biissen ich die unfreiwill'ge Schuld." 1^" Der Wunsch nach des Vaters Genesung "spricht" i n ihr, es sei diese Blume, die ihn heilen konne; sie daher zu begehren und aufzusuchen, somit ihrem Traum- und Wunschbild nachzugehen, wobei sie dann mit dem einfachen Bauern Primislaus zusammen- t r i f f t , i s t verstandlich; doch der fatale "Schritt aus dem Gewohnten"'1'"1"̂  i s t somit schon getan: indem sie namlich ihrem Drange nach liebender Hingabe und Verlangen nach Warme nachgab, aus dem die rege Wirksamkeit, Hilfsbereitschaft und Sorge um den Vater entsprang, der wiederum den Traum hervor- brachte, hat sie ihrem liebenden Gefiihl auf Kosten des reinen Geistes in sich Raum gegeben, ihm den Vorrang in sich einge- raumt; die beschaulich vergeistigte Lebensform i s t nun in ihr gewichen. Diese Wesenswandlung i n ihr verbildlicht der Dramatiker einerseits durch ihren raumlich-physischen Austritt aus dem "gewohnten" hohen Reich des Geistes, der Konzentration und Kontemplation der erhabenen Schwestern und ihren E i n t r i t t Libussa, 1/6, S. 2 7 , V. 309 f f . 'Ebda, 1/6, S. 32, V. 384. - 56 - in die Welt des "irdisch niedren Tuns" 1 1 6 des einfachen Bauern Primislaus; andererseits veranschaulicht er sie durch den Kleidertausch, da Libussa den ihr gebiihrenden reichen Piirstenrock ablegt und des Bauern einfache, warme "niedre" Tracht der verstorbenen Schwester Primislaus* an- legt und dann selbst meint "Hier bin ich und verwandelt" 1 1 7: Und mag ichs nur gestehn! Denk' ich von heut / mich wieder hier in eurer (der Schwestern) s t i l l e n Wohnung beschaftigt mit—weiss ich doch kaum womit— mit Mitteln zu den Mitteln eines Zwecks, mit Mond und Sternen., Krautern, Lettern, Zahlen, dunkts allermeist einformig mir und kahl. Dies Kleid es reibt die Haut mit dichtern Paden Und weckt die Warme bis zur tiefsten Brust Mit Menschen Mensch sein dunkt von heut mir Lust, des Mitgefiihles Pulse f iihl' ich schlagen, - , - , 0 Drum w i l l ich dieser Metschen Krone tragen. Letztlich verausserlicht Grillparzer ihre innere Wandlung und endgultige Wendung zu den "Menschen" noch dadurch, dass Primislaus den Giirtel Libussas, "der Jungfrau Schmuck und 120 Zier" und das "Zeichen eines hohern Stamms und Ursprungs" ihr beim Scheiden um den Hals legt, nachdem er das Mittel- kleinod daraus heimlich herausgelost und zuriickbehalten hatte: "Des Gurtels reiche Ketten aufgesprengt / und i n zwei Stiicken 121 ein so schones Ganze." Durch die Wesenswandlung i s t also ein "so schones Ganze" in zwei Stucke zerspalten worden, ein eindrucksvolles Bild der Wesensspaltung des von nun an zwischen der Welt des Hohen und der des Niedern hin- und hergezerrten Menschen. 1 1 6 L i b u s s a , 1/6, S. 34, V. 418. ttftELda, 1/6, S. 6, V. 1?. jtqEbda, 1/6, S. 32, V. 396.ff. f^Ebda, 1/6, S. 124, V. 1900. ToiEhda, 1/6, S. 143, V. 2268. -^Ebda, 1/6, S. 8, V. 55- - 57 - Sehr interessant i s t es zu verfolgen und zu analysieren, wie Grillparzer das Schicksalhaft-Zwangsmassige dieses folge- sehweren, unwiderruflichen Schrittes Libussas aus dem "Ge- wohnten" motiviert; jede Unglaubwiirdigkeit vermeidet der Dichter hierbei, so dass sich Schritt fiir Schritt das Ge- schehen natiirlich mit zwangslaufiger Notwendigkeit entwickelt. Er greift hier zu einem gegenstandlichen Kunstmittel zur Ver- korperung dieses seelischen Vorganges; in der "Libussa" ent- scheidet er sich fiir die schon erwahnte Blume: im Traum, als die Offenbarung des Verlangens, Wiinschens und Hoffens er- scheint sie Libussa; da sie ihr in ihrer sorgegesteigerten Einbildung Heilung fiir den geliebten Menschen verspricht, er- scheint sie ihr erstrebenswert und begehrungswurdig, und schliesslich macht sie sich auf, um sie zu suchen und zu erwerben. Eine Wesenssteigerung vom blossen Wiinschen zum Erstreben und endlich zum Erwerben zeichnet sich deutlich ab; der sie hervorrufende Gegenstand i s t die Blume mit ihrer heilsamen Wirkung. Dass Grillparzer mit dem Scharfblick eines Psychologen ein solches gegenstandliches Gleichnis fiir die Wesenssteigerung wirklich im Sinn hatte und darauf ganz bewusst hinzielte, wird durch seine ausfiihrliche Erklarung zum Vliess deutlich, das, wie die Blume, als "Zeichen" zum selben Zweck diente: "Das, worauf es bei dem goldenen Vliess ankommt, i s t wohl dieses: kann das Vliess als ein sinnliches Zeichen des Wiinschenswerten, des mit Begierde Gesuchten, mit Unrecht Erworbenen gelten? Oder vielmehr: i s t es als ein solches entsprechend dargestellt? . .. . Ist aber die Darstellung - 58 - dieses geistigen Mittelpunktes nicht gelungen, . . . so kann 122 das Gedicht als Ganzes f r e i l i c h nicht bestehen." Das Vliess, wie die Blume, i s t also nur "sinnliches Zeichen" fiir ein ersehntes Lebensziel eines Einzelnen, das heisst, fiir alles das, was ihn lockt, betort und schliesslich ver- fiihrt; dort, fiir Libussa, die heilsame Wirkung, hier, fiir Phryxus, die Rettung vor den Verfolgern: fiir "dies Zeichen, das du mir als Pfand der Rettung / in jener unheilvollen 123 Stunde gabst," ^ dankt Phryxus dem Gotte Peronto. Pur 124 Aietes, der dieses "heilige Pfand des Gottes" ebenfalls ersehnt, i s t es die gottliche Huld; er glaubt namlich, der Fremde, Phryxus, als Verehrer seines Gottes und Besitzer von dessen Heiligtum raube ihm Perontos Gunst: "Was i s t das?/ Er beugt sein Knie dem Gotte meiner Vater!/ Will er mir rauben seine Gunst?/ Hor' ihn nicht, Peronto,/ Hore den Fremden 125 nicht1" ' Indem er dem Fremden, dem Tempelrauber, "des 1 2 6 Gottes Banner, Perontos Gut" jedoch wieder abnimmt, wobei er ihn totet, wird ihm selber nun des Gottes Verheissung, "Sieg und Rache," des Gottes Gunst als irdischer Vollstrecker seiner Rache, zuteil werden: "Ein Gottverachter, ein Tempel- rauber! . . . Ich w i l l dir ihn schlachten, Peronto!/ Rache sei d i r , Rache! . . . Mein i s t ' s , mein! Mir sendet's der Gott,/ Und Sieg und Rache gekniipft an dies Pfand,/ den Unsern 127 werd' es zu t e i l . " ' Fur Jason, dem dritten Vliessrauber, }piTg. H/8, S. 9 7 . TnJfDas goldene Vliess, 1/2, S. 19, V. 207; vergl. S. 35, V. 44-3, f^Ebda, 1/2, S. 54, V. 201; vergl. S. 29, V. 394. T&bda, 1/2, S. 19 , V. 216 f f . iP^Ebda, 1/2, S. 54, V. 196. -"-^Ibda, 1/2, S. 28, V.,369; S. 28, V. 377; S. 29, V. 396. - 59 - i s t es der durch das Adjektiv • "golden" noch i l l u s t r i e r t e glorreiche Ruhm, der in "des Gottes Goldpanier'1 zu locken schien: "erkennst das Zeichen du, um das du rangst?/ Das Medea richtend, indem sie ihm das "goldene Vliess" vor Augen fiihrt. Das Vliess und die Blume sind also als "Zeichen" alles dessen, dem der Einzelne einen eingebildeten Wert ver- l e i h t , blosse leblose Gegenstande Requisiten, ohne jede selbsttatige, magisch wirkende Kraft, ohne jeden gliicksbringen- den oder verderblichen, materiellen Wert. Auch das w i l l Grillparzer nicht verkannt wissen, aus Eurcht, sein gleichnis- haftes Drama konne, wie damals seine "Ahnfrau," als blosses Schicksalsdrama abgewertet und missinterpretiert werden; deshalb seine Anmerkung: "das Vliess begleitet sinnbildlich 130 die Begebenheit, ohne sie zu bewirken." Es i s t ausserst wichtig zu beachten, dass das ersehnte und erstrebte Gut mit Unrecht erworben wird—das Grillparzer als letztes der drei Attribute durch deren Steigerung beson- ders hervorhebt—wodurch der Tater also Schuld auf sich ladt. So wird das goldene, glucksverheissende Vliess durch Raub, Mord und Verrat frevlerisch erworben. Auch Libussa f i i h l t , die erwiinschte, begehrte Blume unrechtmassig erworben und, wenn auch unbeabsichtigt, "unfreiwill*ge Schuld" auf sich geladen zu haben; ganz ausserlich gesehen i s t es die Schuld des "Zu-Spat," starb der Vater doch, bevor sie ihm noch die dir ein Ruhm war und ein Gliick d i r schien? ,.129 spricht 128. 129; 130- [Das- goldene Vliess, 1/2, S. 24, V. 317. Ebda, 1/2, S. 500, V. 2364 f. Grillparzer: 1/17, S .301. - 60 - wundersame Blume zu seiner Genesung reichen konnte; "unfrei- w i l l i g , " das heisst, ohne ihren freien Willen begangen, i s t die Schuld, da es sie hinaustrieb und zur Blumensuche zwang. Hier erkennen wir des Dichters Auffassung der menschlichen Tragik: der Mensch i s t durch sein ihm eingeborenes Streben und seinen Tatigkeitsdrang, seinen "ungezahmten Trieb, hoch zu stehen," gezwungen, die Grenzen des Seienden, des "Gewohn- ten," zu transzendieren und damit die begrenzte Heimat seiner individuellen Existenz zu verlassen. Ein gluckliches, ge- niessendes Verweilen im Gegebenen, die Erucht der Zufrieden- heit, Geniigsamkeit und Bescheidung, i s t ihm i n Grillparzers Augen verwehrt; statt dessen taumelt er unruhig von Begierde zu befriedigendem "Genuss," nur um dort, im "Genuss," schon wieder nach der Begierde zu schmachten: "Geniigsamkeit i s t doch ein grosses Gut I" - "Befriedigt i s t das Tier nur und der Weise,/ den Menschen, die gleich mir und gleich den meisten,/ ward das Bediirfnis als ein Reiz und Stachel / von ew'gen Machten i n die Brust gelegt, / Bediirfnis, das sich sehnt nach der Befried'gung / und dort auch noch zu neuen 131 Wiinschen keimt." Dieses unruhige und unwiderstehlich-triebhafte Streben des Menschen, das ihn an das heiss erwunschte, lockende scheinbare "Gliick" fesselt und ihm so seine Willensfreiheit nimmt, begriindet seine "unfrei-willige," somit tragische Schuld; es i s t dennoch Schuld, i s t dieses Gliicksverlangen 1 5 1 L i b u s s a , 1/6, S. 133, V. 2057 f f . Vergl. dazu: Paust: "so tauml• ich von Begierde zu Genuss,/ Und im Genuss verschmacht' ich nach Begierde." (Paust I., V. 324-9 f.) Vergl. dazu Grillparzer: "Es fehlte ihm die Pahigkeit zu ge- niessen, darum musste er immer handeln." (uber Napoleon, Tg. 1887; vergl. Melusina, 1/4, S. 26-27, V. 426 f f . ) - 61 - in des Dichters Augen doch Ausfluss der "Selbstheit," der gegen andere gewissenlose Eigenliebe des Individuums. Das Gefiihl, dass der Mensch wirklich unter einem unent- rinnbaren Naturzwang durch seine irrationellen Krafte in ihm steht, der ihn i n "Unrecht" und "Schuld," Tod und Verderben treibt, ihn wandelt und sich selbst entfremdet, bildet somit die Tragik seiner Existenz. Der Dramatiker versinnbildlicht sie i n seinem Sundenfallmythos; am deutlichsten hebt er diesen durch die religiose Beziehung des dritten Vliessraubes zum Alten Testament hervor: das erwunschte, erstrebte Gottes- vli e s s nimmt nun unverkennbar die Bedeutung des verbotenen Edenapfels an; der Raub des ersten kommt dann dem Genuss des letzten und damit dem biblischen Sundenfall und mit ihm der Verdammung zum Tode gleich. Wie der Apfelerwerb, so i s t die unrechtmassige Entwendung des Gottes Gutes, des goldenen Vliesses, Gottesfrevel: "Das Vliess i s t das ungerechte Gut und die bose Tat," " schreibt Grillparzer im Entwurf. Der Raub bringt den Sieg des Erwerbens, aber auch die Rache, die Strafe und den Fluch iiber den unrecht mas s i gen Besitzer: "So komm, lass uns hoien, was du suchst:/ Reichtum, Ehre,/ Fluch Vergl. auch: Libussa: Im Geiste seh* ich einen schonen Garten Und drin zwei Menschen beiderlei Geschlechts Und einen Gottlichen, das Bild der Giite, der ihnen fr e i g i b t jede Frucht und jeden Baum, bis nur auf einen, dessen Frucht Erkennen. Ihr habt gegessen von dem Wissensbaum Und wollt euch fort mit seiner Frucht ernahren. (Libussa, 1/6, S. 146, V. 2320 f f . ) Ihr "wollt" bezogen auf den eigentlich unfreien Eigenwillen des Gliicksverlangenden. ^ G r i l l p a r z e r : 1/17, S. 300. - 62 - und Tod!/ In der Hohle liegt's verwahrt,/ web. dir , wenn sich's offenbart! . . . Du gehst i n deinen T o d l " 1 ^ ruft Medea, schaudernd, Jason zu. "Eine innere, schmalere Hohle, seltsam beleuchtet. Im Hintergrund ein. Baum. An ihm hangt hellglanzend das goldene Vliess. Um Baum und Vliess windet 135 sich eine ungeheure Schlange." ^ Jason stiirmt in die Hohle, betaubt den Drachen, ergreift das erstrebte Vliess und "stiirzt wankend"1^6 mit ihm heraus; von "Schauder" und "Schrecken" geschlittelt, stb'sst er aus: "Als ich's vom ( h e i l ' g e n ) B a u m e holte,/ Da rauscht 1 es auf, wie seufzend, durch die Blatter / Und hinter mir r i e f ' s : Wehe!"1^8 Die Analogie zum biblischen Sundenfall i s t offenkundig; hier das Gottesvliess am heiligen Baum, umziingelt von der Schlange, dort die Gottesfrucht am paradiesischen Baum der Erkenntnis und ebenfalls eine Schlange; hier der Sieg und die Rache—"Gliick und Ende" oder "Seligkeit und J a m m e r " — dort der Erfolg und der Fluch. Doch Grillparzers Mythus erscheint grauenvoller, schauerlicher; der Grund lie g t in den unterschiedlichen Zeichnungen der Schlangen—hier der grimmige Drache, dort die betorende Schlange Edens—sowie i n der Malerei der Stimmungen.:.. in ihrer volligen Naivitat schaute Eva im sonnigen Paradies an, "dass von dem Baum 1 3 4Das goldene Vliess, 1/2, S. 134, V. 1468 f f ; S. 132, V. 1437-38. IjgEbda, 1/2, S. 141, V. 1536 f. (Buhnenanweisung) {IgEbda, 1/2, S. 144, V. 1580. (Buhnenanweisung) t J o E b d a , 1/2, S. 140, V. 1509. j;^Ebda, 1/2, S. 145, V. 1598 f f . ^^Vergl.: Konig Ottokars Gliick und Ende; vergl. Kascha iiber die Blumen suchende Libussa: "Sie i s t i n jener Lagen einer, spricht's mir,/ aus denen Gliick und Ungliick gleich entsteht,/ am Scheideweg von Seligkeit und Jammer." (Libussa", 1/6, S. 24, V. 282 f f . ) ; " ' - 63 - gut zu essen ware; 140 Grillparzer verlegt sein verbotenes Gut in eine schauerliche Hohle, deren Greuel noch durch den abgehackten stychometrischen Rhythmus unterstrichen wird: "In der Hohle liegt's verwahrt,/ verteidigt von alien Greueln / der L i s t und der Gewalt./ Labyrinthische Gange,/ sinnverwirrend, Abgriinde, triigerisch bedeckt,/ Dolche unterm Pusstritt,/ Tod im Einhauch,/ Mord in tausendfacher Gest a l t ! " 1 ^ 1 Der gewaltig schwere Schritt, den Jason trotz geschauter Schauer und Greuel in der unheimlichen Drachenhohle, trotz bevorstehendem Tod und Verderben dennoch macht, i s t nur zu erfassen als die Tat eines un-sinnig, wahn-sinnig Rasenden, eines innerlich unwiderstehlich Getriebenen und durch heisse Ruhmsucht Verblendeten und tlberwaltigten. Dass ein solcher innerer unentrinnbarer Drang und Zwang, ein unerbittliches Wollen-Mussen, das keine Wahl zulasst, Jason wirklich zum Unverstandlichen treibt, bestatigt er selbst: "Wohl eher war* das Recht zu klagen, mir:/ Ich tue, was ich muss, du hast zu wahlen. . . . Ich muss es holen, folge, was da w i l l , 142 . . . dass ich vollende, was mir auferlegt." Die weiteren Bitten, Mahnungen und Einwande der zitternden Medea ausser Acht lassend, ruft Jason nur: "Genug nunmehr, ich w i l l ! " "Du w i l l s t ? " "Ich w i l l ! " . . . "Mir graut, dass du es w i l l s t , 143 nicht dass du's tust," ^ ruft sie zuriick; die Betonung l i e g t hier auf seinem Wollen, nicht auf seinem Tun; Jason muss wollen, muss den Vliessraub begehen, obwohl er ihn schreckt: 140 141. 142' 143; I. Mose 3/6. ;Das goldene Vliess, 1/2, S. 132, V. 1439 f f . Ebda, 1/2, S. 133, V. 1459 f.; S. 131, V. 1429 f. 'Ebda, 1/2, S. 138, V. 1495 f f . / S. 137, V. 1482. - 64 - "Mein Aug' i s t f e i g , / mein Herz i s t mutig—rasch ans Werk!"1^" Br muss wollen, somit i s t seine Tat nicht die eines f r e i Wahlenden und Handelnden, sondern die eines Getriebenen, dessen f r e i e r , durch die Vernunft gelenkter Wille den Leiden- schaften—seine heisse Ruhmsucht i s t ja eine solche—ausge- l i e f e r t und durch diese gebunden i s t . Selbst Medea fiihlt sich unter der unausweichlichen Tyrannei eines Naturdranges, nicht, wie bei Jason, durch heisse Ruhmsucht, sondern durch die heftig hervorbrechende, leidenschaftliche Liebe in ihr. Sie akzeptiert wohl die Existenz dieses Zwanges, doch ihm zu folgen, wohin er sie tre i b t , weigert sie sich, denn noch glaubt sie an die F r e i - heit und das Vermogen ihres starken Willens: Es gibt ein Etwas in des Menschen Wesen, Das, unabhangig von des Eigners Willen, Anzieht und abstosst mit blinder Gewalt; . . . Gefalien m u s s dir was d i r gefallt So weit i s t ' s Zwang, rohe Naturkraft: Doch steht's nicht bei d i r die Neigung zu r u f e n Der Neigung zu f o l g e n steht bei d i r , Da beginnt des Wollens sonniges Reich Und ich w i l l nicht (Mit auf gehobener Hand. ) i a t-Medea w i l l nicht Uber die fiir sie unglaubhafte Unfreiheit des Willens, iiber die innere Gezwungenheit des Tuns, spottet sie noch: "Ei 146 hort!/ sie wollte nicht und t a t ' s i " Ungliicklicherweise i s t dieses Schicksal Perittas, einer ihrer Jungfrauen, eine Vorandeutung ihres eigenen; nur zu bald entpuppt sich ihr Glaube an ihre Willensfreiheit als furchtbarer Trug und ffijJas- goldene Vliess, 1/2, S. 137, V. 1484. nT̂ EbdaV 1/2, S. 105, V. 1012 f f (Sperrdruck von Grillparzer) ^ E b d a , 1/2, S. 10, V. 63 f f . - 65 - Irrtum, wie es der weitere Geschehenslauf eindeutig genug beweist. Wie haufig deutet Grillparzer doch auf die Willensohn- macht des Menschen, auf sein notwendiges, unabwendbares Hinausverlangen und Hoch-Streben i n ihm: "Diese Ruhe, diese S t i l l e , / lastend driickt sie meine Brust./ Ich muss fort , ich muss hinaus / . . . Seht ihr mich verwundert an?/ 'Nur ein Thor verhehlt den Brand;" . . . "Wie, du wolltest -?" 14-7 "Was ich mussi . * . Ich kann nicht andersi" versichert Rustan. Und die Jiidin, Rahel, gesteht iibermiitig: "Ich w i l l 'mai den Konig sehen . . . ich muss 'mai den Konig sehen,/ 148 und er mich;" der Konig selbst, Alfons, erkennt: "Und 149 unser Wille w i l l oft, weil er mussi" J Und i s t das Wollen- Mtissen einmal erwacht, dann gibt es kein Zuriick mehr: "Be- 150 weinen kann ich dich, riickkehren nicht 1" ^ erlautert Jason Medea; nur vorwarts mit zwingender Gewalt zieht es den Willens- ohnmachtigen und treibt ihn zu Taten, die er entweder eigent- l i c h nie begehen wollte—wie Medea den Verrat ihrer Heimat und ihres Vaters um ihrer Liebe zu Jason willen—oder die er erst nachher, zu spat, als unrechtmassig erkennt, wie Otto- 151 kar: "Mit Willen hab' ich Unrecht nicht getani" y oder Libussa, die von ihrer "unfreiwilligen Schuld" sprach; auf 1 4 7 D e r Traum, ein Leben, 1/5, S. 26, V. 553 f f . ; S. 28, V. 569. 148pje Jiidin von Toledo, 1/7, S. 6, V. 16; S. 8, V. 69 f. WEbda, 1/7, S. 27, V. 428; vergl. auch: Libussa, 1/6, S. 33, V. 411 f.: "Hier i s t von Wollen nicht,/ von Miissen i s t diie Rede. . ..." . ^Opas goldene Vliess, 1/2, S. 139, V. 1503- 1^ 1Konig Ottokars Gluck und Ende, S. 168, V. 2864. - 66 - dem einmal betretenen Weg muss sie nun weiterschreiten, denn "ein Schritt aus dem Gewohnten, merle' ich wohl/ er zieht unhaltsam hin auf neue Bahnen,/ nur vorwarts fuhrt das Leben, riickwarts n i e ! " 1 ^ 2 Bbenso wie in Libussa erwacht der Lebensdrang, der den haltlosen Menschen unerbittlich zu dem verhangnisvollen Schritt aus dem "Gewohnten" in das "Leben," i n die Wesensfremde, trei b t , auch in der Dichterin Sappho und in der Priesterin 153 Hero, in der Konigstochter Medea und selbst in dem Herrscher Alfons; doch wahrend es Libussa aus dem Kreis der Ihren traumhaft-wunschend herausdrangte, infolge ihres inneren Wirkungsdranges, und sie diesen auf der Blumensuche ver- 154 l i e s s , in den Giessbach y stiirzte und so mit ihrem Erretter, einem Burger der "anderen" Welt zusammentrifft, bricht das fremde "Leben" in das friedliche Dasein einer Hero, Sappho, Medea oder eines Alfons ein; es erscheint ihnen in Gestalt der physisch-asthetisch schonen, unwiderstehlich-attraktiven "Erdenbiirger." . Wieder verbildlicht der Dichter deren ^ L i b u s s a , 1/6, S. 32, V. 384 f f . ^Medea und Edrita, die Grafentochter im Drama, Weh dem, der liigt, sind hier vergleichbar; auch i n anderen Punkten ahnelt das "Vliess" dem Lustspiel: -z. -B. in der Rolle, die, wie so haufig bei Grillparzer, der Kulturgegensatz spielt: der von dem gesitteten Lande ausziehende, ins "barbarische" einbrechende Mann, hier Jason, dort Leon, raubt ein Gut, hier das Vliess, dort Attalos, und entreisst dabei die dortige Furstentochter, Medea bezw. Edrita, der Heimat; als Braut folgt; diese in die Fremde; der erziirnte Vater, Aietes oder Kattwald, bleibt rachsiichtig zuriick. 1^Giessbach kann als Bild des sie fortreissenden Lebens- stromes gesehen werden; vergl.: Des Meeres und der Liebe Wellen, V. 987 f f . ; oder Das goldene Vliess, V. 589 f f ; "Die Wogen der Zeit"; oder auch die Bedeutung, die der Strom, dessen Briicken vom nachtlichen Sturm abgerissen worden waren, fiir Medeas Verhangnis hat (S. 109, V. 1082 f f . ) . - 67 - frevlerischen Ubertritt: so dringt Leander in den nicht zu betretenden Tempel, dann i n den abgeschlossenen, priester- lichen Turm Heros ein; Phaon stiirzt durch das dichtgedrangte Volk hindurch bis ans Forum, wo der grossen Dichterin, Sappho, gerade die hb'chste luszeichnung, der Olympische Lorbeer, ver- liehen worden war; und die schone Jiidin, Rahel, bricht in den abgesperrten, koniglichen Garten; schliesslich f a l l t 155 Phryxus in "Kolchis* diistere Marchenwelt" das unberiihrte "Zauberland" 1^ 6 ein, das Grillparzer von dem asiatischen 157 Kiistenreich in ein "femes," "fremdes""Inselland" " ver- wandelt und das auch Jason bald betreten wird; dort gelandet, schleicht Jason sich dann in den abgelegenen Turm Medeas; ganz unvorstellbar scheint ihr des Fremden frevlerischer E i n t r i t t : "Wie kam' ein Fremder in diese Mauern?/ Wie hatt' ein Sterblicher sich erfrecht,/ zu drangen sich vor Medeas AntlitzJ . . . Betrat ein Fuss,/ eines Frevlers Fuss / die heilige Statte?/ Angst bef a l l t mich, Schauer fasst mich!" 1^ 8 Gora, Medeas Amme, erklart ihr jedoch: "Ein Mensch war's, 159 ein Ubermiit'ger, ein Frecher / der hier eindrangi" ' Der verhangnisvolle, frevlerische Schritt dieser iiber- miitigen Frechen aus ihrer heimatlichen Existenz in die Wesens- fremde pflanzt sich mit unerbittlicher Notwendigkeit weiter for t : "Das eben i s t der Fluch der bosen Tat, dass sie ffipas goldene Vliess, 1/2, S. 84, V. 689- ;^„Ebda, 1/2, S. 177, V. 171. , 1 5 /Ebda, 1/2, S. 193, V. 400; S. 118, V. 1190 und S. 223, V. 953; S. 59, V. 296. J-^Ebda, 1/2, S. 77, V. 589 f f . ; S. 64, V. 412 f f . l s9Ebda, 1/2, S. 77, V. 582 f. - 68 - fortzeugend, Boses muss gebaren. Dieser Satz i s t so wichtig als irgend einer i n der Welt; . . . ein Unrecht hat ohne Notigung von aussen das andere zur Folge." 1 6^ Phryxus raubte das Gottervliess, entfloh und trug so "das ungerechte Gut und die bose T a t " 1 6 1 unter die Menschen, wo es in jedem sofort das gierige Verlangen auf dessen ruhmverheissenden Besitz erregt, um dessentwillen ein jeder den anderen riick- sichtslos selbstisch verdirbt; auch Medea wird in dieses erbarmungslose Raderwerk hineingerissen und von ihm zermalmt, obwohl sie sich in ihrer Willensstarke und Entschlossenheit ihm im entlegenen, einsamen Turm zu entziehen versuchte; "du wahnst dich f r e i , und du bist gefangen;/ kein Mensch, kein Gott loset die Bande,/ mit denen die Untat sich selber urns t r i c k t . 1 , 1 6 2 Auch der schicksalsschwere Schritt Rahels, Phaons oder Leanders, wie der Libussas, fuhrt zwangslaufig, unumganglich zu neuem Ungliick, indem sie namlich durch ihr unvermutetes, fremdartiges Erscheinen in der "anderen Welt" das liebende, unruhige Begehren in einem derer Vertreter erregen. So bewirkt das erste Begehren ein nachstes, und dieses ein weiteres, so dass es sich in unendlicher, unauflosbarer Kette von einem ihrer Glieder zu dem anderen unerbittlich fortpflanzt; keines wird "den Ursprung zu verleugnen" vermogen, Grillparzer: 1/17, S. 301; dieses Wort Schillers setzte Grillparzer auf die erste Seite seines Vliessmanuskrip- tes (A. Ehrhard/M. Necker: P. Grillparzer, S. 97). j-glEbda, 1/17, S. 300. 1 6 2Das goldene Vliess, 1/2, S. 51, V. 130 f f . - 69 - "es spornt sie gleicher, ungezahmter Trieb." "Die Geschichteder ersten Menschen hat in der Tat sehr v i e l Poetisches. . . . Strafe der Untat bis ins spateste Geschlecht" waren fur den Dichter "durch ihr immerwahrendes Vorkommen als in der innersten Natur des Menschen begriindet anzusehende Vorstellungen . . . daher fur die Poesie von hohem 16-5 Werte." y Und der als Strafe iiber die Enkel der ersten Frevler verhangte Fluch i s t es eben, dass an sie die Versuchung und Verlockung auch einmal herangetragen wird und in ihnen den "gleichen ungezahmten Trieb," das gleiche unruhig qualende "Bediirfnis" ihrer Vorganger erweckt und sie ebenfalls zu einer unrechtmassigen Tat treibt; das Los, das jeder Mensch einmal selbst zwangslaufig dem Getriebensein, dem Wollen- Miissen anheimfallen wird, i s t das Ungliick, die Strafe, die Rache, die als "Erbfluch" auf den "stolzen Enkeln" lastet, "damit noch fernen Enkeln kund es werde,/ dass sich der Frevel 164- racht auf dieser Erdel" Diese unabwendbare Schicksalshaftigkeit eines j'eden Enkels e r f i i l l t sich aber auch an Sappho, Medea, Hero, Alfons einerseits und an Rahel und Rustan andererseits: fur die erst genannten hohen Erkorenen besteht es i n der Begegnung mit dem einfachen Erdenbiirger einer fremden Daseinssphare und i n dem ungezahmt triebhaften, unwiderstehbar verhang- nisvollen Lebenswunsch i n Form eines ihnen bisher unbekannten heissen Liebesverlangens, 1 6^ das beispielsweise Sappho j-^Grillparzer, Tg. II/6, S. 72; 11/10, S. 187. J-^Das goldene Vliess, 1/2, S. 160, V. 1768 f f . ^Vergl. 1 Kloster bei Sendomir, Graf Starschensky lebte " s t i l l und abgeschieden im Schlosse seiner Vater . . . nie - 70 - berauscht ausrufen lasst: "und leben i s t ja doch des Lebens hochstes Z i e l ! " Dieses Liebesgefiihl i s t sehr unterschiedlich: es i s t die "Wollust," die Liebe in ihrer tiefsten Form—deut- lichste Verbildlichung des die Personlichkeitsschranken sprengenden "ungezahmten Triebes" des Menschen—die Liebe als sinnlich-sensuelle Leidenschaft, die den allzu kindlich 166 unbertihrten, tugendsamen, fehllosen Konig Alfons bezau- bern, berauschen, anlocken, verfiihren und schliesslich iiber- waltigen und verwandeln konnte; denn sie i s t ihm, dem s i t t - samen, friihen Ehegatten einer sittsamen, faden, kuhlen Eng- landerin unbekannt. In der "iipp'gen Schonheit" 1 6'' der jungen Jiidin Rahel t r i t t sie ihm entgegen, in dem "Weib als solchem, nichts als ihr Geschlecht,/ und racht die Torheit an der Weisheit Z o g l i n g " 1 ^ . hatte man ihn einem weiblichen Wesen mit Neigung zugethan gesehen . . . ein von Natur schiichterner Sinn, und . . . ein iiber alles gehendes Behagen am Besitz seiner selbst hatte ihm bis dahin keine Arinaherung erlaubt. Abwesenheit von Un- lust war ihm Lust;."-da begegnete er dem Madchen: "Ein bis dahin unbekannt es Gefiihl ergriff den Graf en bei der Beriih- rung der warmen Hand . . . eine neue Welt stand vor ihm auf und bebend folgte er seiner Piihrerin. . . . " (1/13, S. 9, 1. 23 f f . ; S. 10, 1. 22 f f . ) 166ipext: Alfons, "ein grossgewachsen Kind" (V. 453/"mit Mondscheinaugen" (V. 309), schon friih als Herrscher und Krieger ausgebildet, sagt selbst: "Mir selber l i e s s man nicht zu fehlen Zeit: . . . Das Aug gekehrt auf eines Gegners Draun, blieb mir kein Blick fiir dieses Lebens Giiter, und was da r e i z t und lockt, lag fern und fremd. Dass Weiber es auch gibt, erfuhr ich erst, als man mein Weib mir in der Kirche traute." (Jiidin von Toledo., 1/7, S. 12, V. 176 f f . ) 167pje Jiidin von Toledo, 1/7, S. 105, V. 1937. l b aEbda, 1/7, S. 52, V. 859 f. - 71 - Alfons, . . . ein, im guten Sinne des Wortes, wohl erzogener Prim;ohne die Liebe eigentlich je zu ken- nen, schon friih mit einer Prinzessin vermahlt, in der er fiir alles Befriedigung findet, was der Umkreis s e i - ner Wunsche bisher erreichte; ein Herz und eine Seele mit ihr, beide gutartig, edel, vornehm, wohlerzogen, wie Bruder und Schwester . . . er selbst fiihlt sich gliicklich in dem ungestorten Gleichgewichte seines Wesens . . . d i e Welt hat ihn noch nicht in ihre strenge Lehre genommen.. Alles i s t gut, da erscheint jene Jiidin, und ein Etwas wird in ihm rege, von dessen Dasein er bis jetzt noch keine Ahnung gehabt: die Wollust. In seinem Garten spazieren gehend . . . f a l l t die schone Jiidin zu des Konigs Piissen; ihre Arme umfassen seine Piisse, ihr iippiger Busen wogt an seine Knie gepresst und—der Schlag i s t gesche- hen . . . . Ungeheure Garung in seinem Innern, Alles, was er i s t und war, lehnt sich auf gegen das neue, Wahrend auch bei Sappho in ihrer Liebe zu dem ihr geistig ganz unebenbiirtigen, wesentlich jiingeren Phaon das Sinnliche noch stark mitschwingt, v i e l l e i c h t sogar iiberwiegt, i s t die Liebe fiir Hero mehr jugendlich schwarmerische, iiberschwenglich begliickende Liebesleidenschaft; diese, auch von dem Sinnlichen nicht f r e i , entspringt ihrem hungrigen Verlangen nach bisher vermisster Liebe und Warme und nach ihrem Wesen gemasser liebevoller Hingabe, durch die sie dann ganz in ihrem Gefuhl aufzugehen vermag: "Sie i s t schon wieder ins Gleichgewicht gekommen, aber eines neuen, des Gefiihles als Weib," kommentiert der Dichter selbst. Fur Medea i s t die Liebe ausserst widerwillige, verhang- nisvolle Anziehung von dem damonischen Reiz des Griechisch- Fremdartigen, der Wesensmischung von Gesittet-Ethischen, Offnen, Milden und Herben, die fiir sie erst Phryxus—den sie mit Abscheu durch ihren hinterlistigen Vater sterben sah--dann Tg. I I / 8 , S. 139, Grillparzer: 1/4, S. 293, zur Biihnenanweisung nach V. 1263. - 72 - Jason verkorpert; durch seine, Jasons, ungewohnliche Erschei- nung halt sie ihn zunachst fiir einen schonen, verlockenden17"1' 172 Gott, den sie sich dann als "Heimdar," ' den furchtbaren, s t i l l e n Todesgott erklart, da er i n ihr ein so unbekanntes Sehnen erweckt, das sie nur als Todesverlangen zu deuten 17-5 vermag: "An diesem Bangen, an diesem Verwelken der Sinne, '' an dieser Grabessehnsucht filial' ich es, dass mir nicht fern 174 das Ende der TageJ" ' Es l i e g t hierin des Dichters Voran- deutung des Verderbens und des Todes durch Selbstaufgabe und Hingabe in der Liebe. Diese Verschlingung von Liebe und Tod und durch den Wamen des Todesgottes angedeuteten Heimkehr zum Ursprung mag auf den romantischen Charakter der Liebeserfahrung und -dar- stellung Grillparzers hindeuten: "Heimdar war es, der Todes- gott, bezeichnet hat er sein dunkles Opfer, bezei.chnet mich 175 mit dem ladenden Kuss," phantasiert Medea; hier und immer wieder beobachtet der Zuschauer das blitzartige Hervorbrechen der unwiderstehlichen, unbekannten, unberechenbaren, i r r a t i o - 7 Vergl. Text: "So stand er da, in Kraft und Schonheit prangend, ein Held, ein Gott, und lockte, lockte, lockte, bis es verlockt, sein Opfer, und vernichtet. . . . Und Ruh und Gliick und Frieden prasselnd sanken, von Rauchesqualm und Feuersglut umhiillt." (1/2, S. 204, V. 622 f f . ) l/ 2Das goldene Vliess, 1/2, S. 76, V. 568, 571; S. 78, V. 604. 175fext auch: am "Sinken des Muts, an meiner Vernichtung." Das goldene Vliess, 1/2, S. 77, V. 577. iV^Ebda, 172T S. 76, V. 564. 175Ebda, 1/2, S. 76, V. 571. Vergl. dazu: Libussa: ster- bend zum Ursprung zuriicksinkend, f l i i s t e r t sie: "Ich fiihle Himmelsliifte . . . die Eltern wenden mir ihr Antlitz zu. . . . 0 Primislaus, war das dein letzter Kuss?" (1/20, S. 456, zu V. 2499; 1/6, S. 153, V. 2505) - 73 - nalen Liebesleidenschaften schon bei der ersten Begegnung der Menschen; er spurt das seltsam Erregende, das ratselhaft Beunruhigende, das traumhaft Verzaubernde des sie berauschen- den Liebeswahnes; er sieht die wundersame Erschutterung,1''7^ die holde Wesenssteigerung durch das eine neue Phantasiewelt offenbarende Liebesverlangen; er fiihlt aber auch mit dem Gliick dieser bereichernden, den Liebenden auf eine neue Daseinsstufe 177 hebenden Liebesmacht, zugleich das Verhangnis '' dieser Wesenswandlung, dieser Selbstentfremdung, gegen die sich der Liebende in innerem Kampfe zwischen freien Selbstbehauptungs- willen und zwangsmassigen Hingebungstrieb zunachst straubt: Wir erinnern uns an die am Kapitelanfang erwahnten Worte Medeas oder der innerlich zerrissenen, liebenden Hero: "Was i s t es, das den Menschen so umnachtet / und ihn ent- fremdet sich, dem eigenen Selbst,/ und fremden dienstbar macht." 1 7 8 Weniger sensuell leidenschaftlich als die erwahnten wesenswandelnden Liebeserlebnisse eines Alfons, einer Sappho, Medea oder Hero, i s t das Libussas; dieses i s t vielmehr Eros und C a r i t a s — d i e sie in ihrer liebevollen Teilnahme und den hilfreichen Wirken fiir den Vater bewies—entselbstendes Begehren und selbstlose Hingabe, Mannes- und Menschenliebe ("Mit-Gefiihl"), zugleich, zu einem harmonischen Ganzen in -.^Vergl. Alfons in der Jiidin von Toledo, 1,7, S. 19, V. 31 4, L f ——TT i i « . J— T — ~ 3 T ? T T T T - - -• - - - tr / -• - A - 176 ?Vergl» l e r t h a : "Seit ich fiihlte seinen Kuss,/ i s t das Eeenland verschwunden,/ und auf Dornen t r i t t mein Fuss:/ Dornen, die zwar Rosen schmiicken,/ aber Dornen, Dornen doch,/ in dem gliihendsten Entziicken / f i i h l 1 ich ihren Stachel noch." (Die Ahnfrau, 1/1, S. 72, V. 1552 f f . ) I7Bpes Meeres und der Liebe Wellen, 1/4, S. 145, V. 1181 f f . - 74 - ihrem liebenden "Gefiihl" verschmolzen, in dem weder die idealen, noch die vitalen, leidenschaftlichen Lebensmachte uberwiegen. Trotzdem wird auch sie, wie ihr Vorganger—wenn auch i n abgeschwachter Form—von den gleichen Symptomen und Konsequenzen ihrer neuartigen Liebeserfahrung erfasst: deren Zauberhaftes, Umnebelndes verdrangt zugleich mit der Wesens- wahrheit Ruhe und Sammlung, Besinnung und Klarheit der Li e - benden und erzeugt Unruhe und Zerstreuung, Verstortheit und Verwirrung in ihr: in unruhigem innerem Kampf ihres instink- tiven Selbstbewahrungsverlangens gegen das fremdartige, t i e f - erregende, aufwiihlende Gefiihl, gegen ihre erwachte Neigung zu Primislaus, w i l l sie in ihrer ursprunglichen, amazonen- haften Selbstsicherheit und ihrem stolzen Selbstbewusstsein ihre Rettung einem Anderen, einem fremden Manne nicht zu verdanken haben: "Ich half mir selbst, glaub' nur! er- 179 schienst du nicht;" ' 7 auch verweigert sie ihrem Retter ein Zeichen von sich, daran sie ihn, er sie bei einem Wiedersehen erkenne, und weist seine wiederholte Werbung um sie deutlich zuriick; jedoch aus diesen ihren kurzen, knappen Antworten auf seine drangenden Pragen und Bitten schwingt in der Purcht der Selbstpreisgabe zugleich innere Betroffenheit und un- ruhige Verlegenheit iiber das soeben Erlebte mit; diese Ver- . stortheit dariiber steigert sich so weit, dass sie in ihrer Verwirrung und Zerstreuung das vergisst, um was sie urspriing- l i c h zu holen- ausging: die heilsame Blume fiir ihren tot- kranken Vater. Libussa, 1/6, S. 7, V. 27. - 75 - Ganz ahnlich verbildlicht der Dichter diese innere Verwirrung der jungen Hero durch ihr Zusammentreffen mit Leander wahrend ihrer hohen Priesterweihe: Priester: "Was ist ? Du stockst?" Hero: "Herr, ich vergass die Zange." "Du haltst sie in der Hand." "Der du die L i e b e — " "So hiess der erste Spruch. Lass nur! Zum Opfer!" (Hero giesst Hauchwerk ins Peuer. Eine lebhafte Plamme zuckt 1 o n empor.J" "Zu v i e l i - Doch gut! - Nun noch zum Tempel. Komm!" Sich entfernend "sieht Hero als nach etwas Pehlendem . . . zuri i c k . 1 , 1 8 1 Wie Hero oder Libussa wird auch Alfons durch sein L i e - l ft? beserlebnis benommen, zerstreut, verwirrt : da der Konig auf die schone Rahel, die in ihrer Angst seinen Fuss um- klammert, herabsieht, bemerkt er: "und wie sie schaudert., schiitternd mich mit sich." Konigin: "Wollt ihr nicht gehn?" 183 "Ihr seht, ich bin gefangen," ^ antwortet er und befiehlt Garceran: "Bring sie vorerst nach einem der Kioske, die rings im Garten stehn, und kommt der Abend—" "Ich hore, hoher Herr!" "Wie nur? Ja so! . . . Und i s t es Abend und das Volk verlaufen, so fiihre sie nachHaus, und somit gut . . . 180 Augenfallige Verbildlichung des inneren Vorganges der plo t z l i c h erwachenden, heftigen Liebesleidenschaft in Hero. 1 8 1Des Meeres und der Liebe Wellen, I A , S. 110, V. 499 f f . l ^ D e r Konig wird wiederholt als "verwirrt" geschildert: "die wirre Majestat" (V. 657, V. 907, V. 1281) glaubt wahn- haft, Rahel sei "schon": "Und wie im wirren Licht seh' ich die Dinge. Ist sie nicht schon?" (Die Jiidin von Toledo, 1/7, S. 38, V. 639) Diese Verwirrung versinnbildlicht der Dichter in dem Konigsportrait, das Rahel aus dem Halt und Ordnung gewahrenden Rahmen herausloste. l s^Verbildlichung der Un-Freiheit; durch das vorangehende "wollt," i s t wohl die Willens-Unfreiheit gemeint. - 76 - 184 Nun aber fort mit diesen wirren Bildernl Lasst uns zur Tafel, mich verlangt nach StarkungI" 1 8^ Diese letzten Worte lassen schon jetzt deutlich erkennen, dass der durch die erwachte Leidenschaft innerlich aufgewuhlte und verwirrte Konig nun auch aussere, durch hierarchische Rangfolge etab- l i e r t e und aufrechterhaltene Ordnung keinen Wert mehr legt und sie hier, wie spater, vernachlassigt. Eine ahnliche, die der V/esenswandlung entspringenden Verwirrung und traumhaften Benommenheit erfasst den Gegen- i i b e r , 1 8 6 hier die v i e l umstrittene Rahel; wiederholt i s t diese schone Jiidin als Verkorperung der Wahrheit gesehen wor- den, so wenn Beriger beispielsweise von "ihrer ungebrochenen wahren Natur" 1 8 7 spricht und spater begriindet: "Daher i s t die Jiidin die Wahrheit, denn 'Al l was sie tat, ging aus aus T O O ihrem Selbst I•" Doch i s t auch sie, mit Grillparzers 189 eigenen Worten, nur: "die Wahrheit, ob verzerrt," 7 aus der ihre augenblickliche Verstortheit und traumhafte Wesens- steigerung hervorgeht. Der Begriff "Verzerrung" umschreibt fiir den Dichter das "Weder-Noch" der zwischen zwei entgegen- gesetzten Lebensformen, der der Niedrigkeit und der Hohe, hin- und hergezerrten Charaktere: "Was s o l i ich auch in dieser wiisten Welt,/ ein Zerrbild zwischen Niedrigkeit und 184 jocqB. Anm. Nr. 182. x o pDie~Judin von Toledo, 1/7, S. 19, V. 314; S. 20, V. 333, V. 398 f f . I86yergl. auch Phaon: "0 konnt1 ich doch . . . Besinnung mir und Klarheit mir gewinnen;" Sappho, .1/1, S. 276, V. 315 f f . 187, 188L. Beriger, Grillparzers Persb'nlichkeit in seinem Werk. S. 97, S. 109. 1 8 9 p i e Jiidin von Toledo, 1/7, S. 93, V. 1385. - 77 - Grosse" 1^ 0 verurteilt sich vergleichsweise Don Casar. Auch Rahel wird als " Z e r r b i l d " 1 ^ 1 bezeichnet; als Entstellung ihres wahren Ichs verbildlicht der Dichter dieses in ihrem Spiegelbild: "Man bringt das Haar in Ordnung, weist zuriick,/ was sorglos sich zu weit hervorgewagt / . . . A l l e i n die Wolbung hier entstellt I ! , i92 Diesem Schicksal der Verzerrung, der existentiellen Unwahrheit, v e r f a l l t Rahel, da sie sich eigenwillig trotzig aus dem heimatlichen Kreis der Ihren hinaussehnt, um den hohen Konig einmal zu sehen; sie verlasst daraufhin ihren Existenzbereich und t r i t t i n den "verbotenen" x <^ koniglichen Garten zur Besuchsstunde des Herrschers ein. Jedoch im Gegensatz zu den vorher beschriebenen, ausser- gewohnlich Hochstehenden i s t es nicht Liebesleidenschaft durch die diese aus ihrem Daseinsbereich herausgerissen, entwurzelt und von einer hoheren, kontemplativen Lebenssphare der Herr- scher, Kiinstler und Priester herabgezerrt wurden; bei Rahel handelt es sich vielmehr um eine Form des iibermiitigen "Gros- senwahnes," ein unruhiges, ehrgeiziges Streben eines DUI>ch- schnittsmenschen hinauf in die hohere Sphare Aussergewohn- licher, das wir als Ruhm- und Machtsucht schon in Jason und Ottokar erwahnten. Wie i n der ersten Gruppe der von Liebesleidenschaft Herabgezogenen, Alfonsos "Wollust," so s t e l l t i n dieser 1Q°Bruderzwist, 1/6,.-S. 281, V. 1894 f. XX XDie Jiidin von Toledo, 1 / 7 , S. 82, V. 1481. 'X^Ebda, 1 / 7 , S. 60, V. 1013. w E b d a , 1 / 7 , S. 5 , V. 2; S. 19, V. 322. - 78 - anderen Reihe Rahels Grossenverlangen 7 den "ungezahmten Trieb," das Transzendierungsstreben des Menschen in seiner elementarsten, tiefsten und naturhaftesten Form dar. Ihre Motive und Zweck-Mittel sind niedrig: es treibt sie torichte Neugierde: "Ich w i l l 'mai den Konig sehen;/ und den Hof und a l l ihr Wesen,/ a l l ihr Gold und ihre Geschmeide. "^5 D i e s e Worte zeigen, dass ihre Neugierde, auch einmal die andre, ihr unzugangigen, verbotenen Welt des Hohen sehen zu wollen, weniger der tieferen Bedeutung, dem eigentlichen Kern, als dem ausseren Glanz des Herrschertumes g i l t . Neben dieser kindlichen Neugierde bewegt sie torichte E i t e l k e i t , egoisti- sche Gefallsucht und selbstsiichtiges Geltungsbedurfnis unter ihresgleichen: "Wenn er kommt und wenn er (der Konig) fragt:/ Wer i s t dort die schone Jiidin? - Rahel, Herr!/ Isaaks Rahel! sprech 1 ich dann,/ . . . heisse dann die schone Rahel./ Mag der Neid darob zerplatzen,/ wenn sie's argert, kiimmert's mich?" 1^ Ihr Grossenstreben i s t somit nicht kunstvolles, lang durchdachtes PIanen und klug berechnetes, absichtsvolles Handeln, sondern leichtfertiges Spiel augenblicklicher•Ein- f a l l e und unverniinftiger Launen. So kommt es dann zu dem fatalen Zusammentreffen zwischen ihr und dem Konig. Als sie vor seinen Haschern zu entfliehen Shnlich sind in dieser Hinsicht Rahel und Maria; "0, hatt ich niemals mehr zu sein begeht / . ". . warum ver- sucht ich kiihn die Macht der Holle.!./ Weh, e i t l e Torin mir, dass ich das Haus,/-das friedliche, das engbegrenzte Haus / der Vater f li e n end diese (fiirstlichen) Hallen suchtei!/ Ich ware dennoch schuldig, seit der Stunde / . . . als gefallen ich i n Pedros A'rmen (des Konigs) lag." (Blanka von Kastilien, II/2, S. 217, V. 4459 f.; S. 223, V. 4597 f.; S. 225, V. 4682 f f . j-95pje Jiidin von Toledo, 1/7, S. 6, V. 16 f. 196 Ebda, 1777 S. 8, V. 71 £. - 79 - sucht, dann aber bei dem Herrscher selbst Schutz erflent und sich von Schreck und Angst erschiittert vor ihm nieder- wirft, stosst sie aus: "Uberall Angst und Tod / . . . Ich w i l l nicht sterben, w i l l nichti Nein, nein, nein!" 1^ 7 Dieser schicksalsschwere Schritt aus dem Gewohnten in eine fremde, "verbotene" Welt bewirkt eine ungeheuere Wesens- erschiitterung, deren Ausdruck t i e f e Betroff enheit, schreck- 198 hafte Verstortheit, J "Sinnverwirrung," "Wahn-Sinn" i s t : der "Schreck beraubt sie fast der Sinne,/ und wie sie schau- 199 dert, schutternd mich mit sich;" mit ihrem Schaudern er- schiittert sie zugleich ihn, Alfonso, den anderen von der ihr unbekannten Welt, der nun seinerseits ebenfalls aus seinem Gleichgewicht gebracht und von ihrem Wahn und dem Wirbel des Geschehens erfasst wird; "da fasst' auch mich der Wahnsinn wirbelnd a n i " 2 0 0 so beschreibt auch Jason, der Grieche, seine Begegnung mit Medea, der Kolcherin. Diese wahnsinnsartige Wesenserschiitterung i s t die zwangs- laufige Folge der iiberwaltigenden "Erkenntnis," dass der menschliche Daseinsbereich nicht aus vermeintlich einer, der bisher heimatlich bekannten, sondern aus zwei, polar entgegengesetzten "Welten," der vertrauten und der fremden, besteht. Diese Erkenntnis, die ein plb'tzliches Gefiihl der eigenen Begrenztheit und Unvollkommenheit, Einseitigkeit und J-^Die Jiidin von Toledo, 1/7, S. 18-19, V. 307 f f . " Verbildlicht i s t diese Wesensverwirrung folgender- massen: "und wie das Kleid verschoben und zerstort." 1/7, S. 23, V. 364. 199pie Jiidin von Toledo, 1/7, S. 19, V. 313 f f . 2 0 QDas goldene Vliess, 1/2, S. 196, V. 464; vergl. auch: S. 142, V. 1551 f. - 80 - 201 Halbheit hervorruft und den Wunsch nach individueller Vervollkommnung und die Habgier nach dem bislang Vermissten erweckt, gleicht einem Todeswahn; er iiberfallt Rahel genauso wie den Menschen, der die Grenze seines paradiesischen Lebens transzendierte und in den Tod der Welt schritt; ahnlich schildert Jason, der seine Heimat verliess und i n Medeas Sein einbricht, diesen Wahn: "als hatt' des Lebens Grenz' ich iiberschritten,/ und stund' auf einem unbekannten Stern,/ 202 wo anders die Gesetze alles Seins und Handelns." Die Uberwindung der widerstrebenden Medea, der Vliessraub, i s t 203 ja ein Schreiten in den Tod; y Medea selbst hat diese schau- rige Erfahrung bei ihrem Zusammentreffen mit Jason und durch die Vision des Todesgottes Heimdar schon gemacht; daher klagt sie: "Schlange!/ die mich umwunden, die mich umstrickt, 204 die mich verderbt, die mich getb'tet!" Dass das Dasein des in seinem Grossen- oder Liebesverlangen "leben" wollenden, so aber in den Tod transzendierenden Menschen, Tod bringt, und dass a l l e i n die geniigsam, wunsch- und willenlose Natur lebt, spricht auch Libussas naturverbundene Schwester Kascha aus: "Das Leblose lebt,/ des Lebend'gen Dasein i s t Tod./ Ich mag nicht herrschen iiber Leichen, geht zu andern mit euern Reichen," 2^ und lehnt damit die angebotene Bohmenkrone ab. 201 Vergl.: Gedicht: Der Halbmond glanzet am Himmel, 1 / 1 1 , S. 81. 2 0 2 D a s goldene Vliess, 1 / 2 , S. 117, V. 1180. 203"ich sage d i r , du st i r b s t ! . . . Zum Vliess! Zum Tod! . . . " (Ebda, 1 / 2 , S. 132, V. 1438) S. 134, V. 1464; auch: S. 143, V. 1 5 5 6 . 2 Q ADas goldene Vliess, 1 / 2 , S. 142, V. 1 5 4 1 f f . 2 0 5 L i b u s s a , 1 / 6 , S. 19, V. 2 1 1 f f . - 81 - Transzendierung, Selbstiiberhebung, Anders-Sein- und Mehr-Scheinen zu wollen, als was man ward gemacht, i s t Hybris, frevelhafter, torichter Ubermut, dessen Strafe Tod. Dieses wird auch durch die Worte des alten Vaters iiber Rahels to l l e s Treiben nach ihrem ersten Todesschrecken deutlich; in erneu- tem Transzendierungs-, Grossenverlangen spielt sie ausgelassen mit ersehnter Grosse, mit Krone und Koniginstatus, mit konig- l i c h Heiligem, dem totbringenden Verbotenen; wie der erste Mensch bei dem G r i f f nach dem paradiesischen Apfel oder der erste und die nachfolgenden Rauber bei ihrem unrechtmassigen 206 Erwerb des Vliesses, "des Gottes Banner," den Tod greifen, so Rahel, da sie sie Schranke, die koniglich und somit fiir sie " h e i l i g , " verboten sind, ruchlos, iibermiitig aufbricht und den darin verschlossenen Inhalt, ei'nige Pastnachtskleider, frevlerisch entnimmt: "Kaum wusste sie voriiber die Gefahr," beginnt Rahels Vater, "da kam zuriick der alte Ubermut:/ sie lachte, tanzte, sang, halb t o l l von Neuem,/ sie riickte das Gerat, das h e i l i g i s t , / bewacht von Tod, und poltert - . . . und offnet sie; da hangen nun Gewander a l l e r Art:/ . . . da wahlt sie eine Krone sich heraus/ . . . legt sich ein schleppend Kleid um ihre Schultern / und sagt, sie sei die Konigin. Ja, Torini" Zuletzt s t e l l t sie "des Konigs Bild, gelb'st vom Rahmen," vor sich auf, "nennt es Gemahl," und P0&)as goldene Vliess, 1/2, S. 54, V. 196. 'In der "Eastnacht" als Gipfel und Ausklang der frohlichen Tollheit des Karnevals vor dem michtern-faden Aschermittwoch, konnte man symbolisch eine Parallele zum Hohe-, Wende und Endpunkt von Rahels iibermiitiger Ausgelassen- heit und tollem Spiel sehen. - 82 - spricht verwegen: "Ich aber red' ihn an als Konigin / mit ?08 Mantel und mit Krone, die mich kleiden." Von nun an zieht das "Leben" an dem Transzendierenden wie ein unfassbarer Traum—als Fortwirkung des i n der ekstatisehen Phantasie entsprungenen Wunschtraumes von dem ersehnten Grossen- oder Liebesgluck—vortiber, einem unglaublich phan- tastischen Marchenspiel gleich, das man erlebt, indem man zuschaut. 2^ Rahel, nun zur Geliebten des hohen Konigs auf- 210' gestiegen—"schwindelt's dich? Furwahri" spricht Garceran vor sich hin—iiberkommt das Gefiihl eines unbegreiflichen Traumdaseins: "Bin ich doch selbst ein Traum nur einer Nacht," meint sie. Auch der Konig empfindet sein jetziges Leben mit 212 Rahel als ein "Traumspiel," das er im "Retiro," in welt- verborgener, schuldvoller Zuriickgezogenheit zugleich als Handelnder, Leitender und Zuschauender erlebt; in der Rolle des ersten spielt er den leidenschaftlich Liebenden und Geniessenden, in der des zweiten, den Regisseur, der dieses verwirrende Spiel jederzeit abbrechen und "in sein eigent- 213 liches Nichts" auflosen konnte, und in der des letzten, 2 Q 8 D i e Jiidin von Toledo, 1/7, S. 32 f f . , V. 528 f; V. 568; V. 547i QV. 594 f. ^ u"Vergl.: Medea: "Wenn ich das Marchen meines Lebens mir erzahle-, / diinkt mir, ein anderer sprach, ich horte zu." (1/2, S. 286., V. 2073.) Vergl.: Jason: "Ich selber bin mir Gegenstand geworden,/ Ein andrer denkt in mir, ein anderer handelt./ Oft sinn* ich meinen eignen Worten nach,/ wie eines Dritten, was damit gemeint,/ Und kommts zur Tat, denk' ich wohl bei mir selber:/ Mich s o l l t s doch wundern, was er tun wird und was nicht." (1/2, S.. 118, V. 1196) 2l°Die Jiidin von Toledo, 1/7, S. 53, V. 883; vergl. Rustan. 1/5, S. 127, V. 2506. 21lEbda, 1/7, s . 58, V. 979. ' o^Ebda, 1/7, S. 55, V. 904. ^^Ebda, 1/7, S. 55, V. 9 0 5 - - 83 - den verurteilenden Richter seiner eigenen Handlungen, der schuldhaften Vernachlassigung gottgefall'ger Pflichten des Gatten und des Herrschers. Von solchen Gewissenskonflikten werden, wie erwahnt, nicht a l l e Grillparzerischen Menschen gemartert, auch die leichtlebige Rahel nicht; so wird sie in dem Genuss ihrer ScheingrSsse i n dieser traumhaften Welt nicht gestort, der sie sich ganz hinzugeben und ihrem Wesen gemass, in ihrem Hang zum oberflachlichen Schein und flitte r h a f t e n Glanz, in ihrer eitlen Gefallsucht und wesenlosen Sinnlichkeit aufzugehen vermag. Auch Rustans "Leben," in dem er, der phantasievoll ver- traumte, schwarmerisch leidenschaftliche Jungling, durch Zanga, den "Feind, Versucher, bosen Engel," den "Morder! 214 SchlangeJ TeufelI" aus der erstickenden Monotonie, zugleich aber aus der idyllischen Geborgenheit seiner niedrigen, landlichen Hiitte heraus auf den hohen Gipfel des "neidens- 215 werten Gliickes der Grosse" y eines Konigs und Koniginnen- gemahles gefiihrt wird, i s t Traum, phantasievolles Wunsch- bi l d , das nun jedoch in des Dichters Darstellung nicht mehr Realitat, nicht mehr Leben als Traum, sondern schon Traum als Leben i s t : "Eine Nacht, und war ein Leben," - "eine Nacht! pic Es war ein Traum." Wiederum erlebt der ubermutig Wiinschende und abenteuer- l i c h Transzendierende das unbegreiflich verworrene Traumspiel zugleich als subjektiv leidenschaftlich Handelnder und 214. Per Traum, ein Leben, 1/5, S. 128, V. 2512; S. 131, 'Ebda, 1/5, S. 18, V. 323. 'Ebda, 1/5, S. 134, V. 2618 f. 216 - 84 - objektiv richtender Zuschauer, indem sein Ich durch die traumhafte Wesenssteigerung und -wandlung in ein Schein-Ich und ein wahres Ich z e r f a l l t , sich "zerstreut"; erfolglos Rustans, den von seinem Grossenwahn verblendeten, sturmisch Strebenden vor unrechtmassigen Taten und deren verhangnis- vollen Folgen zuriickzuhalten; so beispielsweise, als Rustan am Anfang seines Traumes die einen Konig verfolgende Schlange mit seinem Wurfspeer verfehlt und sein Versucher, Zanga, ihm anrat, sich selbst als Tater, der das Tier erlegte und den Konig rettete, auszugeben; doch Rustan schwankt: "Nimmer so l l s t du mich beriicken,/ mich mit fremder Tat zu schmiicken,/ und doch konnt' ich's auch nicht sehn,/ . . . einem andern P i ft nachzustehn." Auch die eindringlichen Worte des wahren Retters, die sein reines Ich ihm im Traum eingeben, vermogen ihn nicht zur "Heimkehr" zu bewegen: "Willst mit Andrer Taten prahlen,/ Willst mit fremdem Golde zahlen?/ Gliick und Unrecht? L u f f g e r WahnI/ Ruhm dich des, was du getan." "Er hat recht, und ich w i l l fort. Zangal komml wir kehren heim . . . und 219 dennoch! - Nein! Nein! es darf, es s o i l nicht sein!" J Jedoch immer zagender und l e i s e r wird diese richtende, war- nende Stimme des wahren Ichs in Rustan, bis es im stummen, anklagenden und verurteilenden, zuletzt ins Gefangnis ver- versucht das Letzte, das sanfte, fromme und milde 217 Ich 217 218: 219; Per Traum, ein Leben, 1/5, S. 9, V. 115. 'Ebda, 1/5, S. 43, V. 859 f f . Ebda, 1/5, S. 57, V. 1120 f f . - 85 - 220 bannten Kaleb — d a "Wahrheit sprach sein stummer Mund"— fast ganz durch das immer verwegener und gewissenloser, nach Grosse verlangende Ich ubertont wird. Es i s t aber nur zu oft des Menschen Los, sowie es Rustan auch hier erfahrt, dass diese wahre Stimme in ihm nie ganz zum Verstummen gebracht werden kann und sie den Strebenden immer an die Grenzen seines Vermogens und das vergangene und zukunftige Unrecht erinnert; nie wird er sich daher v o l l i g dem Unrecht hingeben, nie ganz frevelhaft bose, Teufel sein konnen; immer wird er vielmehr als uber sein Vermogen ver- messen hinausstrebender, siindiger Mensch eine Zwischenstel- lung, ein Weder-Noch, Engel noch Teuf e l , einnehmen miissen: "Ich bin ein MenschI Ein Engel miisst ich sein,/ um, was er tat, ihm zu vergessen; oder / ein Teufel, um genugend mich 221 zu rachen!" klagt Pedriko ebenso wie der Rauber Jaromir, 222 der doch auch "menschlich f i i h l t " : "Und s o i l ich als Teufel handeln,/ mache mich zum Teufel e r s t ! " 2 2 ^ Diese Zwischenstellung, die zum zagen Wankelmut und schwachlichen Zaudern verurteilt, verdammt auch Zanga i n Rustan: "Und mit also schwankem Gang,/ mit so armlich halbem Mute / wolltest du der Herrschaft Sprossen, / du den steilen Weg zum Grossen,/ du erklimmen Macht und Rang?/ . . . Willst du siegen, musst 2 2 0 Vergl.: "Jedem Sprecher fehlt die Sprache,/ fehlt dem Horende-n das Ohr." (Massud) 1/5, V. 6 0 9 , S. 3 0 . Auch der warnehde Pelsenmann, der wahre Tater und Retter, wird als "mit klangloser Stimme" sprechend beschrieben (S. 54, V. 1 0 7 9 ) f f^Blanka von Kastilien, I I / 2 , S. 161, V. 3 3 2 9 f f . 2 2 2 D i e Ahnfrau, 1 / 1 , S. 8 6 , V. 1 8 7 0 . 2^Ebda, 1 / 1 , S. 7 7 , V. 1 6 3 3 . Vergl.: "Warum schien's, als ich es tat,/ . . . Teufel zogen mich zur Tat,/ Gottes Engel mich zuriickei" (Jaromir, S. 124, V. 2 6 7 3 f f . ) - 86 - du wagen;/ kehre denn zur NiedrigkeitI" Interessant i s t es, hier Grillparzers Bild der Briicke zu verfolgen; wenn sich der Vorhang zu dem zweiten Aufzug, mit dem Rustans Lebenstraum beginnt, heht, erblickt der Zu- schauer eine den rechten, durch Moosbank und Springquell i d y l l i s c h gezeichneten, mit dem linken Biihnenbereich verbin- dende, schmale Briicke, die sich iiber den dazwischen erstrecken- den tiefen Abgrund, "des Todes Schlund," mit einem reissenden Bergstrom wolbt. Das Biihnenbild des linken Bereiches bereitet ihn sogleich auf des Dichters Siindenfallmythos, wie er beson- 225 ders im dritten Vliessraub durch Jason y erschien, vor: "neben dem im Vorgrunde stehenden Palmbaume hebt sich in weiten Ringen eine grosse, goldglanzende Schlange, bis zu seinen untersten Blattern hinanstrebend, nach und nach 227 empor." Dann, als Rustan sich gerade der ersehnten "Frei - heit," fern der heimatlichen, niedrig engen Hiitte schwarme-. risch erfreut und sich fiir den Weg ins Gliick durch Zueignung einer falschlich hohen Abstammung vorbereitet, erscheint p l o t z l i c h auf der erwahnten Briicke, "des Gliickes, der Hoheit ppo Schwelle," der Konig von Samarkand, der hilfeschreiend vor der ihn verfolgenden Schlange zur linken Buhnenseite ^ D e r Traum ein Leben, 1/5, S. 123-4, V. 2412 f f . Vergl.: "Bist du nicht herabgestiegen, nicht gefallen von der Hohe, die mein Finger dir gewiesen, weil dem macht'gen Willens riesen fehlte Mut zur kiihnen Tat." (S. 124, V. 2435 f f . ) ^Vergl.: ". . . um Baum und Vliess windet sich eine ungeheure Schlange." 226yergl.: dieser Baum i s t ein "heiliger Baum," (1/2, S. 141. V. 1536 f, V. 1509) 227per Traum ein Leben, 1/5, S. 32, V. 638 f. (Biihnen- - 87 - f l i e h t . Rustan, dem mannlicher Heldenmut, entschlossene Tat- kraft und grosses Konnen fehlen, er daher erst von Zanga 229 zum raschen Wurf mit kluger Hast angespornt werden muss, verfeb.lt das Tier; ein anderer, i n einen braunen Mantel ge- hu l l t , erlegt es sogleich von der "rechten" Felsenhohe, das heisst in unscheinbarer, doch wahrer Grosse. Die grosse Versuchung in Gestalt des teuflischen Verfiihrers Zanga, der wie die Schlange erst den Baum erklimmt, um sich dann dem Konig zu nahern, t r i t t nun an Rustan heran: im Anblick des hohen, ausserst dankbaren Herrschers und der goldenen, getoteten Schlange verheisst ihm Zanga die ersehnte Grosse und den verlockenden Sieg; der zogernde Halbheld solle sich nur als etwas Anderes ausgeben, als was.er in Wahrheit i s t : als Tater und Retter des Konigs. Spater in Rustans Traum t r i t t eine sehr ahnliche Situation auf, als ein hexenartiges Weib, das Zanga f o l g t , Rustans Genesung von seiner bedenklich schweren, ansteckenden "Krankheit," das heisst seine mor- derische Grossensucht stillendes Herrschertum verspricht. Der zwischen "Geist" und "Herz," zwischen seinem kalten, ehrgeizigen, hochstrebenden und seinem warmen, liebevollen einfachen gewissenhaften Ich hin und her schwankende, furcht- same Rustan solle nur dem Konig die weinartige "Arznei" i n of-foer Traum ein Leben, 1/5, S. 38, V. 775. Bild des Goldes: bei Grillparzer das Symbol alles heiss Erwiinschten und Erstrebten, alles in der Fremde durch ausseren Schein kostbar Verlockenden und Bezaubernden: goldenes Vliess; die scheinbar goldene Krone, nach der Rahel verlangt und mit der sie spielt TV. 540), Rustans Traum "von des Ruhmes goldnen Pfaden" (V. 1437), des Ruhmes goldne Frucht." Phaons 'goldne Gaben," (1/1, S. 274, V. 258),"das goldne Land" des Lebens, nach dem sich Sappho hinubersehnt, (1/1, S. 280, V. 396) etc. - 88 - einem dem koniglichen Becher gleichenden Gefass reichen: "Und so s t e l l ' ich hin den Becher,/ der dich r e i z t und der dich schreckt;/ wird dein Ubel, Sohnlein, schlimmer,/ weisst du, was dir Heilung weckt." ^ Das neidenswerte Gliick der Grosse "reizt," lockt das begehrende Ich; es "schreckt" jedoch das wahre Ich, das den Weg dorthin als unrechtmassig und frevelhaft durchschaut. Vor der gleichen Entscheidung zwischen Prevel und Un- schuld, Tauschung und Wahrheit, Schein und Sein, Grosse und Idylle, links und "rechts" steht Rustan am Anfang seines Traumes. Die Briicke, auf der der Konig erschien, hat den 232 233 schmalen und gleitenden, ^ rauhen und dornigen Ubergang, den Ausgang aus der einen und den Eingang in die andere Welt, verschafft; sie eroffnet Rustan des Gliickes, aber auch des 234 Unheils Pfad, denn "das Z i e l , es i s t verderblich." ^ Dieses Z i e l i s t die Grosse, das fiir Rustan Wiinschenswerte, "mit Begierde Gesuchte"; es i s t verderblich, denn es wird das "mit Unrecht Erworbene" sein, sobald der vertraumte Halbheld sich 235 mit fremden Verdi enst zu schmiicken sucht, um sich so als Scheinheld iiber sich selbst zu uberheben, um zu scheinen, was er nicht i s t , nicht sein kann: ein zu Ruhm und Grosse, Piihrertum und Grosstaten berufener Held. o ^ D e r Traum ein Leben, 1/5, S. 79, V. 1582. ^ E b d a , 1/5, S. 75, V. 1479- ^-??u>-kvqo T / C ; . c on v 234 235 Ebda, 1/5, S. 27, V. 555. Ebda, 1/5, S. 28, V. 557-Vergl.: Jason; die Besiegung der Schlange, die das ersehnte Gut, die Grosse, hier durch die Konigsgunst, doEt durch das Vliess gegeben, umwindet, geschieht nicht aus eige- ner Kraft, sondern mit Hilfe eines anderen: hier durch den Wurf des Pelsenmannes, dort durch den Gifttrank Medeas, der Jason den Vliessraub ermoglichte. - 89 - Fiir diese verlockende Scheingrosse i s t der ehrgeizig Strebende wieder bereit, sein Leben hinzugeben: "Zanga, nun nicht mehr zuriicki/ War's am Rand mit meinen Tagen:/ 236 Ich hab' jjenes Tier erschlagenJ" ̂  Unwillkiirlich denkt man an Jasons Worte iiber seine Fahrt zum Grosse und Ruhm verheissenden Vliess: "Das Leben war, die Welt war aufge- geben, und nichts war da, als jenes helle Vliess/ . . . Der Riickkehr dachte niemand, und als war1 / der Augenblick, in dem der Preis gewonnen,/ der letzte unsres Lebens, strebten wir/ 237 . . . den Tod vor uns und hinter uns den Tod." " Mit Rustans Bereitschaft zum Schein, zur Unwahrheit und Liige t r i t t er seinen Gang in das Lebensjenseits, zum Sieg aber auch zum Tod an; der erste Schritt auf dem "Weg zum 238 Gliicke—des Unheils Pfad," ^ auf dem sich nun fiir den eitlen Toren nicht mehr "Verdienst und Gliick" (Faust), sondern "Gliick und Unrecht," 2^ Sieg und Unwahrheit, Grosse und Ver- nichtung unheilsvoll verketten, i s t getan. Und wer den ersten Schritt aus dem Gewohnten, Wahren gegangen i s t , durch den ihm die Briicke zu der traumhaften Scheinwelt der ersehnten 240 Grosse geschlagen wurde, muss auf diesem "Taumelpfad" der eingeschlagenen Bahn weitergehen, um seine unrechtmassig erworbene, erlogene Grosse aufrechtzuerhalten; die erste Liige wird somit Wurzel a l l e r folgenden Untaten, wie die l i s t i g e Erdolchung des wahren Retters auf der unseligen J ^ D e r Traum ein Leben, 1/5, S. 44, V. 876 f f . ^ADas goldene Vliess, 1/2, S. 1 9 5 , V. 432 f f . o ^ D e r Traum ein Leben, 1/5, S. 126, V. 2488. g^Ebda, 1/5, S. 57, V. 1122. ^ UST~75, V. 1499; auch "Schauerbriicke" (V. 1490), "Zweifelbahn" (V. 1518). - 90 - Briicke selbst, durch die ja Rustan in den linken Bereich der Scheingrosse eintrat, und die hinterhaltige Vergiftung des Konigs spater, sowie die grausame, tyrannische Unterjochung 241 als Usurpator ; wieder i s t die Unwahrheit der Anfang vom Ende, das erste Glied der Kette von Ubel und Laster, von Mor ; und Verbrechen. Fiir den nur traumenden, nicht die Wirklichkeit durch- lebenden Rustan, der das im Traum Geschehene auszuloschen und so "ungeschehen" machen kann, ermoglicht diese Briicke, dieser "Taumelpfad" zur Seligkeit der Grosse, gliicklicher- weise nicht a l l e i n Ende und Ausgang aus der schuldlosen Idylle und E i n t r i t t in die verlockende Welt der unrechtmas- sigen Grosse, sondern zugleich den versohnenden Wiederein- t r i t t in seinen urspriinglichen, friedlichen, kleinen, seinen Herkunft und seinen Fahigkeiten entsprechenden Existenzbe- reich der "Niedrigkeit." Da sich Rustan namlich zuletzt im Traum von der Briicke stiirzen muss und so i n dem reissenden, brausenden Lebensstrom untergeht und von dem Traum seines Lebens erwacht, steht ihm, dem noch schuldlos Reinen, den- noch durch den immer rasender werdenden Angsttraum Gelau- terten und von seinem verderblichen Transzendierungsdrang Geheilten, die weise Umkehr von der Welt der Grosse zur Idylle offen. In dem Plan zur Fortsetzung von Goethes "Faust"—und man hat den Traum ein Leben oft den osterreichischen "Paust" genannt-liess Grillparzer "nach Gretchens entsetzlicher Kata- strophe, Faust en in sich zuriickkehren," nachdem er, wie Rustan hier, erkannt hatte, "worin eigentlich das Gliick Rustan wird in seiner neuen Position als Herrscher als Fremaiing geschildert: "der eingedrungene Fremde." S. 99, V. 194^ - 91 - besteht: in Selbstbegrenzung und Seelenfrieden" : Eines nur 1st Gliick hienieden, Eins: des Innern s t i l l e r Frieden, Und die schuldbefreite Brusti Und die Grosse i s t gefahrlich, Und der Ruhm ein leeres Spiel; Was er gibt, sind nicht'ge Schatten, Was er nimmt, es i s t soviel 124-3 Rustan wird nun die heimatliche, wiedererlangte, idyllische Existenz in Verzicht und Selbstbeschrankung um seiner inne- ren Wahrheit, seiner gliicklichen Unschuld und seines inneren Friedens willen als eine paradiesische schatzen werden, trotz ihrer Begrenztheit, die er im Traum durch sein Streben in die Weite erkannte, ohne sie jedoch in Wirklichkeit zu seinem Verhangnis und Tod iiberschritten zu haben! Grillparzer: II/8, S. 35. 'Per Traum ein Leben, 1/5, S. 135-6, V. 2650. - 92 - SCHLUSSKAPITEL Besiegter Fehl i s t a l l des Menschen Tugend, , Und wo kein Kampf, da i s t auch keine Machtl" Wie die vorausgegangene Interpretation aufzuzeigen suchte, griindet sich Grillparzers Weltbild auf die tragische Schicksalhaftigkeit des Menschen, die er darin erblickt, dass sich dieser Mensch gesetzten Grenzen nicht zu unterwerfen vermag: sein Los als ein notwendig transzendierendes, schrankenlos hochstrebendes Wesen verwehrt es ihm. Daher i s t es ihm auch nicht moglich, die gottgewollte Beschran- kung seines Wesens und Wirkungskreises einzuhalten, um so seine Wesenswahrheit zu seinem eigenen Wohle konfliktlos zu wahren; denn fiir den Dichter l i e g t "Wahrheit" als existentielle Echtheit des Menschen nicht in gesetzloser, vermessener Selbstiibersteigerung, die zu zerstorender Wesensverzerrung fiihrt, sondern vielmehr in massvoller, geniigsamer Selbst- begrenzung. Gesetz erf iillung durch Gottesgehorsam i s t Vor- aussetzung dazu. E r f i i l l t wird diese Voraussetzung a l l e i n von der nicht masslos strebenden Natur,. i n der ein jedes Glied "so heut 2 als morgen, wie am ersten Tag," an seinem Schopfungstag, gehorsam Und ergeben dem allgemeinen Gebot Gottes folgt, das sein Sein festlegt und umgrenz€; denn "keines w i l l was anders sein,/ als was es ward gemacht."^ Und indem es so :bie Jiidin von Toledo, 1/7, S. 12, V. 174 f. ^1/6, S. 186,. V. 409 f f . ^1/10, S. 84, V. 25 f f . ' - 93 - seine gottgewollte Bestimmung geniigsam lebt, i s t es "wahr," i s t ; es treu vor sich und treu vor Gott, seinem Schopfer. Auch der Mensch, da er noch unberuhrtes, naiv-unbewusstes Kind war und das eigenwillige Verlangen, sein Wesen zu erweitern, zu wandeln und zu andern, noch nicht kannte, gehorte diesem wahren, wandellosen, in Gott ruhendem A l l an. Als erbschuldiger "stolzer Enkel" seiner gesetzlosen Vorfahren und als solcher von dem "gleichen, ungezahmten Trieb" in die verbotene Weite angespornt, wurde sich der Mensch jedoch nur zu bald seiner gottgegebenen Einschran- kung bewusst und suchte sich eigenwillig aus ihr zu losen; denn "zu eng diinkt ihn des Innern s t i l l e Welt,/ nach aussen geht sein rastlos, wildes Streben." Die einfachen, doch geltungsbedurftigen und ehrgeizigen "Erdenburger" drangen hinauf in den hoheren Existenzbereich des s t i l l kontempla- tiven Seins der Kiinstler, Priester und Herrscher; von ihrer Zugehorigkeit zu diesem hohen Reich Auserkorener versprechen sie sich Glanz und Grosse, Ruhm und Ehre, Macht und Geltung; die iibernaturlichen, ausserordentlichen Einzelnen hingegeh sehnen sich hinunter und lassen sich durch eine Lie.beslei- 5 denschaft in die Welt des "irdisch niedren Tuns" Ziehen; denn "mit Menschen Mensch sein dunkt"^ ihnen von nun an eigent- liches Lebensgkuck. Sobald sich aber der Wunsch nach neuem Lebensgliick, das als Wahnbild der uber-greifenden, unbegrenzten Phantasie in der Wesensferne trugerisch lockt, im Menschen regt, beginnt c l / l , S. 305, V. 819 f. gl/6, S. 34, V. 418. bI/6, S. 32, V. 403 f f . - 9* - sein schuldhafter Abfall von Gott; denn schon im Anderssein- wollen bekundet er seine Bereitschaft zum Gottesfrevel durch eigensinnige Nichterfullung seines Gebotes; die Verbannung aus "Eden" i s t Strafe dafiir: die paradiesische Einheit seiner Personlichkeit i s t nun zerstort, da sich sein Wesen in ein mahnendes, wahres und ein hochstrebendes Schein-Ich zu zer- splittern und "zerstreuen" beginnt, um sich schliesslich ganz in das Schein-Ich aufzulosen und sich durch leidenschaft- liche Hingabe an ein Du oder unwiderstehliche Besessenheit an ein Es zu verlieren. Und wer der Besessenheit, dem Ge- triebenwerden durch das eigene Begehr v e r f a l l t , v e r l i e r t un- abanderlich seine paradiesische Willensfreiheit, wenn er sich auch durch seine Grenzuberschreitung f a l s c h l i c h f r e i wahnt: "Du wahnst dich f r e i und bist gefangen. Kein Mensch, kein Gott lost die Bande, mit denen die Untat sich selber umstrickt. Weh d i r , weh uns alien!"' "Des Innern s t i l l e r Frieden," der in der festen, s t i l l e n Heimstatte und dem ruhigen, gemigsamen Familien- und Freundesgliick symbolisiert i s t , i s t diesem rastlos getriebenen, unfreien Menschen nun versagt; denn seitdem "das Herz im Busen ihm gespalten,/ und jener innre Dranger wach,/ seitdem i r r t er verbannt, a l l e i n , / betriigt andre so wie sich;" Denn wisse, wenn du mich umschlungen, Umschlangst du keinen freien Mann, Der Abgott deiner Huldigungen,. Er i s t belegt mit Acht und Bann; 1/2, S. 51, V. 130 f f . 1/5, S. 135, V. 2651. - 9 5 - Von Wunsch zu Wunsch i n ew'ger Kette Und rastlos, wie du bis t , so bleibl Dir sei kein Haus und keine Statte, kein Preund, kein Bruder und kein Weib! Ein Buttel aber beigegeben, Mit d i r , i n d i r , lass er dich nie, Der peitsche rastlos dich durchs Leben, Der wilde Damon Phantasie! Er heisse dich nach allem fassen, Was irdisch schon mit raschem Geiz, Doch haltst dus, mlissest du es hassen, Und Mangel sieh in jedem R e i z l 9 Der Mensch wird also aus seinem ruhigen und gemigsamen, wahren Sein erbarmungslos durch seine wilde Phantasie herausge- rissen und zum rast- und heimatlos Umhergetriebensein gna- denlos verdammt; denn nie wird er in ruhiger Zufriedenheit finden, was er so sehnsuchtsvoll suchte: ein "goldenes" Lebensgliick, das sich seine tiberschwengliche Phantasie so reich ausmalte und das nun in der niichternen Wirklichkeit zu einem mangelhaften Gut verblasst; der unselige Mensch verlor sich an dessen triigerischen, blendenden Schein in einer Welt, die ihm wesensfremd i s t und als solche sinnentleert, wesenlos und schattenhaft erscheint, um dann fiir ihn zu einer trostlosen, oden und "leeren Wiiste""1'0 zu erstarren. In der "Ahnfrau" noch lasst der verbitterte, tragische Dichter den Menschen, der als erbschuldiger "Siindensohn" 9 1 / 1 0 , S. 18 f f . (Gedicht: Per Bann) Vergl.: Gottes Pluch iiber Kain (I. Moses, 4 / 1 2 ) ; der Pluch iiber Aietes ( 2 , 3 6 , V. 4 8 7 f . ) ; iiber Medea und Jason durch Aietes ( 2 , 1 2 7 , V. 1366 f f . ) und den "Gottesherold" ( 2 , 2 2 2 , V. 9 3 8 f f . ) 1 0 I / 2 , S. 288, V. 2 1 3 1 f f . - 96 - ohne eigentliche personliche Schuld dem "malheur d'etre," dem schicksalhaften Getriebensein unausweichlich und ohnmach- t i g ausgeliefert i s t , i n dem unverstandlichen Irrgarten der Welt halt- und h i l f l o s untergehen. Jedoch i n seiner "Sappho" eroffnet er schon einen Weg zur wiirdevollen Wiedererlangung und -vereinigung des Ichs mit seinem Ursprung durch den schwer errungenen Verzicht auf die verlockende andere, ver- hotene Welt, sei es auch im f r e i gewahlten Selbsttod: "Ich suchte dich und habe mich gefunden," spricht die enttauschte Sappho zum unahnlichen, ungetreuen Geliebten und fahrt, vom Leben gebrochen, aber in letzter Selbstbeherrschung fort: "Ihr (heil'gen Gotter) habt der Dichterin vergonnt, zu nippen / an dieses Lebens suss umkranzten Kelch!/ . . . 0 seht, gehorsam eurem hohen Wink / setz' ich ihn hin den siiss umkranzten Becher / und trinke nicht!/ . . . Erspart mir dieses Ringens blut'ge Qual./ Ziyschwach fuhl' ich mich, 13 langer noch zu kampfen" yso sturzt sie sich ins Meer und zahlt mit diesem schmerzvollen Verzicht auf dass siisse, wesensfremde Erdendasein "die letzte Schuld des Lebens," denn "es war auf Erden ihre Heimat nicht. / S i e i s t zu- riickgekehret zu den Ihren!"1^" In dem "goldenen Vliess" s t e l l t Grillparzer dann die sinnvolle Moglichkeit des sich selbst (iberwindenden, starken Menschen dar, das selbst- 1 1 I n dem schon als Kind von einem Rauberhauptmann ent- fiihrten und erzogenen und somit aus der heimatlicheo, wahren und guten Gesellschaft ausgeschlossenen Jaromir, kann der an sich unschuldig, a l l e i n auf Grund seiner Erbsunde aus Eden verbannte Enkel des ersten schuldigen Menschenpaares gesehen werden. l ^ i n / i ^ s . 102, (im Brief an Mullner ausgesprochener Grundgedanke des Stiickes.) ^ I / l , S. 369 f., V. 1959, V. 1995 f f . , V. 2013 f.; S. 372, V. 2027, V. 2040 f. - 97 - siichtige Streben oder leidenschaftliche Begehren als zer- storende Kraft und frevelhafte Lebensschuld zu erkennen und diese durch das "TrageJ Duldel Biissei" am Ende der Lebens- tragodie zu siihnen. Im "Ottokar" beginnt sich nun ein ganz offensichtlich ins Positive gekehrter Zug abzuzeichnen: neben der dramatischen Darstellung der einsichtsvollen, de- mutigen, inneren Umkehr eines ubermiitig Hochstrebenden, dann aber erbarmlich Gescheiterten, erscheint in Rudolf I. ein eigentlicher Held Grillparzerischer Art: in starker Selbst- bezwingung entsagte dieser seinem jugendlich-eigensinnigen, selbstischen "eitlen Drang der Ehre"; er hat damit das mensch- l i c h Unzulangliche, das "Sterbliche" an sich ausgezogen, wurde so eins mit sich, mit Gott und dessen weiter Schopfungs- ordnung und konnte sich dann als ein idealer Herrscher ent- falten; als solcher eroffnet er den durch Konig Ottokar tyrannisierten Menschen den Eingang in ein neues, gliickliches Zeitalter des Friedens und des Rechtes. Seit seinem "Ottokar" sieht der Dramatiker immer wieder diese trostliche Moglichkeit eines Wieder-Findens nach schmerz- vollem, unumganglichen Selbstverlust und menschlich-schick- salhaftem Fehl. Weder r e a l i s i e r t sich diese Moglichkeit des Selbstgewinns im kampflosen Zuriicksinken des Menschen in den ursprunglichen Stand seiner paradiesischen Unschuld, noch durch einen gottlichen Akt der Gnade im christlichen Sinne; sie s t e l l t sich vielmehr dar als schwer errungene Selbst- uberwindung und -begrenzung unter entsagendem, bitterem Verzicht auf eine eigenwillige und eigensiichtige, heftig ersehnte Selbstiiberhebung; a l l e i n im "besiegten Fehl i s t a l l - 98 - des Menschen Tugend"1^; "den Anspruch bandigen der eignen Brust,/ . . . gerecht sein gegen sich und gegen andre,/ das i s t das schwerste auf der weiten Erde,/ und wer es i s t , sei 16 Konig dieser Welt." Diese Entsagung des eigenen Anspruches, des personlichen Verlangens nach den jenseits der gesetzten Grenzen lockenden Lebensgiitern der anderen Welt i s t an sich tragisch, da es dem transzendierenden, grenzenlos strebenden Wesen des Menschen widerspricht; daher auch fehlt nur zu oft 17 "Kraft ihm zum Entsagen und Selbstbegrenzung im GenussI" ' Das Gute im Menschen, das urspriinglich Gottliche in ihm erblickt Grillparzer also nicht im rastlosen Streben des sein Wesen und Geschick eigenwillig autonom gestaltenden Individuums, das. des frevelhaft iibersteigerten Ichs, sondern vielmehr r e a l i s i e r t sich dieses Gute fiir ihn in der ehr- fiirchtigen, demiitigen Unterwerfung unter das allgemeine gottliche Weltengesetz; es tut sich ihm auf in seinem l i e - benden Empfinden einer ewigen, wahren Seinsordnung und dem ungestorten Einklang mit ihr: "Denn etwas i s t , du magsts wie weit entfernen,/ das dich umspinnt mit unsichtbarem Netz,/ das, wenn du liebs t , du aufschaust zu den Sternen / T O dich unterwerfend dasteht—das Gesetz." Un d wer dieses Gesetz erfiihlt und e r f i i l l t , beschrankt sein Wesen, was sich ^ 1 / 7 , S. 1 2 , V. 1 7 4 ; vergl.: "das Unkraut, merk ich, rottet man nicht aus,/ Gliick auf, wachst nur der Weizen etwa driiber. (Weh dem, der liigt, 1 / 5 , S. 2 6 9 , V. 1 8 0 5 f.) 1 § I / 6 , S . 1 0 2 , V. 1 4 4 3 f f . T " Q I / 1 0 , S. 1 8 f f . (Per Bann) 1 / 1 1 , S. 1 8 6 (Gedicht: Wie v i e l weisst du, o Mensch) - 99 - dann in der Wahrheit seines Denkens, FiihTens und Tuns offen- bart: "Schatten, Worte, Wiinsche, Taten;/ Die Gedanken nur sind wahr / Und die Liebe, die du fiihiest,/ Und das Gute, 19 das du t u s t i " Ersteres l i e g t nicht im rationellen, den eigenen Vort'eil "erklugelnden" Denken, sondern in der i n - 20 tuitiven "Ahnung vom Ubersinnlichen" ; das Nachstgenannte bekundet sich als liebendes "Mitgefiihl," als "Wohltun" und 21 "Hilfreichsein," aus dem endlich das letzte, das gute Tun im Gegensatz zum eigenwilligen Streben und selbstsiichtigen Handeln f l i e s s t . So "war' nur der Mensch erst wahr, er war' 22 auch gut," Und so i s t denn der Gute auch der Weise; Er i s t der Feste, denn er bleibt sich gleich; Er i s t der Macht'ge, denn im selben Gleise Mit seines Schopfers Weltall r o l l t sein Reich! ZQI/V , S. 31, V. 630 f f . ? 1 T g . Grillparzers. Lesarten zu Libussa, 1/20, S. 434, auch: "Wohltun, des Lebens Wahrheit," "Seelenfrieden," "Demut," "Menschen- wert," "Selbstbeschrankung." - 100 - B I B L I O G R A P H I E . I. GRILLPARZERS SCHRIFTEN: Foglar, Adolf Grillparzers Ansichten iiber Literatur, Buhne und Leben. Hugelscher Verlag, Wien, 1872. Grillparzer, Franz Samtliche Werke. Historiscb-kritische Gesamtausgabe; hg. v. August Sauer und Reinh. Backmann, Ausgabe der Stadt Wien, Wien & Leipzig, seit 1909 f f . Littrow-Bischoff, Auguste v. Aus dem persb'nlichen Verkehr mit Franz Grillparzer, Rosner, Wien, 1875* II. ALLGEMEINE LITERATUR: Biese, Ad. Bietak, Wilh. Bollnow, Otto Pr. Brecht, W. Burckhardt, Jak. Glaser, Herm. usw. Greiner, Mart. Kant, Immanuel Deutsche Literaturgeschichte, Bd. II, 11. Aufl., S. 616 f f . Vom Wesen des osterreichischen Bieder- meier und seiner Dichtung, DVJS, Vol. IX, (1931), S. 652 f f . Unruhe und Geborgenheit, Kohlhammer, Stuttgart, 1958. Osterreichische Geistesform und b'sterreichische Dichtung, DVJS, Vol. IX, (1931), S. 607 f f . Grosse, Gliick und Ungluck i n der Weltgeschichte, Insel-Verlag, Leipzig, 1932. Wege der deutschen Literatur, Ullstein, Prankfurt/M.-Berlin, 1961. Zwischen Biedermeier und Bourgeoisie, Vandenhoeck & Ruprecht, Gottingen, 1953 • Muthmasslicher Anfang der Menschenge- schichte, Kants Werke, Bd. VIII, de Gruyter, Berlin & Leipzig, 1923, S. 107 f f . - 101 - Koch, Franz K r e l l , Leo Majut, Rud. Mann, Otto Martini, F r i t z Musaus, Joh. A. Rommel, Otto Schweitzer, Albert Stockum, Th. C. Weydt, G. Wiese, Benno v. Wilpert, Gero v. Witkowski, Georg Wolf A. Wolff, H. M. Zur Literatur- und Geistesgeschichte Osterreichs, DVJS, Vol. IX, (1931), S. 745 f f . Deutsche Literaturgeschichte, Buchner, Bamberg, 1956. Das literarische Biedermeier, Germ, rom. Monatsschr., Vol. XX, (1932), S. 401 f f . Geschichte des deutschen Dramas, Kroner, Stuttgart, I960. Deutsche Literaturgeschichte, Kroner, Stuttgart, 1961. Volksmarchen der Deutschen, Bd. I, Propylaen Verlag, Berlin, 1920, S. 331 f f . Die grossen Figuren der Alt-Wiener Volkskomodie, Wien, 1952. Goethe? Vier Reden, Beckscher Verlag, Munchen, 1953. Von Friedrich Nicolai bis Thomas Mann, Wolters, Groningen, 1962. Literarisches Biedermeier, DVJS, Vol. IX, (1931), S. 628 f f . Das Humanitatsideal i n der deutschen Klassik, Germ. rom. Monatsschr., Vol. XX, (1932), S. 321 f f . Schiller und die deutsche Tragodie des lTT~Jahrhunderts, DVJS 25, (1951), S. 205 f f . Sachworterbuch der Literatur, Kroner, Stuttgart, 1961. Das deutsche Drama des 19. Jahr- hunderts , Teubner, Leipzig, 1904, S. 19 f f . H. v. Hofmannsthal, Weltgeheimnis, Germ. Life & Letters, Vol. 11/12, (1957/59), S. 173. Goethes Weg zur Humanitat, Francke, Bern, 1951. - 102 - III. KRITTSCHE LITERATUR UBER GRILLPARZER: Jahrbuch der Grillparzer Gesellschaft, hg. K. Glossy, C. Konegen, Wien, 1890 f f . Grillparzer-Studien, hg. 0. Katann, Gerlach & Wiedling, Wien, 1924. Alker, Ernst Beriger, Leonh. Baumann, Gerh. Ehrhard, A., Necker, M. Hock, Erich Hock, Stefan Hoff, H., Cermak, I. Komorzynski, Egon v. Konig, Wilh. Laube, Heinr. Lessing, 0. E. Lichtenheld, A. Franz Grillparzer. Ein Kampf um Leben und Kunst. Braun, Marburg/L., 1 9 3 0 . Grillparzers Personlichkeit in seinem Werk, Wege zur Dichtung, hg. von E. Ermatinger, Bd. I l l , Horgen, Zurich/Leipzig, 1928. Franz Grillparzer, Sein Werk und das osterreichische Wesen, Herder, F r e i - burg/Wien, 1 9 5 4 . Franz Grillparzer. Sein Leben und seine Werke, Beckscher Verlag, Munchen, 1 ^ 1 0 . Besinnung auf Franz Grillparzer. Humanitat, Geigfciges Europa, Hoffmann & Campe, Hamburg, 1949. Der Traum, ein Leben. Eine l i t e r a r - historische Untersuehung, Cottascher Verlag, Stuttgart & Berlin, 1904. Grillparzer. Versuch einer Patho- graphie, Bergland Verlag, Wien, 1961. Eine Einfuhrung zum Traum, ein Leben, Manzsche, Wien & Leipzig, 1914. Erlauterungen zu Grillparzers: Die Ahnfrau; Sappho; Medea; Konig Otto- kar; Per Traum, ein Leben. Neu bearb. v. K. Brinkmann, Bange, Hollfeld/ Obfr., o. J. Franz Grillparzers Lebensgeschichte, Cottascher Verlag, Stuttgart, 1884. Grillparzer und das Neue Drama, Piper, Munchen & Leipzig, 1905. Grillparzer-Studien, Graeser, Wien, 1891. Muller, Joachim Franz Grillparzer, Metzler Sammlg., Stuttgart, 1963. - 103 - Munch, Use Nadler, Jos. Naumann, Walter Reich, Emil Schwering, J u l . Stein, Gisela S t i e f e l , Rud. Stori, F r i t z Trabert, A. Wolf-Cirian, Francis Yates, Douglas Brundrett, Ralph Conrad, Herm. Dunham, T. C. Die Tragik in Drama und Personlichkeit Franz Grillparzers, Neue Forschung, hg. v. R. 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Das Problem des Tragischen in G r i l l - parzers "Treuem Diener", Germ. Quarter- l y 3 1 / 2 , ( 1 9 5 8 / 9 ) , S 7 - 6 f f . - 105 - Schneider, Reinh. Staiger, Emil Sternberger, Dolf Trager, Claus Vancsa, Kurt Vordtriede, W. Wassermann, Felix M. Wells, G. A. Wiese, Benno v. Grillparzers Epilog auf die Geschichte, Dichter und Dichtung, Hegner, Koln & Olten, 1953, S. 302 f f . Konig Ottokars Gliick und Ende, Meister- werke dt. Sprache aus dem 19. Jahr- hundert, Atlantis Verlag, Zurich, 1957, S. 163 f f . Politische Figuren und Maxime G r i l l - parzers, Merkur 190, Jhg. XVII, (196377 Heft 12, S. 1142 f f . Problematische Freiheit und Irrwege der Tragodie. Per junge Grillparzer und die Krise des burgerlichen Ge- schichtsbevusstseines, Sinn & Form, 1 2 7 I I , (I960), Heft 4, S. 613 f f . Pas Grillparzerbild der Gegenwart, PVJS 19, (1931), S. 361 f f . Grillparzers Beitrag zum poetischen Nihilismus, Trivium 9~Cl"951), S. 103 f f . 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